Plötzlich Banker: Sigmar Gabriel soll in Aufsichtsrat der Deutschen Bank rücken

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 Sigmar Gabriel
Sigmar Gabriel (Foto: John Macdougall/AFP)

Die Deutsche Bank bekommt im Aufsichtsrat prominente Unterstützung. Der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel soll in dem Kontrollgremium Jürg Zeltner ablösen. Der hatte sein Mandat erst im Sommer angetreten und war Wunschkandidat des Emirats Katar, das Großaktionär des Geldhauses ist. Die Finanzaufsicht lehnte Zeltner aber wegen Interessenkonflikten ab.

Die Bank hebt vor allem den „großen Erfahrungsschatz“ Sigmar Gabriels hervor. Gabriel bekleidete im Lauf seiner Karriere Posten etwa als Bundesumweltminister, als Wirtschaftsminister und nicht zuletzt auch als Außenminister. „Wir freuen uns sehr, mit Sigmar Gabriel einen überzeugten Europäer und Transatlantiker für den Aufsichtsrat der Deutschen Bank gewinnen zu können“, sagte Aufsichtsratschef Paul Achleitner. „Wir erleben geopolitisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich herausfordernde Zeiten, in denen sich eine globale Bank ganz neuen Erwartungen und Anforderungen stellen muss.“ Gabriel werde mit seiner Erfahrung und Kompetenz den Aufsichtsrat ergänzen und bereichern.

In seiner Zeit als Politiker hatte Gabriel noch Pläne seiner Partei unterstützt, Großbanken zu zerschlagen. Vor gut drei Jahren warf der damalige Wirtschaftsminister der Bank vor, „Spekulantentum zum Geschäftsmodell“ gemacht zu haben. Nun lobte er deren klare Strategie und das starke Führungsteam. Als eine der wichtigsten Finanzinstitutionen Europas habe die Deutsche Bank „Chance und Verantwortung“, die Zukunft der deutschen und der europäischen Wirtschaft mitzugestalten. „Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.“

Manche Beobachter fragen sich allerdings, ob Gabriel für den Aufsichtsrat einer Bank ausreichend Qualifikation und Wissen mitbringt. „Herr Gabriel ist sicherlich für mich nicht der absolute Experte im Bereich der Finanzindustrie. Da hätte ich mir besser jemanden vorstellen können, der das Unternehmen auch inhaltlich voranbringt“, sagt Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Als Ex-Politiker verfügt Gabriel sicher über ein gewisses Netzwerk, inhaltlich ist er für die Bank aber vielleicht nicht ganz der Richtige.“

Neben seiner politischen Erfahrung jedenfalls kennt sich Sigmar Gabriel auch in Unternehmen aus. So saß er als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen auch im Präsidium des Aufsichtsrates von Volkswagen. Auch gehörte er vier Jahre lang dem Verwaltungsrat der staatlichen Förderbankengruppe KfW an. „Das Entscheidende ist, dass jemand in der Lage ist, den Vorstand auch zu kontrollieren. Dass er in der Lage ist, seine Kenntnisse und Fähigkeiten, insbesondere auch seine Strategieüberlegungen mit einzubringen. Und diese Fähigkeiten bringt Herr Gabriel mit“, meint Bankenexperte Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanzzentrum. Er hält die Nominierung Gabriels deswegen für positiv: „Ich behaupte damit nicht, dass Herr Gabriel der typische Banker ist. Aber ich glaube, dass er für den Aufsichtsrat eine wesentliche Bereicherung darstellt.“

Ähnlich äußerte sich auch die Fondsgesellschaft Deka. Sie ist einer der Großinvestoren der Bank. „Gabriel weiß, wie Berlin tickt, und ist gut vernetzt", sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance der Deka. „Das hilft der zunehmend auf Deutschland fokussierten Strategie der Bank und der Verbesserung des angekratzten Images in der Öffentlichkeit.“

Aufsichtsratschef Paul Achleitner selbst soll Sigmar Gabriel dem Großaktionär Katar vorgeschlagen haben, berichten Insider. Über Fonds ist das Emirat mit über sechs Prozent an der Bank beteiligt. Die Bank hätte sich auch im Vorfeld mit den Aufsichtsbehörden abgestimmt, hieß es in Finanzkreisen. Die Bank wollte das nicht bestätigen. Sigmar Gabriel wird nun erst gerichtlich bestellt. Einen entsprechenden Antrag habe das Kreditinstitut am Freitag beim Amtsgericht in Frankfurt eingereicht. Im Mai muss sich Gabriel dann den Aktionären auf der Hauptversammlung des Geldhauses zur Wahl stellen.

Über die Zukunft Sigmar Gabriels wurde schon seit Monaten spekuliert. Im November hatte der Politiker sein Bundestagsmandat vorzeitig niedergelegt. Unter anderem wurde der frühere SPD-Chef und Vizekanzler auch als möglicher Chef des Autoverbands VDA gehandelt.

Als Aufsichtsrat der Bank jedenfalls wird es viele Herausforderungen geben. Die Bank steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Vorstandschef Christian Sewing baut das Geldhaus deswegen um, im Zuge eines drastischen Sparprogramms werden 18 000 Stellen gestrichen. Zudem machen Niedrigzinsen der Bank zu schaffen. Im vergangenen Geschäftsjahr wird bei der Bank ein Milliardenverlust in den Büchern stehen. Details wird die Bank in der kommenden Woche veröffentlichen.

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