Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse: Vom Rekordhoch bei 13 560 Zählern am 23. Januar dieses Jahres, hat der Dax binnen 1
Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse: Vom Rekordhoch bei 13 560 Zählern am 23. Januar dieses Jahres, hat der Dax binnen 13 Handelstagen 1452 Punkte oder knapp elf Prozent verloren. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Brigitte Scholtes

Die heftigen Schwankungen an den Finanzmärkten haben auch zum Wochenschluss nicht nachgelassen. Börsianer werten das als den Beginn einer Umschichtung des Kapitals von Aktien in Anleihen – zumindest in den USA. Der Auslöser waren gute Konjunkturnachrichten in den USA. Sie waren sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn spätestens mit den unerwartet guten US-Arbeitsmarktdaten Anfang Februar wurde den Anlegern endgültig klar, wie gut es der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten geht – so gut nämlich, dass die Geldpolitik dort die Zügel nun noch etwas straffer ziehen könnte.

Die Anleger befürchteten, dass die Zinsen schneller steigen als erwartet, erklärt Stefan Scharfetter, Aktienhändler der Baader Bank. „Dann tritt ein Automatismus ein, dass man sich aus den Aktienmärkten verabschiedet und in die Rentenmärkte hineingeht.“ Denn dort bekommen Anleger dann wieder vernünftige Zinsen. „Es findet eine Umschichtung des Kapitals statt, und das sind die ersten Vorboten dazu“, sagt der langjährige Händler. Es seien viel mehr Verkäufer als Käufer im Markt. Hinzu kommen die automatischen Handelssysteme: Die leiten automatisch Verkäufe von Aktien ein, wenn bestimmte Schwellen unterschritten werden. Das verstärkt den Abwärtstrend.

Die Angst ist zurück

Die Anleger hätten sich offenbar auch wohlgefühlt mit der Lage an den Aktienmärkten, glaubt Stefan Scheurer, Kapitalmarktexperte der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors (AGI). Die Volatilität, also die Schwankungsanfälligkeit, sei „extrem niedrig“ gewesen. Man habe die Risiken ausgeblendet. Deshalb hält er die Reaktion der Märkte in den letzten Tagen eher für gesund. In den USA beispielsweise lag das sogenannte Angstbarometer, der Volatilitäts-Index (Vix) der Chicagoer Optionsbörse Cboe, Ende Januar noch bei 14 Zählern. In dieser Woche sprang der Index in der Spitze auf Werte um 50 Punkte.

Tatsächlich waren die Aktienmärkte vor allem in den USA seit Wochen wie entfesselt, vor allem seitdem klar war, dass die Steuerreform in den USA nun doch umgesetzt wird. Auf die hatten Anleger schon Ende des vergangenen Jahres gewettet, waren dann aber zwischenzeitlich enttäuscht. Nun aber seien die Aktien in den USA sehr hoch bewertet, sagt Scheurer von der AGI. Das werde nun korrigiert. In Europa sieht er die Bewertung noch im normalen Bereich.

Dass die europäischen Märkte dennoch so nervös seien, liege zum einen daran, dass die amerikanischen Investoren jetzt europäische und auch deutsche Aktien verkaufen, sagen Händler. Hinzu kommt die berühmte Börsenpsychologie: „Wenn Anleger unsicher sind, den Trend nicht mehr klar erkennen können, dann werden sie nervös und sichern sich gegen unerwartete Ereignisse ab“, erklärt Manfred Hübner, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Sentix, das die Beweggründe für das Handeln der Börsianer erforscht. Diese Unsicherheit sei ausgelöst durch die dann doch überraschend heftigen Reaktionen an der amerikanischen Börse zu Wochenbeginn.

Die Nervosität am deutschen Aktienmarkt führt Hübner auch darauf zurück, dass die Finanzmärkte von der schleppenden Regierungsbildung und den Plänen der Koalitionäre enttäuscht sind. Zu viel Regulierung schwäche auf Dauer die Wirtschaft.

Doch fundamental stünden die europäischen Finanzmärkte besser da, meint Kapitalmarktexperte Stefan Scheurer von der AGI. Die Risikoaufschläge im Sektor der Unternehmensanleihen hätten sich kaum bewegt, die Realzinsen seien weiter niedrig und stützten die Konjunktur. Und anders als in den USA sei die Geldpolitik im Euroraum noch recht locker, das Konjunkturumfeld noch gut. So haben die Kurse in dieser Woche zwar stark gelitten, doch die meisten Marktstrategen bleiben zuversichtlich für Aktien und ordnen die Turbulenzen als reinigendes Gewitter an der Börse ein.

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