Philipp Riederle erklärt Geschäftsführern die Generation Internet und die Digitalisierung

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Digitalredakteurin

„Hi, ich bin Philipp“ – so wie im Internet das „Du“ die übliche Anrede ist, spricht Philipp Riederle auch im realen Leben seine Gesprächspartner an. Der 25-Jährige hat als Jugendlicher mit Netzfilmen, in denen er Smartphones erklärt, Hunderttausende von Menschen erreicht. Dadurch ist er zum gefragten Ansprechpartner für Manager, Personalchefs und Aufsichtsräte bei Themen wie der digitalen Transformation geworden. Dabei hat er zwei Schwerpunkte: einerseits die Folgen der digitalen Revolution für die Strukturen der Unternehmen und andererseits die neuen Produkte, Vertriebswege, und Geschäftsmodelle. Andrea Pauly hat mit dem gebürtigen Bayer über die Arbeit der Zukunft, die Wünsche der jungen Generation gesprochen, und darüber, welche Firmen es nicht schaffen werden.

Was die digitalen Unterhaltungen der Generation Internet sind, waren früher die Treffen an der Bushaltestelle. Der aus dem Internet illegal heruntergeladene Song ist das Mixtape aus dem Radio. Was unterscheidet die Generationen so eklatant, warum reden sie oft so sehr aneinander vorbei?

Ich glaube, es gibt drei Veränderungstreiber, die dafür sorgen, dass wir im Detail unterschiedlich ticken. Einerseits der digitale Wandel: dass wir die Welt nicht anders kennen als digital. Zweitens der demografische Wandel: dass momentan nur noch halb so viele Kinder zur Welt kommen wie 1960, was zum Fachkräftemangel führt und zu unserer besonders gefragten Position auf dem Arbeitsmarkt. Und drittens ist es ein Wertewandel, der unsere Generation prägt. Der hat schon ganz kuriose Auswirkungen, die man vielleicht gar nicht mit der Generation zusammenbringen würde, wie zum Beispiel, dass wir Spießer werden wollen, dass wir Werte wie Heimat und persönliche Bindungen als so wichtig angeben wie kaum eine Generation zuvor.

Deine Bücher haben eine spezielle Tonalität. Du bist ein bisschen rotzig, Du duzt Deine Leser, obwohl Du Geschäftsführer und Personalchefs ansprichst. Verbaust Du Dir damit die Chance, ernst genommen zu werden?

Die Tonalität in den Büchern habe ich ganz bewusst so gewählt, um direkt ins Eingemachte gehen zu können und einen persönlichen Draht zu meinen Lesern aufbauen zu können. Mir ist aber dennoch enorm wichtig, sowohl in den Büchern als auch bei meiner Arbeit in den Unternehmen, auch wenn es rotzig und frech daherkommt, dass alles sehr fundiert ist und sehr gut argumentiert ist.

Du bist selbst Chef von Mitarbeitern, die Deine Eltern sein könnten. Was für ein Chef bist Du?

Wir als Generation sehen uns wenig in Hierarchien, wir sind alle eins, und wir sind alle auf derselben Ebene und können toll auf Augenhöhe zusammenarbeiten und miteinander sprechen – egal, welche Position wir haben und egal, wie alt wir sind. Am ehesten macht es noch einen Unterschied, wie erfahren wir sind, aber das ist keine Frage von Alter. So ist es auch bei mir und meinem Team.

In Deinem ersten Buch „Wer wir sind und was wir wollen“ hast du deutliche Kritik am Schulsystem geübt, als Du selbst noch Schüler warst. Wie müsste die perfekte Schule für Dich aussehen?

Das Bildungssystem ist in der gesellschaftlichen Veränderung, die wir erleben, ein Flaschenhals. Es ist so wenig auf diese Veränderungen eingestellt, trägt dem so wenig Rechenschaft, dass das ein eklatanter Mangel ist und uns in unserer Zukunftsfähigkeit als Gesellschaft aktiv behindert.

Kannst Du das konkretisieren?

Wir erleben auf dem Arbeitsmarkt riesengroße Umwälzungen, es fallen etliche Berufe weg, durch Technologiefortschritt, durch Automatisierung. Es entstehen wahnsinnig viele neue Berufe, und die, die in ihrem Namen gleich bleiben, da verändert sich die Aufgabenzusammensetzung. Wenn man sich aber anschaut, wie sich berufliche Bildung oder das, was in Universitäten stattfindet, verändert hat – dann passiert da relativ wenig. Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigen, dass sich in den vergangenen zehn Jahren weniger als 50 Prozent der 326 Ausbildungsberufe in Deutschland in ihren Lehrinhalten angepasst haben.

Welche Folgen hat das?

