Rote Ampel als Warnung vor Dickmachern

Lesedauer: 7 Min
Die umstrittene Werbung von Netto auf der Facebook-Seite des Lebensmitteldiscounters: Die Reklame, die Zucker wie die Droge Koka
Die umstrittene Werbung von Netto auf der Facebook-Seite des Lebensmitteldiscounters: Die Reklame, die Zucker wie die Droge Kokain darstellt, steht für ein Umdenken in der Lebensmittelindustrie, sorgte aber auch für scharfe Kritik vom Branchenverband d (Foto: Hildebrandt, Mark)
Hanna Gersmann

Die Reklame des Discounters Netto schmeckt nicht jedem. Im Bild: Zucker-Kristalle auf schwarzem Untergrund, geformt zu schmalen Linien ähnlich den berüchtigten Kokain-Lines“. Dazu der Satz: „Das weiße Zeug tut dir nicht gut!“ Daraufhin ätzte die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker in der Lebensmittelzeitung mit einer ganzseitigen Anzeige: „Dealer gesucht? Dann geh doch zu Netto!“. Und weiter: „Lebensmittel und Drogen auf eine Stufe zu stellen schadet. Allen.“

So oder so – die Werbung steht für ein Umdenken bei Supermärkten, aber auch bei Herstellern. Die ersten geben ihren Widerstand gegen einen neuen Umgang mit dem billigen Zucker, auch mit Salz und Fett auf. Danone, einer der größten Lebensmittelproduzenten weltweit, ist dabei jetzt vorgeprescht.

Kennzeichnung für Joghurt, Pudding und Milchprodukte

Das französische Unternehmen bringt Schritt für Schritt ab 2019 als erster Joghurt, Pudding, seine 70 verschiedenen Molkereiprodukte mit einer Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben ins deutsche Kühlregal. Das Prinzip: Dickmacher bekommen ein rot, Gesünderes ein Grün – je nach Gehalt an Fett, Salz und Zucker.

Schon lange wird in der Europäischen Union um eine leicht verständliche Kennzeichnung von Zucker, Salz und Fett gestritten. Das Vorbild: Die Nährwertampel, die die britische Lebensmittelbehörde FSA vor gut zehn Jahren empfohlen hat. Der Gehalt an Fetten, gesättigten Fetten (meist aus tierischen Lebensmitteln), Zucker und Salz bekommt dabei ein Grün, Gelb oder Rot. Er bezieht sich auf den Wert pro 100 Gramm oder 100 Milliliter. Das Zuckerfeld wird zum Beispiel rot, wenn ein Produkt mehr als 15 Prozent Zucker enthält. Ähnlich ist das bei Fett oder Salz.

In den EU-Gremien gescheitert

Bislang scheiterte das Modell aber in den EU-Gremien. Die Kritiker sorgten sich mal um den naturtrüben Bioapfelsaft, mal um das italienische Olivenöl. Die eine Flasche bekäme wie jeder Saft Rot wegen zu viel Zucker, die andere wie alle Ölsorten wegen hohen Fettgehalts. Vor allem passte der Industrie der Vorstoß nicht.

Nicht nur Ampel, sondern fünf Stufen

Danone arbeitet für die neue Kennzeichnung nun zwar nicht mit dem britischen Original, sondern dem französischen Nutri-Score-System. Auffälligster Unterschied: Es gibt nicht vier Farben für vier verschiedene Zutaten, sondern eine. Die Bewertung beschränkt sich dafür nicht auf Grün, Gelb, Rot, sondern hat fünf Stufen, ergänzt durch Buchstaben: Vom grünen A für günstige Nährwerte, bis zum roten E für lieber die Finger davon lassen. Ein rotes E bekommt Danone dabei für keines seiner Produkte, sie rangieren zwischen A und D. Dahinter steckt auch ein von unabhängigen Wissenschaftlern entwickeltes Punktesystem. Die französische Regierung hat es im vergangenen Jahr eingeführt. Ohne Pflicht. Diese kann nur EU-weit geregelt werden. Trotzdem drucken in Frankreich schon 60 Firmen die Ampel auf ihre Verpackungen – wie Danone.

Dass Danone das Modell nun nach Deutschland exportiert, sei „ein erster Schritt“, sagt Sophie Herr, Lebensmittelexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, dem vzbv. Eine echte Einkaufshilfe sei die Nährwertampel allerdings nur, wenn sie auf jedem verarbeiteten Lebensmittel zu finden ist. Herr fordert: „Andere Hersteller müssen nachziehen – aber nicht mit immer neuen Kennzeichnungen. Wir brauchen eine einheitliche Lösung.“

Allein, danach sieht es nicht aus. Zu den größten Lebensmittelherstellern gehören Nestlé, Mondelēz oder Unilever. Alle drei verweisen auf Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ auf ein eigenes System der Industrie, „Evolved Nutrition Labelling“ genannt, kurz: ENL. Dieses solle, schreibt Nestlé „nun in ausgewählten europäischen Ländern“ getestet werden. Entscheidend: Die Firmen legen ihrer Bewertung Portionsgrößen zugrunde, nicht die einheitlichen 100 Gramm – mit besonderem Effekt.

„Getäuscht, irregeführt“

Zwar erklärt Mondelēz: „Wir glauben, dass es wichtig ist, die Verbraucher mit einer leichter verständlichen Nährwertkennzeichnung zu unterstützen, die ihnen helfen kann, den Gesamtnährwert einer Portion – sei es ein Keks, ein Stück Schokolade oder ein Kuchen – zu erkennen. Und Unilever argumentiert, so werde der „tatsächliche Beitrag einer Portion an der Gesamtnährwertaufnahme besser reflektiert“.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, Christoph Minhoff, kritisiert sogar: „Farbliche Bewertungen einzelner Nährstoffe oder gar eine Aufrechnung vermeintlich positiver und negativer Nährstoffe gegeneinander, wie es nun in Frankreich empfohlen wird, sind wissenschaftlich nicht ausgereift und nicht dafür geeignet, Lebensmittel für die eigene individuelle Ernährung einzuordnen.“

Das Gegenteil sei aber richtig, meint Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Verbraucher würden „getäuscht, irregeführt“. Das Industriemodell lasse Produkte gesünder aussehen als sie seien. Selbst die Nutella-Nuss-Nougatcreme, die zu fast 90 Prozent aus Zucker und Fett bestehe, bekäme keine rote Ampel, sagt er. Die Industrie dürfe sich ihre Ampel nicht selbst ausdenken, „da kommt nichts Gutes raus“.

Macht Zucker denn wirklich abhängig wie Kokain? „Das ist bisher nicht belegt“, sagt Huizinga. „Aber zu viel Zucker, vor allem aus Limos, fördert Karies und Übergewicht. Soviel ist sicher.“ Darum brauche es ein eindeutiges Stoppsignal.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen