Liebherr: „Wir fühlen uns überall zu Hause“

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Liebherr: „Wir fühlen uns überall zu Hause“
Liebherr: „Wir fühlen uns überall zu Hause“
Schwäbische Zeitung

Unabhängigkeit, solide Finanzen und gutes Betriebsklima -- das sind Werte, die ein Familienunternehmen wie Liebherr pflegt. An diesen Grundsätzen wird Firmenchef Willi Liebherr auch nicht rütteln. Sie haben das Unternehmen vielmehr groß gemacht, wie er im Gespräch mit SZ-Redakteur Burkhard Riering erzählt. Auch wenn die Firma wegen der Wirtschaftskrise eine Umsatzdelle hinnehmen muss, ist Willi Liebherr um die Zukunftsfähigkeit der Gruppe überhaupt nicht bange.

SZ: Herr Liebherr, der frühere Ministerpräsident Lothar Späth hat die Liebherr-Gruppe einmal fast liebevoll ein „Familienkonzernle“ genannt. Die Frage dahinter ist: Fühlen Sie sich noch als Mittelstand?

Willi Liebherr: Dass wir Mittelstand sind, ist nicht mehr leicht zu rechtfertigen. Unser Charakter und unser Handeln sind zwar mittelständisch geprägt. Liebherr ist immer ein Familienunternehmen geblieben. Allerdings sind die Strukturen und die Größe sicher nicht mehr mittelständisch zu nennen.

SZ: Ihr Vater Hans Liebherr, der die Firma 1949 gegründet hat, machte fast alles noch persönlich. Wie leiten Sie und Ihre Schwester Isolde heute dieses große Gebilde?

Liebherr: Auch wir sind ständig unterwegs zu unseren Gesellschaften, aber eben jetzt weltweit. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Mein Vater konnte in den Anfangszeiten mit seinem alten Mercedes noch von Werk zu Werk fahren, er kannte damals jeden Mitarbeiter. Das ist heute nicht mehr möglich. Mein Vater hat einmal gesagt: Eine Gesellschaft mit mehr als 1000 Mitarbeitern ist von einer einzelnen Person nicht mehr in vollem Umfang kontrollierbar. Im übertragenen Sinne hatte er damit recht. Deshalb ist unsere Firmengruppe auch in Einheiten gegliedert, die von den Geschäftsführern der Gesellschaften gut überblickt und geführt werden können. Wir als Gesellschafter stehen in engem Kontakt zu den Geschäftsführungen. Dies ist für uns die Voraussetzung, um Entscheidungen treffen und die Gruppe trotz ihrer Größe steuern zu können.

SZ: Wie viel von den Grundsätzen Ihres Vaters können Sie auf heute übertragen?

Liebherr: Einige für uns als Familienunternehmen wichtige Grundsätze gelten auch heute noch. Dazu gehören erstens die Unabhängigkeit und die Selbstständigkeit. Beides kann ich nur gewährleisten, wenn ich finanziell stark bin. Das führt zu einem weiteren Grundsatz: Nur so weit expandieren, wie der Arm reicht, sagte mein Vater immer. Das soll heißen, immer nur gesund und sinnvoll zu wachsen, und nie das Unternehmen durch übertriebenes Risiko zu gefährden. Ein Grundsatz ist auch: Als Familienunternehmen müssen wir immer den Anspruch haben, uns mit den Besten zu messen. Wir müssen nicht nur mit unseren Technologien, sondern gesamthaft als Unternehmen zur Spitze gehören. Dies erreicht man nur über motivierte Mitarbeiter, sie sind der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb ist für uns ein gutes Betriebsklima enorm wichtig.

SZ: Die Konzernstruktur ist wohl einmalig: Liebherr fertigt Baumaschinen, ist in der Luftfahrt tätig, baut Kühlschränke und betreibt Hotels. Wie komplex ist Ihr Job?

Liebherr: Er ist nicht komplex, weil die Firmengruppe sauber strukturiert ist. Wir haben sie in unterschiedliche Sparten gegliedert, was die Komplexität verringert. Für meine Schwester und mich ist es kein Problem, dass wir uns in den unterschiedlichsten Geschäftsfeldern bewegen, denn sie sind seit Langem unser Kerngeschäft. Wir fühlen uns in allen diesen Bereichen zu Hause. Es macht uns nichts aus, mehrmals am Tag gedanklich den Hebel umzulegen.

SZ: Warum überhaupt diese verschiedenen Geschäftsfelder?

Liebherr: Mein Vater hatte von Anfang an die Absicht, nicht bei nur einem Produkt stehen zu bleiben, sondern zu diversifizieren. Einerseits hat er Chancen, die sich boten, frühzei-tig erkannt und genutzt. Andererseits hat er es – wie einmal treffend bemerkt wurde – immer verstanden, aus der Vielzahl seiner eigenen Ideen die richtigen herauszugreifen und diese mit großer Zähigkeit zu entwickeln. Letzteres ist wichtig, denn es wird heute ja oft schnell etwas angefangen und ebenso schnell wieder aufgegeben.

SZ: Ist die Struktur noch zeitgemäß oder müssen Sie sie überdenken?