Das heißt, da gehen Leute durch ein Schulsystem, in dem das Thema Digitales, Medien, Internet, nicht vorkommt – überhaupt nicht! Dann machen sie eine Ausbildung, die in den vergangenen zehn Jahren nichts upgedatet, aktualisiert worden ist und stehen dann auf einem Arbeitsmarkt, der aber von diesen Menschen erwartet, dass sie sich souverän im digitalen Kontext bewegen, dass sie mit den neusten Technologien in diesen Berufen umgehen können. Und da sind sowohl die Betriebe als auch diejenigen, die durch dieses Ausbildungssystem gehen, zu Recht frustriert. Das ist nicht zielführend.

Warum braucht ein Bäcker eine App? Muss er nicht im traditionellen Handwerk viel besser sein?

Natürlich geht es bei vielen Berufen und Dienstleistungen im Kern um die Dienstleistung oder das Produkt. Nur: Wir erleben, dass jegliches Geschäftsmodell und jegliches Produkt durch digitale Technologien erweitert wird und sich auch die Geschäftsmodelle verändern und die Art und Weise, wie eine Kundenbeziehung stattfindet. Ein klassischer Bäcker ist bei mir in Laufweite, und da geh’ ich hin, und da hole ich meine Semmeln. Wenn es aber einen Bäcker gibt, der mir genau das Brot und die Semmeln bäckt, auf die ich abfahre, der mir das dann nach der App-Bestellung vorbeibringt, in der Menge, die ich tagesaktuell in der App eingebe, dann ist mir egal, ob der 200 Meter von meinem Haus entfernt ist oder 20 Kilometer, dann werde ich bei ihm Kunde.

Wie kann die Digitalisierung den Alltag konkret verändern?

Wenn wir jetzt in der Branche der Lebensmittel bleiben, gibt es Plattformen oder Apps und Technologien, die tief in unser Leben eingreifen. Wenn ich einen Kühlschrank hätte, der wüsste, was in ihm drin ist, könnte dieser Kühlschrank mir meine Einkaufsliste schreiben. Wenn dieser Kühlschrank auswertet, was ich regelmäßig verbrauche und esse, dann könnte mir mein Kühlschrank auch vorschlagen: „Basierend auf dem, was noch da ist, könntest du diese und jene Gerichte kochen.“ Und dann könnte mir dieser Kühlschrank nicht nur die Einkaufsliste befüllen, sondern ich könnte auch sagen: Ich möchte diese Einkaufsliste auch geliefert bekommen. Technologisch ist das bereits möglich. Das ist eine Veränderung, wie Technologie unseren Alltag ganz tief verändern kann, wie wir unsere Zeit anders nutzen und wie Konsum ganz anders stattfindet.

Anders als beim Bäcker ist die Digitalisierung in der Autobranche bereits ein sehr großes Thema.

Es ist so beeindruckend zu sehen, welches Potenzial das hat, unser Leben nachhaltig zu verändern, und wie wir gewisse Güter auch so viel effizienter nutzen können. Blöderweise ist es so, das sagt die Statistik, dass das Auto 95 Prozent der Zeit nur rumsteht, was totale Ressourcenverschwendung ist. Ich gehe davon aus, dass wir vollautonome Fahrzeuge in absehbarer Zeit haben werden. Dann ist es plötzlich möglich, dass ich über meine App ein Fahrzeug bestelle. Dann macht Carsharing plötzlich Sinn. Vielleicht ist dann der Privatbesitz von Autos gar nicht mehr erlaubt, wer weiß?

Welche Folgen könnte das haben?

Was mich umgehauen hat bei dem Gedanken ist nicht nur, dass es sehr viel mehr convenient ist, dass wir die Ressourcen sehr viel effizienter nutzen, dass wir weniger Autos brauchen, dass die Autos besser ausgelastet sind. Sondern – das sind Berechnungen, die von Herstellern derzeit veröffentlicht werden – dass sie einen autonomen Autokilometer für umgerechnet zehn Cent anbieten können. Und dann haben darauf große Internetplattformen wie Google oder Facebook reagiert, die sagen: Zehn Cent? Das bezahlen wir komplett, wenn wir während der Fahrtzeit dem Nutzer Werbung anzeigen können. Mobilität in diesen Fahrzeugen wäre kostenlos, weil es durch Werbung finanziert wird. Und da stellt sich die Frage: Sind wir in der Automobilindustrie, die wir auch hier im gelobten Land Baden-Württemberg haben, darauf eingestellt? Sind wir darauf vorbereitet? Was macht das mit Produktionskapazitäten, wenn wir weniger Autos brauchen, die effizienter genutzt werden? Und in welcher Geschwindigkeit passiert das? Und da attestiere ich: Darauf sind wir nicht eingestellt. Vor allem nicht in der Geschwindigkeit.

Damit Unternehmen die Generation Internet für sich begeistern können, forderst Du ein großes Umdenken und eine völlig neue Struktur. Wie würde für Dich das perfekte Unternehmen aussehen?

