Diese Apfelplantage wird jetzt auch Strom produzieren

So wird Strom auf Apfelplantagen erzeugt
Wirtschaftsredakteur

Das trübe Wetter lacht Obstbauer Hubert Bernhard einfach weg: „Ich bin optimistisch. Das wird definitiv klappen.“

Der umtriebige Landwirt ist bester Laune als er am Freitag gemeinsam mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die deutschlandweit erste Agriphotovoltaik-Anlage über einer bestehenden Obstkultur in Betrieb nimmt.

Mehr als zwei intensive Jahre der Vorbereitung, Planung, Projektierung und Ausführung liegen in diesem Moment hinter Bernhard und seinen Mitstreitern – eine Zeit, gespickt mit Herausforderungen und Unwägbarkeiten, die das Pilotprojekt auf den letzten Metern beinahe noch in Verzug gebracht hätten. Dass am Ende alles gut ging, dass der Zeitplan eingehalten wurde – man sieht und merkt es dem Landwirt an.

Rund 60 Kilowatt sind das bei diesem Wetter.

Hubert Bernhard, Obstbauer

Seit einigen Stunden nun speisen die über seinen Apfelbäumen auf einem Metallgerüst montieren Solarmodule Strom in das Netz des Energieversorgers Regionalwerk Bodensee, mit dem Bernhard einen langfristigen Stromabnahmevertrag geschlossen hat. Agriphotovoltaik (APV) ist der wissenschaftlich-technisch korrekte Fachbegriff für die Doppelnutzung. Oder, auf vier Worte verkürzt: unten Äpfel, oben Strom.

„Rund 60 Kilowatt sind das bei diesem Wetter“, präzisiert Bernhard, der ab sofort nicht mehr nur Landwirt, sondern auch Energiewirt ist und der über Kilowattpeak und Lichttransparenz inzwischen genauso sicher parliert wie über Apfelsorten und Pflanzenschutzmittel.

„Bei Sonnenschein kann ich den Strom förmlich hören“, sagt der Landwirt schmunzelnd und meint dabei das sonore Brummen der Wechselrichter, die unter dem Dach aus Solarmodulen in jeder Reihe hängen.

In den kommenden drei Jahren wollen Bernhard und die Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme die Technologie in der Praxis auf Herz und Nieren testen.

Es geht dabei um Fragen, wie die Apfelkultur mit der Verschattung durch die Solarmodule zurechtkommt und was das für die Erntemenge heißt, wie die Anlage die Bewirtschaftung der darunterliegenden Fläche beeinflusst und ob sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gegen nässebedingte Schaderreger wie Schorf reduzieren lässt.

Großes Potential für die Region Bodensee-Oberschwaben

Die 0,4 Hektar große Pilotanlage am nördlichen Rand der Bodenseegemeinde Kressbronn, die eine Leistung von gut 230 Kilowattpeak hat und rechnerisch 65 Privathaushalte mit Strom versorgen kann ist Teil des Projekts Modellregion Agriphotovoltaik Baden-Württemberg, in dem die Doppelnutzung von landwirtschaftlichen Flächen zur Nahrungsmittelproduktion und zur Stromerzeugung erforscht werden soll und dass das Land mit 2,5 Millionen Euro bezuschusst.

Der Region Bodensee-Oberschwaben wird besonders großes Potenzial für diese Technologie zugeschrieben, da sie sonnenreich ist und der Obstbau inzwischen größtenteils geschützt, das heißt unter Hagelschutznetzen, erfolgt. Künftig, so die Idee, könnten Solarmodule die Netze ersetzen und den Landwirten neben dem Schutz vor Hagelschlägen ein zusätzliches Einkommen durch den Verkauf von Strom ermöglichen.

Betrieb fit für die Zukunft machen

Ministerpräsident Kretschmann jedenfalls gibt sich optimistisch: „In der Agriphotovoltaik liegt eine Riesenchance“, sagte der Grünen-Politiker am Freitag in Kressbronn und sprach von einem „Pioniertag“.

Wenn man den Kampf gegen den Klimawandel ernst nehme, so Kretschmann, könne man nicht weitermachen wie bisher. Es brauche neue Ideen, neue Technologien. Baden-Württemberg müsse der Welt nicht nur zeigen, dass man Klimaschutz wolle, sondern auch könne.

Hubert Bernhard, der sich nach dem Volksbegehren Artenschutz im Jahr 2019 intensiver mit der Idee Agriphotovoltaik auseinandergesetzt hat, und darin eine Möglichkeit sieht, seinen Betrieb fit für die Zukunft zu machen, glaubt an die Technologie.

Eine Perspektive für die künftige Generation

„Ich sehe darin eine große Chance für die Landwirtschaft hier in der Bodenseeregion“, sagt der Unternehmer. Anfangs noch belächelt würden sich inzwischen immer mehr Obstbauern für seine Anlage interessieren.

Ihm gehe es um eine Perspektive für die künftige Generation, weil Klimawandel, schärfere Umwelt- und Pflanzenschutzauflagen und steigende Lohnkosten dem Obstbau in der Bodenseeregion gegenüber Anbaugebieten im Ausland immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit kosteten. Eine Doppelnutzung der Flächen – unten Äpfel, oben Strom – könne da ein Ausweg sein.

Wichtig sei jedoch, sagt Bernhard, dass dabei „so viel Wertschöpfung wie möglich auf den Höfen bleibt“. Konstruktion und Aufbau des Ständerwerks für die Solarmodule beispielsweise müssten so standardisiert und simpel sein, dass das auch die Obstbauern vor Ort hinbekommen – ohne die Beauftragung teurer Fremdfirmen.

Auch darüber hinaus gibt es noch etliche dicke Bretter zu bohren, soll die Technologie – so sie sich als praxistauglich erweist – in größerem Maßstab Anwendung finden. Die Anbindung an das Stromnetz etwa, das in der Region Bodensee-Oberschwaben überhaupt nicht für größere Stromerzeugungskapazitäten ausgelegt ist. „Das Netz hier ist ein reines Verbrauchsnetz“, erklärt Gabriel Frittrang, APV-Projektleiter beim Regionalwerk Bodensee.

Im Fall der Pilotanlage in Kressbronn hat das Regionalwerk Bodensee die Anbindung übernommen, was mit der Ertüchtigung von Stromleitungen und dem Aufbau der Trafo-Infrastruktur mit rund 100 000 Euro zu Buche schlug. „Bei kommerziellen Anlagen muss das künftig der Betreiber oder Investor übernehmen“, sagt Frittrang. Was wiederum Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit hat.

Auch genehmigungsseitig muss sich noch einiges tun, da der aktuelle Rechtsrahmen den APV-Ausbau hemmt. Denn Solaranlagen zählen nicht zu den im Außenbereich privilegierten Anlagen. Für eine Baugenehmigung ist deshalb ein Bebauungsplan notwendig. „Und der kostet Zeit und viel, viel Geld“, weiß Antonia Kallina vom Kehler Institut für Angewandte Forschung.

Und schließlich bleibt die Frage, wo all die Solarmodule und Komponenten herkommen sollen, will man sich bei Solarenergie nicht ähnlich abhängig machen wie bei Gas von Russland. „Rund 90 Prozent aller Solar-Komponenten kommen mittlerweile aus China“, sagt Andreas Bett, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg. Diese Abhängigkeit müsse man durchbrechen.

Hubert Bernhard hat das am eigenen Leib erfahren. Der Lockdown in China und Verzögerungen beim Transport der Solarmodule hätten die Inbetriebnahme der Anlage beinahe vereitelt. Am Ende ist noch einmal alles gut gegangen.

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