Neuland für den Mittelstand

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Die Digitalisierung ist auch aus kleinen Betrieben nicht mehr wegzudenken.
Die Digitalisierung ist auch aus kleinen Betrieben nicht mehr wegzudenken. (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung
Steffen Range
Redakteur

Die Digitalisierung macht dem Mittelstand zu schaffen. Fast die Hälfte der kleinen und mittelgroßen Unternehmen in Deutschland hat laut aktuellen Studien keine Strategie, wie sie die Digitalisierung handhaben soll. „Wenn wir nicht reagieren, ist unsere Volkswirtschaft akut in Gefahr“, warnte Joachim Bühler vom IT-Verband Bitkom beim Mittelstandsforum der Sparkasse in Berlin.

Das Problem fängt bereits mit dem Begriff an: Denn unter Digitalisierung versteht jeder etwas anderes. Die einen meinen damit ein elektronisches Bestellformular, andere verstehen darunter die Verlagerung ganzer Geschäftsfelder in die digitale Welt. Fest steht: Funkempfänger, Sensoren und Chips finden sich schon bald in nahezu jeder Maschine und Fabrik. Roboter und Maschinen werden viele Aufgaben erledigen, die heute noch in Menschenhand sind. Ob Heizung oder Metallpresse, Kran, Kühlschrank oder Kuhstall: überall lassen sich Daten erfassen. Fernseher werden ebenso selbstverständlich ans Internet angeschlossen wie Autos.

Daraus ergeben sich neue Geschäftsideen. Das allerdings spielt dem deutschen Mittelstand nicht unbedingt in die Hände. Denn der Umgang mit großen Datenmengen ist eine Spezialität von US-Unternehmen. „Es kommen neue Spieler in den Markt“, sagte Bitkom-Vertreter Bühler.

Beispiele für das Internet der Dinge gibt es bereits im Alltag. Erstaunlicherweise ist die Landwirtschaft viel fortschrittlicher als zum Beispiel der Maschinenbau. Winzer überwachen Rebstöcke mit Sensoren, Eierhöfe regulieren Licht und Futtermenge maschinell, in manchem Kuhstall werden Kühe von Robotern gemolken. Dagegen wirken Turbinen, Fräsen und Stanzen dumm.

Konzerne wie Bosch und Daimler haben sich mittlerweile auf die Digitalisierung eingelassen, der Mittelstand aber zaudert. „Digitalisierung ist wichtig für die regionale Wirtschaft“, betonte Karin-Brigitte Göbel, Vorstandsmitglied der Sparkasse Düsseldorf. „Wir haben als Banken die Verpflichtung, das Thema in die Unternehmen hineinzutragen.“

Viele Mittelständler weigern sich beispielsweise, Daten in Rechenzentren zu speichern. Aus Angst vor Industriespionage zögerten „gerade die Unternehmen, die einen technologischen Vorsprung auf dem Weltmarkt haben“, sagte Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon. Eine Studie des Sparkassen- und Giroverbands zeigt: Für 88 Prozent der Befragten ist die Datensicherheit wichtig. Drei Viertel der Mittelständler können sich nicht vorstellen, ihre Daten in die so genannte „Cloud“ auszulagern. Göbel hält die Sicherheitsbedenken für „vorgeschoben“, sie dienten als willkommenes Argument, sich nicht mit der Digitalisierung zu beschäftigen. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und gab es auch nicht in der Papier- und Bleistiftwelt“, sagte Professor Jan Jürjens vom Fraunhofer-Institut für Softwaretechnik in Dortmund. Deutschland verfüge inzwischen über viele Rechenzentren mit hohen Sicherheitsstandards, sagte Bitkom-Vertreter Bühler.

Chefsache Digitalisierung

Um den USA allerdings entgegentreten zu können, brauche Europa einheitliche Regeln beim Datenschutz – eine Position, die auch EU-Digitalkommissar Günther Oettinger vertritt. Den Unternehmen empfahl Bühler, die Digitalstrategie zur Chefsache zu erheben. Wer mit Digitalisierung nichts anzufangen wisse, solle sich mit jungen Unternehmen verbünden, die sich auf Software und Internet verstünden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte die Teilnehmer des Mittelstandsforums – darunter auch eine Delegation aus Ravensburg um Sparkassenchef Heinz Pumpmeier und IHK-Präsident Heinrich Grieshaber – bereits am Donnerstagg aufgerufen, sich auf ein „rasend schnelles Innovationstempo“ einzustellen.

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