Sozialunternehmen: Kein Fass ohne Boden

Lesedauer: 11 Min
Inklusion von Menschen mit Behinderungen: Die Region Bodensee-Oberschwaben ist ein wichtiger Standort großer sozialer Einrichtun
Inklusion von Menschen mit Behinderungen: Die Region Bodensee-Oberschwaben ist ein wichtiger Standort großer sozialer Einrichtungen. (Foto: OH)

Beim Geld hört der Spaß auf. Markus Nachbaur weiß das nur zu gut. Der gelernte Bankkaufmann und studierte Betriebswirt ist seit 2005 im Vorstand der Stiftung Liebenau – einem Unternehmen, dass Menschen, die besondere Unterstützung benötigen, passgenaue Hilfen anbietet: von der Pflege über die Teilhabe bis hin zu Gesundheit, Bildung und Familie.

Die Stiftung Liebenau mit Sitz in Meckenbeuren (Bodenseekreis) ist ein sogenanntes Sozialunternehmen. Als solches finanziert es seine Angebote zum größten Teil aus Zuwendungen der öffentlichen Hand – 149 Millionen Euro waren das im Jahr 2014. Und als Chef eines Sozialunternehmens sieht sich Nachbaur immer wieder mit einem Vorurteil konfrontiert: Dem Vorurteil, dass Sozialausgaben in der Öffentlichkeit als versunkene Kosten wahrgenommen werden, als Kosten, denen keine Wertschöpfung gegenübersteht. „Dabei sind Investitionen im sozialen Bereich gut eingesetzte Gelder", argumentiert Nachbaur.

Sein Problem: In Debatten werden öffentliche Ausgaben für den Sozialbereich – Dienstleistungen wie Wohn- oder Arbeitsangebote für Menschen mit Behinderungen oder Hilfen für Kinder und Jugendliche – häufig für explodierende Sozialbudgets verantwortlich gemacht. In den Köpfen vieler Menschen hat sich daher festgesetzt: Sozialausgaben sind ein Fass ohne Boden, in dem staatliche Zuschüsse und Steuergelder spurlos verschwinden. Wenn dagegen von Wirtschaftsmotoren die Rede ist, von Wertschöpfung, oder konkret: vom Aufbau von Arbeitsplätzen, von regionaler Nachfrage und von wachsenden Einkommen, geht es in der Regel um Industrie, um Handel und Dienstleistungen oder kurz – um den deutschen Mittelstand.

Der Wertschöpfung auf der Spur

Dass dieses Bild so nicht stimmt, weiß Nachbaur. Wertschöpfung entsteht nicht nur durch Industriebetriebe oder Dienstleister. Auch Sozialunternehmen produzieren Mehrwerte. Doch mit Zahlen belegen konnte er das lange Zeit nicht. Nun hat das Stiftungsunternehmen die Wirksamkeit der öffentlichen Zuwendungen, die es erhält, analysieren lassen – anhand des Social Return on Investment (SROI) – einer Art Sozialrendite. „Im Kern geht es dabei um die Frage, welchen Gegenwert die Gesellschaft für ihre Investition in eine soziale Dienstleistung zurückbekommt“, sagt Stefan Löwenhaupt, Gesellschafter und Geschäftsführer der Nürnberger Xit GmbH, die seit fast 30 Jahren soziale Organisationen in unternehmerischen und sozialpolitischen Fragen berät.

Löwenhaupt und sein Team haben auch die Stiftung Liebenau unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Von den 149 Millionen Euro, die die Stiftung Liebenau 2014 an öffentlichen Mitteln erhalten hat, sind allein 75 Millionen Euro in Form von Steuern und Abgaben an die Öffentlichkeit zurückgeflossen. Der Grund für die stattlichen Rückflüsse: Für jeden Euro, die die Stiftung Liebenau von staatlicher Seite erhält, erwirtschaftet sie rund 50 Cent an eigenen Umsätzen hinzu – sei es durch Selbstzahler, die einen Eigenanteil bei Pflege- und Unterkunftskosten leisten, sei es durch Spenden und Stiftungsmittel oder durch Erlöse aus der hauseigenen Wäscherei und dem Tagungsservice. Das erhöht den Betrag, der volkswirtschaftlich wirksam wird, auf 223 Millionen Euro und sorgt dafür, dass die Rückflüsse aus Steuern und Abgaben so hoch ausfallen.

Übrig bleiben Nettokosten von 74 Millionen Euro. Doch denen müssen, so die Xit-Experten, Beschäftigungs- und Nachfrageeffekte, die vor allem im Landkreis Ravensburg und im Bodenseekreis spürbar werden, gegenübergestellt werden. So gibt die Stiftung Liebenau in der Region Bodensee-Oberschwaben rund 5300 Menschen Arbeit. 3600 davon sind Mitarbeiter, die direkt bei der Stiftung und ihrer 100-prozentigen Tochterunternehmen angestellt sind. So wie Kerstin Lange aus Meckenbeuren, die seit 2007 im Veranstaltungsservice des Schlosses Liebenau arbeitet. 1700 sind indirekt Beschäftigte, so wie Martin Bloching und sein Team von der Locher Malerbetrieb GmbH aus Tettnang, die von der Stiftung Liebenau für Dämm-, Putz- und Farbarbeiten beauftragt werden.

