Spediteure wehren sich gegen Manipulationsverdacht

LKW auf dem Parkplatz einer Rastanlage: Für den BGL, der bundesweit mehr als 7000 Spediteure und Logistiker vertritt, macht eine
LKW auf dem Parkplatz einer Rastanlage: Für den BGL, der bundesweit mehr als 7000 Spediteure und Logistiker vertritt, macht eine Manipulation des Motors keinen Sinn. (Foto: Boris Roessler/dpa)
Korrespondent (Berlin)

Nach schweren Vorwürfen der Deutschen Umwelthilfe wehren sich jetzt Deutschlands Spediteure. „Für das deutsche Straßengüterverkehrsgewerbe verwahren wir uns gegen Aussagen, die suggerieren, dass jeder zweite Lkw manipuliert sei“, sagt Timo Didier, Geschäftsführer beim Logistikverband BGL Süd.

Die Umwelthilfe verallgemeinere stark, übertreibe und schere die gesamte Branche über einen Kamm. Die streitbaren Umweltschützer hatten bei eigenen Messungen auf Autobahnen hohe Stickoxid-Ausstöße von Lastwagen ermittelt und daraus auf gezielte Manipulation der Abgasanlagen geschlossen. Das Motiv: Geld sparen, etwa beim Harnstoff Adblue.

Um den Antrieb zu manipulieren, wird ein Teil eingebaut, dass dem Motor vorgaukelt, er bekomme Adblue, das für sauberes Abgas nötig ist. Die Box schaltet auch alle Warnlampen im Lkw-Cockpit aus. Solche sogenannten Emulatoren gibt es im Internet zu Preisen zwischen 80 und 130 Euro, versehen mit dem Hinweis, sie seien in der EU illegal.

BGL: Hohes Risiko, geringer Nutzen

Für den BGL, der bundesweit mehr als 7000 Spediteure und Logistiker vertritt und zu dem der BGL Süd gehört, macht eine solche Manipulation des Motors keinen Sinn. „Da wären die Geräte- und Einbaukosten, die Zeit, in der der Lkw wegen des Umbaus nicht genutzt wird und somit kein Geld verdienen kann, sowie das Risiko, bei einer Kontrolle entdeckt zu werden“, sagt Martin Bulheller, Sprecher des Bundesverbands. Und: „Durch solch illegale Einbauten verliert das Fahrzeug auch die Betriebserlaubnis und damit die Zulassung und jeglichen Versicherungsschutz.“

Und das alles, fragt Bulheller, um etwas Geld für Adblue zu sparen? In der Tat sind die Summen eher gering. Ein Lkw verbraucht zwischen 1,5 und drei Liter des Harnstoffs auf 100 Kilometer, je nach Beladung und Fahrweise. Bisher hat ein Liter um die 20 Cent netto gekostet. Bei 10 000 Kilometern Fahrstrecke macht das zwischen 30 und 60 Euro.

In den vergangenen Wochen ist der Preis für Adblue allerdings stark gestiegen, der Stoff, ein Nebenprodukt der Chemieindustrie, wird knapp. Dass doch mancher Lastwagen mit einer manipulierten Abgasanlage unterwegs ist, bestreitet auch der Logistikverband nicht – allerdings, dass es tatsächlich so viele Fahrzeuge sind, wie die Umwelthilfe behauptet.

Das zeigen auch die offiziellen Angaben. „Aus der Kontrollpraxis gibt es bislang keine Bestätigung für systematische Manipulationen im größerem Umfang“, heißt es beim Bundesamt für Güterverkehr (BAG), das in Deutschland die Lastwagen kontrolliert. Dabei „überprüfen die Experten, ob unzulässige Manipulationsvorrichtungen in den kontrollierten Fahrzeugen vorhanden sind oder die Abgasnachbehandlung defekt ist“.

2018 fanden die Prüfer demnach Mängel bei 311 von 13.298 Lkw, die sie auf Adblue kontrollierten. 2019 waren 216 von 8482 betroffen, im vergangenen Jahr 180 von 6917. Im ersten Halbjahr 2021 sieht es ähnlich aus. Das ist weit entfernt von den Zahlen der Umwelthilfe. Die zweifelt denn auch an, dass die BAG richtig kontrolliert.

Die Umweltschützer hatten zwischen Januar 2020 und September 2021 die Abgase von insgesamt 545 Lkw auf Autobahnen in Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen und der Slowakei untersucht. Mit einem mobilen Gerät waren die Mitarbeiter vor allem auf internationalen Transitstrecken unterwegs. 63 Prozent der untersuchten Fahrzeuge der Euro-V-Norm stießen mehr Stickoxide aus als der Grenzwert zuließ, bei den Lkw mit Motoren der neuesten Euro-VI-Norm waren es 54 Prozent. Das, befand die Umwelthilfe, könne nicht normal sein.

Vor allem ausländische Lkw beanstandet

Die deutschen Spediteure sehen sich zu Unrecht beschuldigt. „Von Manipulationen an der Abgasanlage sind deutsche Fahrzeuge nur zu einem verschwindend geringen Anteil betroffen“, sagt Didier vom BGL Süd. Den Zahlen der BAG zufolge stammen die Lkw, die beanstandet wurden, überwiegend aus dem Ausland. So hatten von den 311 im Jahr 2018 gestoppten Fahrzeugen 300 kein deutsches Kennzeichen, von den 180 im vergangenen Jahr waren es 175. Auch die Umwelthilfe hatte überwiegend bei ausländischen Lkw gemessen. 82,6 Prozent der insgesamt 545 Fahrzeuge hatten kein deutsches Kennzeichen.

Die Umwelthilfe forderte angesichts der eigenen Messung schärfere Kontrollen. Einen Beleg dafür, dass Kontrollen wirken, liefern die Umweltschützer gleich mit: das Messergebnis für polnische Lkw. Im Schnitt stießen Fahrzeuge mit polnischer Zulassung im Heimatland 38 Prozent weniger Stickoxide aus als entsprechende Fahrzeuge, die außerhalb Polens unterwegs sind. Polen kontrolliert Lkw nach Angaben der Umwelthilfe nämlich besonders streng.

Und auch die Spediteure sind für mehr und genauere Kontrollen: Der BGL spreche sich schon seit vielen Jahren dafür aus, das Personal bei Straßenkontrollen aufzustocken und es mit qualitativ wie quantitativ ausreichenden Diagnosegeräten auszustatten, sagt Didier. „Dies ist notwendig zum Schutz der sich gesetzeskonform verhaltenden Unternehmen vor Wettbewerbsverzerrungen, aus Verkehrssicherheitsgründen und zum Schutz unserer Umwelt.“ Es sei bekannt, dass das BAG seither sehr gezielt kontrolliere, „was wir ausdrücklich begrüßen“.

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