Siemens im Generationenkonflikt

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Mädchen beim Interview auf der Straße
Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer am Freitag in Berlin: Siemens-Chef Joe Kaeser hat ihr am Freitag einen Sitz in einem Aufsichtsgremium der künftigen Siemens Energy AG angeboten. (Foto: Soeren Stache/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Burkhard Fraune und Christof Rührmair

Siemens will angesichts von Protesten bis Montag über die Lieferung einer Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien entscheiden. „Es ist klar, dass diese Entscheidung nicht einfach ist“, sagte Konzernchef Joe Kaeser am Freitag in Berlin nach einem Gespräch mit der Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen – von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft, sagte Kaeser. Fridays for Future fordert von Siemens, auf das Geschäft zu verzichten.

Zudem bot Kaeser Neubauer einen Sitz in einem Aufsichtsgremium des künftigen Unternehmens Siemens Energy an. Ob es der Aufsichtsrat oder ein anderes Gremium sei, könne Neubauer selbst entscheiden, sagte er. „Ich möchte, dass die Jugend aktiv sich beteiligen kann. Der Konflikt zwischen Jung und Alt muss gelöst werden.“ Neubauer wollte sich am Freitag nicht zu dem Angebot des Siemens-Chefs äußern. Siemens will sein Energiegeschäft im Frühjahr als Siemens Energy abspalten und voraussichtlich im September an die Börse bringen.

„Es war ein sehr gutes Gespräch über die Themen, die die Jugend zu Recht bewegen“, sagte Kaeser, bedauerte aber, dass Neubauer ihn nicht zur Pressekonferenz begleitete. Man wolle gemeinsam nach Lösungen für das Klima suchen. Neubauer stellte die Frage, ob Siemens gewillt sei, sich langfristig von Projekten wie dem des Konzerns Adani in Australien zu verabschieden. Diese hätten „keinen Platz mehr in diesem Jahrhundert“. Ihr Mitstreiter Nick Heubeck sagte nach dem Gespräch: „Herr Kaeser steht dazu, dass dieser Vertragsabschluss letztes Jahr im Juli ein Fehler war.“

Kaeser zeigte sich kritisch dem eigenen Unternehmen gegenüber: „Wir machen eine ganze Menge Dinge, aber wir machen auch Fehler, das ist offenkundig. Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen.“ Der Auftrag für die Lieferung der Zugsignalanlage ist für die Verhältnisse des Konzerns mit 18 Millionen Euro verhältnismäßig klein, der Konzern stand dafür aber zuletzt immer stärker in der Kritik. Mitte Dezember hatte Kaeser dann angekündigt, den bereits unterschriebenen Auftrag auf den Prüfstand zu stellen. Besondere Brisanz hatte das Thema zuletzt auch durch die riesigen Buschbrände in Australien bekommen.

Am Freitag hatte es Proteste von Fridays for Future vor Büros des Konzerns in mehreren deutschen Städten gegeben, unter anderem auch am Konzernsitz in München, wo nach Angaben der Organisatoren 57 000 Unterschriften an Siemens übergeben wurden. Zudem forderten auch andere Organisationen den Stopp des Auftrags, darunter die Klima-Allianz Deutschland, der nach eigenen Angaben rund 130 Organisationen von Brot für die Welt über Verdi bis zum WWF angehören.

In einem am Freitag veröffentlichten offenen Brief an Kaeser warnt die Klima-Allianz, Siemens gefährde bei einer Beteiligung an dem Kohleprojekt der indischen Adani-Group die eigene Glaubwürdigkeit. Siemens hatte schon im Jahr 2015 angekündigt, bis 2030 klimaneutral sein zu wollen. Der Ausbau der Kohlewirtschaft sei „eine gewaltige Bedrohung für die Zukunft der Welt“ ein Ausbau „aus klimapolitischer Verantwortung heraus völlig untragbar“.

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