Tschüss Firmenwagen, hallo Jobrad

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Ein Radfahrer in der Karlsruher Innenstadt: Mit dem Jobrad-Modell beteiligt sich der Staat an der Finanzierung eines neuen Fahrr
Ein Radfahrer in der Karlsruher Innenstadt: Mit dem Jobrad-Modell beteiligt sich der Staat an der Finanzierung eines neuen Fahrrads. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Deutschland ist Autoland. Zweifellos. Doch der „Drahtesel“ holt auf. Mittlerweile werden in Deutschland sogar mehr Fahrräder als Autos verkauft. Während im vergangenen Jahr 3,35 Millionen Neuwagen zugelassen wurden, lag die Zahl der verkauften Fahrräder bei 4,1 Millionen Stück. Inzwischen sind rund 73 Millionen Fahrräder in Deutschland unterwegs. Jeder Fünfte fährt heutzutage tagtäglich mit dem Rad – und immer mehr Bundesbürger nutzen es auch für den Weg zur Arbeit.

Zur neuen Beliebtheit trägt auch eine fiskalische Änderung bei: Seit dem Jahr 2012 sind Fahrräder Dienstwagen nämlich steuerlich gleichgestellt. Ein Trekkingrad wird seitdem steuerlich genauso behandelt wie die Mercedes S-Klasse für den Vorstandschef.

Dienstfahrräder (noch) selten

„Wir spüren seitdem eine deutlich steigende Nachfrage nach Jobrädern“, sagt Ulrich Prediger, Gründer und Chef des Fahrrad-Leasing-Pioniers Leaserad GmbH aus Freiburg. Prediger räumt jedoch ein, dass der Anteil der Fahrräder in Firmenfuhrparks noch verschwindend gering sei.

Leaserad steht – stellvertretend für viele andere Anbieter auf dem Markt – als Leasinggesellschaft zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer und übernimmt das Handling der Dienstfahrräder. Notwendig ist einzig ein Rahmenvertrag des Arbeitgebers mit Leaserad, das seinerseits regionale Radläden als Vertriebspartner einbringt und die Abwicklung übernimmt.

Das Fahrradmodell – sei es ein Trekkingrad, ein Mountainbike, ein Rennrad oder ein E-Bike – kann sich der Beschäftigte dann in den Partnerläden selbst aussuchen – mit einer Einschränkung: Aufgrund des verbundenen Verwaltungsaufwandes muss das Jobrad mindestens 749 Euro inklusive Mehrwertsteuer kosten. Prediger zufolge kooperiere man inzwischen mit 3300 Radläden deutschlandweit.

Welche Leasingrate inklusive Versicherung unter dem Strich der radelnde Angestellte tragen muss, hängt von einigen Variablen ab. „Wenn sie im Rahmen der Gehaltsumwandlung direkt vom Bruttogehalt abgezogen wird, sinkt je nach Einkommen und Steuerklasse die Steuer- und Sozialabgabenlast – der Staat zahlt das neue Bike ein bisschen mit“, erklärt Prediger, wobei die Einsparung umso größer ausfällt je besser der Mitarbeiter verdient und je teurer das Bike ist. Da das Rad auch privat genutzt werden darf, entsteht ein geldwerter Vorteil, der monatlich mit einem Prozent des Fahrrad-Listenpreises versteuert werden muss (1-Prozent-Regel). Zudem könnte sich der Arbeitgeber mit einem Obolus beteiligen, muss es aber nicht. Mindestens im Vergleich zur Eigenanschaffung kämen die Leasingräder aber immer billiger, verspricht der Leaserad-Chef. Hinzu kommt: Nach drei Jahren ist das Bike in der Regel abgezahlt und geht für eine geringe Restsumme an den Nutzer – der es wiederum privat verkaufen könnte.

Attraktivere Arbeitgeber

Unter dem Strich überwiegen die Vorteile für den Arbeitgeber den damit verbundenen Aufwand: Die Firma macht sich mit der Möglichkeit, ein Jobrad zu leasen, attraktiver für ihre Mitarbeiter. Zudem ist es ein Beitrag zur Förderung der Mitarbei-tergesundheit und -zufriedenheit. Studien belegen, dass regelmäßige Radfahrer weniger Tage im Jahr wegen Krankheit fehlen als Mitarbeiter, die nicht Rad fahren.

Aktuell haben die Freiburger mit rund 3500 Unternehmen entsprechende Verträge – darunter aus dem Raum Bodensee mit dem kommunalen Energieversorger Stadtwerke am See GmbH & Co. KG aus Überlingen und der Liebenau Beratung und Unternehmensdienste GmbH (LBU) aus Meckenbeuren.

Die Stadtwerke am See haben inzwischen 65 Jobräder für die insgesamt 320 Mitarbeiter im Rahmen einer Gehaltsumwandlung geleast. „Eine gute Quote“, findet Lisa Keller, Referentin Personalentwicklung und verantwortlich für das Projekt Job-rad. Die Nachfrage habe die Erwartungen übertroffen. Für den Regionalversorger waren die ausschlaggebenden Gründe für die Einführung einen Beitrag zum Thema Ökologie zu leisten und sich als Arbeitgeber attraktiver zu machen. Sei das Modell einmal implementiert halte sich auch der Verwaltungsaufwand in engen Grenzen, macht Keller Unternehmen Mut, die ähnliches planen aber noch unschlüssig sind.

Die LBU bietet im Rahmen eines Pilotprojekts in zwei Gesellschaften ihren Beschäftigten Diensträder an. Bei entsprechendem Interesse soll das Angebot auf die gesamte Stiftung Liebenau mit ihren rund 5200 Mitarbeitern ausgedehnt werden. „Wir registrieren ein hohes Interesse bei den Mitarbeitern“, berichtet Matthias Schyra, Geschäftsführer der Liebenau Beratung und Unternehmensdienste GmbH.

Gegenwind für das Jobrad kommt – man mag es kaum glauben – ausgerechnet von den Gewerkschaften: So ist in vielen Tarifverträgen die Entgeltumwandlung, mit der Jobräder in den meisten Fällen finanziert werden, ausschließlich für Zwecke der betrieblichen Altersvorsorge erlaubt. Das hat in vielen Unternehmen zur Konsequenz, dass Gewerkschaftsmitglieder beim Jobrad außen vor bleiben oder die Firma mit Verweis auf den Tarifvertrag das Thema Jobrad gleich ganz abbügelt. Viele Firmen haben aber Lösungen gefunden, dieses Problem zu umgehen – sei es durch Ergänzungstarifverträge, in denen die Entgeltumwandlung für Diensträder explizit erlaubt ist, oder sei es, indem der Arbeitgeber die Leasingraten einfach selbst übernimmt. Für ein 2000 Euro teures Rad machen die monatlich rund 60 Euro aus. Bei den Löhnen, die vielerorts für Fachkräfte gezahlt werden, geht dieser Betrag fast unter.

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