„Niemand hat durch Roboter seinen Job verloren“

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Jens Südekum  Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre in Düsseldorf. Am Institut für Wettbewerbsökonomie (DICE) fors
Jens Südekum Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre in Düsseldorf. Am Institut für Wettbewerbsökonomie (DICE) forschte er über die Auswirkungen von Robotern auf die Arbeitswelt von 1994 bis 2014. (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

Roboter vernichten zwar keine Jobs, dafür lassen Sie das Lohnniveau sinken. Zu diesem Ergebnis ist VWL-Professor Jens Südekum gekommen von der Universität Düsseldorf gekommen. Betroffen sind weniger die Geringverdiener, als die Facharbeiter, sagte er im Interview mit Lilia Ben Amor.

Herr Südekum, fürchten Sie bald von einem Roboter ersetzt zu werden?

(Lacht) Nein, ich glaube, mein Job als Professor ist noch relativ sicher.

Wie viele Deutsche haben bereits durch Roboter ihre Jobs verloren?

Direkt hat niemand seinen Job durch Roboter verloren. Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass Industrieroboter seit 1994 Brutto 280 000 Jobs im Verarbeitenden Gewerbe ersetzt haben. Aber es wurden keine Leute entlassen, weil ein Roboter installiert wurde. Die Unternehmen haben nur weniger neue Jobs für junge Leute geschaffen.

Welche Berufe sind betroffen?

Es betrifft vor allem die Mitte des Qualifikationsspektrums, also den klassischen Facharbeiter in der Produktion, der am Fließband gestanden hat. Aber wie gesagt, auch der wurde nicht entlassen. Man hat aber bei diesen Berufsbildern gesehen, dass die Löhne unter Druck geraten sind. Es wurden auf Firmenebene Lösungen gefunden, um die Jobs zu sichern, dann aber zu reduzierten und geringeren Löhnen.

Verdienen wir also bald weniger, weil Roboter die Arbeit machen?

Wir haben deutlich gesehen, dass der Robotereinsatz die Produktivität und die Gewinne steigert, aber nicht die Durchschnittslöhne. Innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmer haben die Hochqualifizierten positive Effekte gehabt, das heißt, sie verdienen mehr. Im unteren Bereich, bei Pförtnern und Hausmeistern zum Beispiel, haben wir überhaupt keine Effekte festgestellt. Aber im mittleren Bereich, beim typischen Facharbeiter mit Berufsausbildung, und diese Gruppe macht ungefähr 75 Prozent aller Beschäftigten in der Industrie aus, hatten wir tatsächlich leicht negative Effekte auf den Lohn. Wir reden noch nicht über dramatische Größenordnungen, aber es sind statistisch signifikante Lohnrückgänge.

Wie könnte der Arbeitsalltag in einem Industrieunternehmen der Zukunft aussehen?

Wir haben gesehen, dass die Beschäftigung in der Industrie abnimmt, weil weniger neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Diejenigen, die auch zukünftig in der Industrie arbeiten, werden das Hand in Hand mit der Maschine tun. Wichtig ist nur, dass neue Berufsfelder entstehen, typischerweise außerhalb der Industrie, beispielsweise in den Dienstleistungen. 30 Prozent aller Berufe, die es heute gibt, hat es vor zwanzig Jahren noch nicht gegeben. Wir sollten keine Angst vor der Automatisierung haben. Das ist der Prozess, der schon immer gelaufen ist. Was wir aber sehen, sind die Effekte auf die Lohnverteilung. Darüber muss man sich Gedanken machen, damit an der Technologie nicht nur wenige verdienen.

Wie kann diese Lohnungleichheit verhindert werden?

Die Diskussion darüber steckt noch in den Kinderschuhen. Bill Gates schlägt eine Robotersteuer vor. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine weitere Option. Ich persönlich halte Modelle der Mitarbeiterbeteiligung für sehr interessant. Es läuft ja durch die Automatisierung darauf hinaus, dass die Gewinne steigen und die Löhne sinken. Wenn die Unternehmensanteile nur in den Händen von wenigen sind, fallen die steigenden Gewinne nur diesen wenigen zu. Bei der Mitarbeiterbeteiligung geht es darum, dass man den Besitz an der Technologie möglichst breit streut und Arbeiter zu Miteigentümern macht. Dann mögen zwar die Löhne sinken, aber es kann aufgefangen werden durch steigende Einkommen aus dem breit gestreuten Aktienbesitz. Noch ist die Größenordnung der Lohnrückgänge nicht dramatisch. Aber wir gehen alle davon aus, dass die Geschwindigkeit des technologischen Wandels durch die Digitalisierung zunimmt. Dann wird die Lohnungleichheit ein gravierendes Problem. Daher ist es besser, jetzt mit der Diskussion anzufangen, als wenn das Kind in ein paar Jahren in den Brunnen gefallen ist.

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