Ryanair-Streik: „Es muss endlich ernsthaft verhandelt werden“

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Martin-Joachim Locher, Präsident der Vereinigung Cockpit.
Martin-Joachim Locher, Präsident der Vereinigung Cockpit. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Martin-Joachim Locher, Präsident der Vereinigung Cockpit, sagt im Gespräch mit Petra Sorge, er erfahre von Bürgern „großes Verständnis“ für den Streik bei Ryanair.

Herr Locher, Zehntausende Reisende sitzen wegen des Streiks der Ryanair-Piloten fest. Wie erklären Sie das den Passagieren?

Es tut uns leid, dass es nun die Passagiere trifft. Der derzeitige Ausstand wird aber wie angekündigt am Samstag um 2.59 Uhr beendet sein. Wir versuchen, so gut wie möglich darüber aufzuklären, warum dieser Streik stattfindet. Interessanterweise erfahren wir ein sehr großes Verständnis. Viele Bürger schreiben uns, dass es allerhöchste Zeit für diesen Streik gewesen sei und dass auch Ryanair endlich angemessene Arbeitsbedingungen schaffen müsse. Da bin ich sehr positiv überrascht.

Was sind Ihre Forderungen?

Wir wollen grundsätzlich angemessenere Arbeitsbedingungen, aber auch bei den Gehaltsstrukturen deutliche Verbesserungen – das heißt, klarere Vergütungsbedingungen und auch ein höheres garantiertes Gehalt. Im Moment ist der flexible Einkommensteil sehr groß. Aber darauf hat der Mitarbeiter überhaupt keinen Einfluss.

Ryanair gibt Ihnen die Schuld, dass so viele Passagiere betroffen sind. Sie hätten den Streik erst 40 Stunden vorher ankündigt. Warum musste das so kurzfristig sein?

Normalerweise kündigen wir unsere Streiks 24 Stunden vorher an, insofern hätte es sogar noch kurzfristiger sein können. Ein Streik soll ein Unternehmen ja unter Druck setzen. Mit noch mehr Vorlauf wäre er ins Leere gelaufen. Das werden wir übrigens auch bei weiteren Streiks so handhaben, sollte es in der Tarifauseinandersetzung keine Einigung geben.

Was muss Ryanair jetzt anbieten, damit Sie nicht weiter mit Streiks drohen?

Es muss endlich mit ernsthaftem Willen verhandelt werden. Wir erwarten von Ryanair einen Lösungsansatz und Kompromissbereitschaft. Doch mit der Aussage, dass es keine Personalkostenerhöhung geben darf, hat die Gegenseite bereits jeglichen Ansatz für ordentliche Verhandlungen gestoppt.

Ryanair nutzt ausländische Piloten, um den Streik zu brechen. In den Niederlanden ist das gelungen. Wie reagieren Sie darauf?

De facto kommt es auch in den Niederlanden zum Streik. Die dort eingesetzten Piloten kommen aus Belgien, die Flüge werden auch dort gestrichen. Die Ausfälle verschieben sich also nur.

Warum ist es nicht gelungen, den Streik aufs ganze Unternehmen auszudehnen?

In Europa haben nicht alle Länder die gleichen Streikrechte. Daher ist es schon ein großer Erfolg, dass diejenigen, die jetzt mitmachen können, sich auch beteiligen. Wir sind eng im Austausch mit anderen Partnerverbänden, allerdings nicht, was die Koordination von Streikmaßnahmen betrifft. Denn dafür gibt es keine Rechtsgrundlage.

Braucht es einheitliche Streikregeln in Europa?

Das wäre in unserem Sinne. Bislang sind die Unterschiede bei den Tarifvertragsrechten in den europäischen Ländern zu groß. Das muss dringend vereinheitlicht werden. Bei einer Reform würden wir uns übrigens sehr gerne einbringen und sind da auch schon politisch aktiv. Wir werben in Brüssel dafür, grenzüberschreitend zu denken. Allerdings gestaltet sich das aufgrund der momentanen Gesetzeslage sehr schwierig. In der nächsten Zukunft sehe ich keine Verbesserung.

Warum wechseln nicht noch mehr Ryanair-Piloten zu anderen Unternehmen?

So einfach ist das in Deutschland und Europa nicht. Die Kollegen bei Ryanair haben im Moment keine anderen Optionen. Oft gibt es auch private oder familiäre Gründe, warum Piloten nicht bereit sind, innerhalb Europas einfach den Arbeitsplatz zu wechseln.

Spielt die Air-Berlin-Insolvenz auch eine Rolle?

Ja. Es gehen langsam die Optionen aus. Deswegen ist es für einen Ryanair-Piloten nicht so einfach, den Job zu wechseln. Die Kollegen, die eine Möglichkeit haben, gehen aber auch weg.

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