Neben den Einkommenseffekten profitiert also auch die Wirtschaft in den beiden Landkreisen durch die Nachfrage, die die Stiftung entwickelt – der Studie zufolge in Höhe von 99 Millionen Euro jährlich. Dem stehen 31 Millionen Euro an kommunalen Mitteln aus dem Bodenseekreis und dem Landkreis Ravensburg gegenüber – vor allem für die Eingliederungshilfe. „Auf 100 Euro kommunaler Zuflüsse kommen 320 Euro an Einkommen und Nachfrage vor Ort“, zitiert Nachbaur die Ergebnisse. Was nicht sofort in Form von Steuern und Abgaben zurückfließe wirke vor Ort.

Die Stiftung Liebenau hat sich ganz bewusst auf den Prüfstand gestellt, um zu dokumentieren, welche Wirkungen öffentliche Fördergelder tatsächlich entfalten. „Wir wollen damit einen Beitrag zur Debatte um explodierende Sozialausgaben leisten und das Vorurteil widerlegen, dass Sozialunternehmen wie die Stiftung Liebenau ein reines Zuschussgeschäft sind“, begründet Nachbaur seine Motivation. Damit ist er bundesweit nicht allein.

Knapp 100 Sozialunternehmen haben sich auf ihre Sozialrendite hin durchleuchten lassen – in der Region Bodensee-Oberschwaben, traditionell ein wichtiger Standort großer sozialer Einrichtungen, neben der Stiftung Liebenau auch Die Zieglerschen mit Sitz in Wilhelmsdorf (Landkreis Ravensburg). Die Ergebnisse lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Sozialunternehmen steigern eben nicht nur die Lebensqualität für Senioren, für Kinder sowie für Menschen mit Behinderung – was sich zunächst nicht in Geld ausdrücken lässt. Sie stellen auch einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der jeweiligen Region dar. Sie bieten sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, sie zahlen Steuern und Abgaben und sie sind Abnehmer für alle möglichen Produkte und Dienstleistungen. Im Fall der Zieglerschen, sagt Rolf Baumann, kaufmännischer Vorstand des diakonischen Unternehmens, wurde „jeder Euro, den der Landkreis Ravensburg und die Kommunen im Landkreis an die Zieglerschen gezahlt haben, in neunfacher Höhe wieder ausgegeben“.

Höhere Opportunitätskosten

„Die Zahlen zeigen, dass neben den klassischen Wirtschaftszweigen wie der Metall- und Elektroindustrie auch die Sozialwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region ist. Die staatlichen Mittel, die an diese Einrichtungen fließen, sind also nicht weg, sondern tragen nachweislich zum Wohlstand der Region bei“, interpretiert Lothar Wölfle, Landrat des Bodenseekreises die Studienergebnisse. Im Übrigen, so Wölfle, sei dem Kreistag die wichtige gesellschaftliche und wirtschaftliche Rolle sozialer Dienstleister sehr wohl bewusst. „Nach meiner Wahrnehmung werden die Diskussionen darüber im Kreistag durchaus differenziert geführt, und die wertvolle Arbeit der Einrichtungen wird anerkannt.“

„Sozialunternehmen sind Wirtschaftsakteure mit einer hohen Wertschöpfung für die Gesellschaft“, sagt Xit-Chef Löwenhaupt, und macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Was häufig nicht berücksichtigt werde seien die gesellschaftlichen Opportunitätskosten – also die Kosten, die entstünden, wenn es Sozialunternehmen wie die Stiftung Liebenau nicht gäbe. „Diese Opportunitätskosten sind bei seriöser Berechnung selten geringer als die aktuellen Kosten.“ Wenn eine Person nicht arbeiten gehe sondern Angehörige pflege, sinken deren Einkünfte und sie wird bei den Sozialabgaben vom Nettozahler zum Nettoempfänger, so Löwenhaupt. Rechtzeitige, passgenau und qualitativ hochwertige soziale Hilfen ersparen oft deutlich höhere Folgekosten.

Mithilfe der Sozialrendite lassen sich die monetären und nicht-monetären Wirkungen quantifizieren. Das Konzept wurde von Experten des Robert Enterprise Development Fund in den USA entwickelt, einer Einrichtung, die im Raum San Francisco Obdachlose unterstützt und diese versucht, wieder in den Alltag zu integrieren. Mit der Sozialrendite wollte der Fund Einsatz und Engagement seiner Geldgeber in messbaren Zahlen beurteilen. „Wir haben versucht, das Verfahren auf das Universum des bundesdeutschen Sozialstaats zu übertragen", sagt der Xit-Chef, der die Ergebnisse einer solchen Analyse vor allem als Argumentationshilfe in der leidigen Kostendebatte sieht – und zwar auf beiden Seiten. „Wir erleben immer wieder, dass auch Kämmerer und Regionalpolitiker solche Berechnungen als Entscheidungshilfe heranziehen – beispielsweise wenn es darum geht, öffentliche Mittel entweder in ein neues Gewerbegebiet zu stecken oder damit ein soziales Angebot, beispielsweise einen Kindergarten, zu fördern."

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen