Sauters Vorstoß in die Weltspitze

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Klavierbaumeister Hermann Kaufmann sorgt bei der Carl Sauter Pianofortemanufaktur aus Spaichingen für den guten Klang.
Klavierbaumeister Hermann Kaufmann sorgt bei der Carl Sauter Pianofortemanufaktur aus Spaichingen für den guten Klang. (Foto: OH)
Schwäbische Zeitung

Energisch schlägt Hermann Kaufmann mit dem feinen Gehör einen Ton an, immer und immer wieder. Er lauscht ihm mit schiefgelegtem Kopf nach. Dann sticht er mit einer Nadel in den vorderen Teil des filzigen Hammerkopfes des Pianos und schlägt noch einmal einige Tasten an. Der Klang ist jetzt einen Tick weicher. Zufrieden ist er aber immer noch nicht. Möglichst brillant aber doch wohltönend soll er sein. „Man fühlt, wie sich Filz und Klang mit jedem Nadelstich verändern“, sagt der Klavierbaumeister bei Sauter Pianos aus Spaichingen (Landkreis Tuttlingen). Mehrere Stunden benötigt Kaufmann, ehe das Instrument eine für ihn optimale Klangfarbe erreicht. Eine Arbeit, die eine Maschine niemals übernehmen könnte.

Klavierbauen ist Handwerks-kunst und die rund 50 Mitarbeiter bei Sauter sind allesamt Meister ihres Fachs. Seit knapp 200 Jahren werden in dem Städtchen am Fuße des Dreifaltigkeitsberges Klaviere und Flügel gebaut. Sauter ist nach eigenen Angaben der dienstälteste heute noch produzierende Klavierhersteller Deutschlands. Dabei stand die Firma, wie so viele traditionsreiche deutsche Klavierbauer, Anfang der 1990er-Jahre vor dem Aus. Eine rückläufige Nachfrage und die billige Konkurrenz aus Fernost trieben Sauter an den Rand der Pleite. 1993 musste sich die Firma vergleichen. „Wir haben versäumt, uns beizeiten auf einen schrumpfenden Markt einzurichten“, begründet Ulrich Sauter, Mitinhaber des 1819 gegründeten Familienunternehmens, damals das Scheitern.

Qualität, Exklusivität und Design

Rückblickend war 1993 sowohl der Tiefpunkt in der langjährigen Geschichte von Sauter als auch der Beginn eines erfolgreichen Vorstoßes in die Weltspitze der Klavierbauer. Es war das Jahr, in dem Otto Hott die Mehrheit der Firmenanteile und die Geschäftsleitung des Unternehmens übernahm. Hott, ein studierter Wirtschaftsingenieur, hatte zuvor 20 Jahre in der deutschen Uhrenindustrie gearbeitet – eine Branche, die mit dem Aufkommen der billigen Quarzuhren aus Asien ähnliche Strukturbrüche erlebte wie sie die deutschen Klavierbauer zum damaligen Zeitpunkt gerade durchmachten. Der gebürtige Westpreuße krempelte das Unternehmen um und begann mit der kompromisslosen Konzentration auf Qualität, Exklusivität und Design eine erfolgreiche Neuausrichtung.

„Wir waren zu lange im Mittelpreissegment unterwegs. Das ist in allen Branchen das gefährlichste Fahrwasser. Entweder ist man Kostenführer und überzeugt mit günstigen Preisen oder man ist Qualitätsführer und kann seine Produkte entsprechend teurer anbieten“, sagt Hott. Kostenführerschaft war für Sauter keine Option. Als deutscher Hersteller kann das Unternehmen nicht mit den deutlich billiger produzierenden Asiaten konkurrieren. Also blieb die Qualitätsführerschaft. Sauter musste ins oberste Preissegment vorstoßen, musste wertvoller, besser und teurer werden, musste die Distanz zu Manufakturen wie Bösendorfer oder Steinway, die die Spitze der Klavierbaukunst verkörpern, verkürzen.

Heute, gut zwei Jahrzehnte nach Hotts Amtsantritt, ist diese Differenz ein gutes Stück zusammengeschmolzen. Gleichwohl: sie existiert nach wie vor – vor allem preislich. Steinway-Flügel kosten noch immer rund die Hälfte mehr als die von Sauter. Während die Spaichinger für ihren großen Konzertflügel rund 100000Euro in der Liste aufrufen, legen Steinway-Kunden für das Spitzenmodell der Hamburger Manufaktur noch einmal rund 50000 Euro drauf. „Viele Käufer bemessen die Qualität eines Klaviers oder Flügels mangels anderer Kriterien vor allem am Preis. Das hält einem Praxistest zwar nicht stand, ist nun aber einmal so“, sagt Hott, der dann aber auch so ehrlich ist, zuzugeben, dass die genannten Wettbewerber in den weltweit führenden Rankings noch über Sauter stehen – auch wenn es um Nuancen geht.

Hott will denn auch nicht von besser oder schlechter sprechen, eher von anders. Jedes Piano habe einen haustypischen Klang. Und das sei auch gut so. Für diesen Klang, den Hott als klar, ausdrucksstark und brillant beschreibt, geeignet, auch mit den Herausforderungen eines großen Konzertsaals zurechtzukommen, betreibt Sauter einen hohen Aufwand. Für den Resonanzboden beispielsweise, dem Herzstück eines Pianos, wird ausschließlich Fichtenholz aus den bayerischen und österreichischen Alpen verwendet, das in einer Höhe von über 1000 Metern aufgewachsen ist und über viele Jahre lang gelagert und luftgetrocknet wurde. Dieses Holz ist so gut wie spannungsfrei und garantiert einen optimalen Klang ohne Schwankungen.

Erfolg vor allem im Ausland

Davon hat sich unter anderem die Neue Oper in Oslo überzeugen lassen, die von 20 Instrumenten 14 bei den Pianobauern aus Spaichingen bestellte. Zahlreiche Sauter-Flügel stehen auch in der Queen Elisabeth Music Chapel in Brüssel oder im Konservatorium in Paris. Während das Geschäft im Ausland floriert, bekommt Sauter bei den hierzulande wichtigen Abnehmern, den Hochschulen und Konservatorien, den Fuß nicht so recht in die Tür. „Bei den für die Anschaffung von Instrumenten verantwortlichen Professoren herrscht ein extremer Markendünkel“, beklagt sich Hott. Da hätte es Sauter nach wie vor schwer. Und bei privaten Kunden bremsten das „Laisser-faire der modernen Eltern“ die Verkaufszahlen. Denn keiner wolle seinen Kindern heute mehr stundenlanges Üben zumuten. Entsprechend gering ist die Bereitschaft, für deutsche Klavierbaukunst mehrere Tausender auf den Tisch zu legen.

Doch im Großen und Ganzen ist Hott zufrieden. Das Unternehmen ist zwar weit von den einstigen Stückzahlen entfernt. In der Glanzzeit der deutschen Klavierbaubranche, in den 1980er-Jahren, verließen jährlich rund 2000 Pianos die Manufaktur in Spaichingen. Heute sind es noch 500, was einem Jahresumsatz von rund 5 Millionen Euro entspricht. Doch im Gegensatz zu vielen Konkurrenten von damals existiert das Unternehmen noch. Der Strategieschwenk in die internationale Premiumklasse hat sich ausgezahlt. Die Firma arbeitet profitabel. Um die Zukunft von Sauter ist Hott denn auch nicht bange. Die Herausforderungen der Branche, beispielsweise durch Digitalklaviere, deren Verkaufszahlen unglaublich zugenommen haben, begreift er als Chance: „Jeder, der damit die Liebe zum Klavierspielen entdeckt und dabei bleibt, wird sich früher oder später ein akustisches Klavier kaufen.“ Und das soll natürlich immer öfter ein Sauter sein.

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