Marshallplan mit Afrika

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 Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (Mitte) zu Besuch bei Marquardt in Tunis: Werksleiter Noureddine Yakoubi (rechts) erkärt
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (Mitte) zu Besuch bei Marquardt in Tunis: Werksleiter Noureddine Yakoubi (rechts) erkärt, welche Produkte das Familienunternehmen aus Rietheim-Weilheim in seinem tunesischen Werk herstellt. (Foto: Ute Grabowsky / photothek.net)
dpa

Penibel fegt Hamzeh die Metallspäne unter der Fräse in der Ausbildungswerkstatt zusammen. Immer wieder, von links nach rechts. Kameras klicken. Es sind Bilder, die sich der deutsche Entwicklungsminister wünscht: Ein junger Tunesier in Arbeit, angestellt beim Automobilzulieferer Marquardt aus Rietheim-Weilheim (Landkreis Tuttlingen).

„Wir investieren in die Zukunft der tunesischen Jugend“, sagt CSU-Mann Müller, als er später sieben Kooperationsabkommen in der Hauptstadt Tunis unterschreibt. Deutsche Unternehmen aus der Textil-, Automobil- und Tourismusbranche sollen verstärkt ausbilden und dadurch neue Jobs schaffen. Auch Rückkehrer und abgelehnte Asylbewerber aus Deutschland sollen bei den deutschen Firmen unterkommen. Entwicklungspolitik ist inzwischen auch Flüchtlingspolitik.

Arbeitslosigkeit bedeute oft soziale Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit, die einen Nährboden für Radikalisierung und illegale Migration nach Europa bildeten, heißt es in einer der Absichtserklärungen, die Müllers Ministerium und deutsche Firmen unterschreiben. Und gerade bei jungen Menschen ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien hoch: Fast jeder dritte Jugendliche findet dort keine passende Stelle.

„Auch von meinen Freunden sind einige nach Europa gegangen“, erzählt der 22-jährige Hamzeh, der bei Marquardt als Werkzeugmechaniker arbeitet. „Oder sie sitzen zu Hause und wollen trotzdem Geld kriegen.“ Bei dem deutschen Mechatronik-Spezialisten, der seit 27 Jahren in Tunis produziert und dort 1800 Mitarbeiter beschäftigt, habe er gelernt, dass man mit Fleiß auch etwas erreichen könne.

Leuchtturm der Hoffnung

Tunesien gilt vor allem deutschen Politikern als „Leuchtturm der Hoffnung“, wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das Land im vergangenen Jahr bei ihrem Staatsbesuch bezeichnete. Doch obwohl das nordafrikanische Land nach dem „Arabischen Frühling“ als einziges der Region umfassende Reformen eingeleitet hat, kämpft es mit massiven wirtschaftlichen Problemen. Das Wachstum hinkt im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten weit hinterher. Immer wieder kommt es zu Streiks, Anfang des Jahres gab es tagelange Ausschreitungen im ganzen Land wegen der Reformpläne der Regierung.

Die deutsche Wirtschaft und die Entwicklungspolitik sollen sich an der sogenannten Fluchtursachenbekämpfung in Afrika beteiligen. Mit Ausbildungskooperationen und millionenschweren Programmen wollen Bundesinnen- und Entwicklungsministerium die Zukunftschancen junger Menschen in deren Heimat verbessern – oder sie zur freiwilligen Rückkehr bewegen, wenn sie in Deutschland keine Aussicht auf einen Aufenthalt haben.

„Das kann eine Win-win-Situation sein für die Unternehmen, die nach neuen Mitarbeitern suchen, und für die Rückkehrer, die Jobs in Tunesien suchen“, sagt Martin Henkelmann, Geschäftsführer der Auslandshandelskammer in Tunesien. Der Entwicklungsminister will die deutsche Wirtschaft in die Pflicht nehmen. „Tunesien kann ein Modellpartner für die deutsche Wirtschaft werden“, meint Müller.

Harald Marquardt, Chef des Familienunternehmens aus Rietheim-Weilheim, jedenfalls findet nur lobende Worte für Land und Leute: „Vieles, was wir in Nordafrika unternehmen, hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt: Unsere Mitarbeiter in Tunesien verfügen meist über ein gutes bis sehr gutes Bildungsniveau, sprechen nicht selten vier oder gar fünf Sprachen.“ Auch deshalb erweitert die Firma in Tunis ihre Kapazitäten, plant den Bau eines weiteren Werks und will in den nächsten fünf Jahren bis zu 600 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Reformpartner Tunesien

Deutsche Firmen wie Marquardt stehen bei jungen Tunesiern hoch im Kurs. „Weil wir die Auszubildenden nach ihrer Ausbildungszeit übernehmen und ihnen eine Perspektive geben“, erklärt Werksleiter Noureddine Yakoubi im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Nachwuchssorgen muss sich der Manager nicht machen. Aktuell erlernen in dem Werk 35 Tunesier in einer an die duale Ausbildung in Deutschland angelehnten Lehre den Beruf des Mechatronikers, Werkzeugmachers und Spritzgießers – Tendenz steigend.

Verschiedene Kooperationen sollen allein im Automobilbereich 7500 neue Jobs schaffen. Der Reformpartner Tunesien wird zunächst günstige Kredite im Volumen von 100 Millionen Euro bekommen. Allerdings muss das Land dafür Fortschritte vorweisen, etwa bei der Korruptionsbekämpfung. „Afrika braucht keine Almosen, sondern eine neue Partnerschaft auf Augenhöhe“, so Müller.

Experten halten den Einfluss der deutschen Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit auf die Migration allerdings für gering. Die bundeseigene Gesellschaft für Außenwirtschaft (GTAI) listet die Probleme für deutsche Unternehmen in Afrika auf: mangelhafte Infrastruktur, restriktive Handels- und Zollvorschriften, langwieriger und teurer Transport.

Selbst die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung forderte kürzlich in einer Studie eine „grundlegende Umorientierung der deutschen und europäischen Entwicklungspolitik“. Der „Marshallplan mit Afrika“ von Minister Müller lasse viele Fragen offen.

„Ich denke nicht, dass die Verzahnung von Entwicklungshilfe und Migrationspolitik aus deutscher Perspektive effektiv ist“, sagt Migrationsforscherin Katharina Natter von der Universität Amsterdam. Der Ansatz sei durchaus lobenswert, aber das Volumen und die Effekte seien minimal und reichten nicht aus. „Es gibt außerdem viele Studien, die zeigen, dass mehr Entwicklung erstmal zu mehr Migration führt.“ Die Ansätze dazu gebe es bereits seit den 1990er-Jahren und sie hätten bis heute keine Früchte getragen, erklärt Natter.

Im Einzelfall könnten solche Projekte jedoch helfen. Und ein solcher Fall ist der 22-jährige Hamzeh aus Tunis. Obwohl sein Vater wollte, dass er Medizin studiert, hat er sich für die Technik und den deutschen Autozulieferer entschieden. „Ich liebe Autos“, sagt er. „Und jetzt fahre ich auch eines, wo die Schalter verbaut sind, die wir herstellen. Das hat auch meinen Vater stolz gemacht.“

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