Wir sind in einer digitalen Welt aufgewachsen, darum müssen sich Unternehmen verändern: Weil Anforderungen durch den digitalen Markt an die Unternehmen heute anders sind, weil sie mit neuen Anforderungen konfrontiert werden, die sie nicht bewältigen werden, wenn sie organisiert bleiben, wie sie sind. Es ist die Frage nach dem Organisationsmodell, nach digitalen Tools und Prozessen, es ist die Frage nach Fähigkeiten und Skills von Mitarbeitern und insbesondere Führungskräften, nach Arbeitszeiten, nach Arbeitsorten und nach Vergütungsmodellen – und alles das hängt zusammen. Und nur wenn diese Anforderungen berücksichtigt werden, und es die richtige Zusammensetzung an Konzepten und Strukturen gibt, erst dann sind Mitarbeiter bereit, aus sich heraus innovativ auf die heutigen Anforderungen einzugehen. Das variiert von Unternehmen zu Unternehmen.

 Philipp Riederle erklärt Geschäftsführern die Generation Internet und die Digitalisierung.
Philipp Riederle erklärt Geschäftsführern die Generation Internet und die Digitalisierung. (Foto: Shutterstock)

Du schreibst: Mitarbeiter verlassen nicht ein Unternehmen, sondern ihren Vorgesetzten. Was macht einen guten Chef der Zukunft aus?

Wurde früher derjenige zum Chef, der es am besten gemacht hat, war das vielleicht auch nicht die ideale Variante, nur heute ist es fatal. Denn durch das Digitale und dadurch, dass alles technologischer, komplexer und abstrakter wird, ist es so, dass Soft Skills und Kommunikation viel wichtiger werden.

Was bedeutet das für die Vorgesetzten?

Ich brauche Chefs, die hier enorm stark sind, die Mitarbeiter coachen, die den Mitarbeitern Tipps geben, Feedback geben, ihnen den Rücken stärken, den Rücken freihalten, aber ihnen nicht sagen, wo es langgeht, oder die alles besser wissen. Die Themen sind so komplex und so abstrakt, dass sich ein Chef die Mitarbeiter eingestellt hat, die in ihrem Bereich Experte sind. Ein Chef hat heute nur noch Mitarbeiter, die in einem Bereich klüger sind als der Chef, sonst bräuchte er sie nicht. Und die muss ich natürlich anders führen.

Wie denn?

Ich muss Mitarbeiter bestärken und ermöglichen, deren Abgeordneter in der Unternehmenspolitik zu sein, und nicht kontrollieren, ob sie sinnlose Regeln einhalten, sondern die sinnlosen Regeln aus dem Weg räumen.

Das heißt, der Chef ist der Dienstleister seiner Angestellten?

Wir als Generation würden definitiv sagen: Nicht wir arbeiten für unseren Chef, sondern unser Chef arbeitet für uns, damit wir unsere Arbeit gut machen können.

So mancher Vorgesetzter wundert sich, wenn der 25-jährige Mitarbeiter nach einer Woche sagt: „Das können wir auch anders machen.“ Wie ist der richtige Umgang mit Feedback?

Ich glaube, Unternehmen tun sehr gut daran, insbesondere das Feedback von Leuten, die möglichst kurz in der Organisation sind, anzunehmen. Denn es ist einhellige Meinung in der Innovationstheorie, dass Leute mit möglichst unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungswerten, also eine möglichst heterogene Menschengruppe zu den kreativsten und innovativsten Leistungen und Ideen kommt. Jeder sollte sich trauen, Feedback geben zu dürfen, und jeder sollte das Feedback ernsthaft annehmen.

Die Generation Internet ist viel eher bereit, den Arbeitgeber zu wechseln. Wie können Firmen das verhindern? Oder sollten sie es gar nicht verhindern?

Grundsätzlich hätten wir gerne einen stringenten Lebenslauf, wie unsere Eltern das hatten – wenn wir immer wieder das geboten bekommen, was wir uns im Arbeitsleben wünschen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die durchschnittliche Unternehmenszugehörigkeit der Unter-30-Jährigen von über 800 auf unter 300 Tage mehr als halbiert. Wenn es uns nicht passt, dann sind wir einfach wieder weg. Das hängt natürlich auch mit unserer hervorragenden Arbeitsmarktsituation zusammen. Wir haben wirklich die Wahl. Aber wenn es ein Unternehmen schafft, uns immer wieder neu zu begeistern, bleiben wir auch gerne ein Leben lang. Purpose, also Sinnhaftigkeit, steht da ganz oben. Wir wollen den Job nicht als Lebenszeit-gegen-Schmerzensgeld-Tausch verstehen.

Was denkst Du, wenn Du Sätze wie „Das haben wir schon immer so gemacht“, „Never change a running system“ oder „Wieso sollte das plötzlich falsch sein“ hörst?

Dann geht mir durch den Kopf: Wenn ihr an dieser Haltung nichts verändert, dann wird es euch nicht mehr lange geben.

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