Liebherr: Wir müssen sie nicht überdenken, wir sind glücklich damit. Unsere Firmenstruktur wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich angepasst. Sie ist absolut upto-date und es gibt keine Notwendigkeit, sie grundsätzlich infrage zu stellen. Jede einzelne Sparte hat eine Zukunft und kann sich in ihrem Wettbewerbsumfeld behaupten, das ist entscheidend.

SZ: Sie haben vor fast 20 Jahren den Konzern übernommen. Was haben Sie seitdem zusätzlich aufgebaut?

Liebherr: Wir sind in diesem Zeitraum enorm gewachsen. Die Mitarbeiterzahl hat sich verdoppelt, und wir haben den Umsatz vervierfacht. Darüber hinaus haben wir die Gruppe neu strukturiert und nicht zuletzt unser Produktprogramm in Breite und Tiefe erheblich erweitert. Nehmen Sie den Mining-Bereich. Vor zwölf Jahren haben wir mit den großen Muldenkippern für die Minen-Industrie angefangen. Heute gibt es keine große Mining-Gesellschaft in der Welt ohne diese Trucks von uns. Der Aufbau hat uns zunächst viel Geld gekostet. Hätten Sie den Business-Plan in einem börsennotierten Konzern vorgelegt, wäre der wohl nie verwirklicht worden. Bei uns als Familienunternehmen aber geht das. Ein anderes Beispiel: Wir wollen mehr aus den Komponenten machen, die wir für viele unserer Produkte herstellen. Da liegen viele Chancen verborgen. Denken Sie an unsere Dieselmotoren oder an die Großwälzlager, mit denen wir jetzt die Windkraftindustrie beliefern.

SZ: Liebherr hat seit einem Vierteljahrhundert den Hauptsitz in der Schweiz. Angefangen hat aber alles in Kirchdorf und Biberach. Ist das Unternehmen noch oberschwäbisch zu nennen?

Liebherr: Durch unsere weltweite Ausrichtung passen wir nicht mehr ins oberschwäbische Schema. Wir sind an vielen Standorten in der Welt zu Hause und jeweils dort lokal verwurzelt. Natürlich prägt das Schwäbische gewisse Dinge, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

SZ: Sie bauen gerade in Nischni Nowgorod und Monterrey. Muss man sich bei der Expansion Sorgen um die alten Standorte machen?

Liebherr: Nein, man muss sich keine Sorgen machen. Was die Standorte angeht, verfolgen wir eine Vorwärtsstrategie. Wir müssen einerseits die Produktionsstätten in traditionellen Märkten sichern, andererseits aber auch verstärkt in den Wachstumsmärkten präsent sein. Dazu zählen heute Länder wie Brasilien, Russland oder China. Unser Ziel ist es also, die traditionellen europäischen Standorte durch neue Werke in wichtigen Märkten zu ergänzen. Das eine geht nicht zulasten des anderen.

SZ: Liebherr hat im Krisenjahr 2009 mehr als eine Milliarde Euro Umsatz verloren. Wie sind die Aussichten für das laufende Jahr?

Liebherr: Nach fünf Jahren des Wachstums hatten wir 2009 einen Umsatzrückgang von 17 Prozent. Dennoch gibt es auch Sparten, die zugelegt haben. Das Glück ist, dass wir in unterschiedlichsten Branchen unterwegs sind. Wenn es einmal hier nicht richtig läuft, liegen wir dort gut im Plus. Für 2010 erwarten wir ein Wachstum von mindestens fünf Prozent, vorsichtig formuliert.

SZ: Sie setzen an mehreren Standorten auf Kurzarbeit. Was ist, wenn das nicht mehr ausreicht?

Liebherr: Wir schöpfen alle Maßnahmen aus, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. So konnten wir eine erhebliche Anzahl von Mitarbeitern aus Werken, in denen es nicht so gut läuft, in andere Liebherr-Gesellschaften transferieren und ihnen dort Arbeit anbieten. Insgesamt können wir aber nicht völlig ausschließen, dass es in dem einen oder anderen Fall betriebsbedingte Kündigungen geben kann. Aber es steht keine Entlassungswelle an, absolut nicht. Und wir haben den festen Willen, unsere Mitarbeiter zu halten.

SZ: Ihre Stärke präsentieren Sie auf der Baumaschinenmesse Bauma in München. Was ist 2010 geplant?

Liebherr: Die Bauma ist für uns ein Heimspiel. Wir sind dieses Jahr wieder größter Aussteller mit einem komplett neuen Messeauftritt. Damit wollen wir auch unsere Kontinuität aufzeigen: Die Entscheidung für diesen noch größeren Messeauftritt ist während der Krise gefallen. Uns geht es darum zu zeigen, dass wir an die Zukunft glauben. Ein Krisenjahr bringt uns nicht vom Weg ab.

SZ: Sie gehören zur zweiten Generation. Wann tritt die dritte an?

Liebherr: Wir haben das große Glück, dass der Nachwuchs hoch motiviert ist und starkes Interesse an unserem Unternehmen zeigt. Das gilt sowohl für die Kinder meiner Schwester als auch für meine. Einige der älteren haben ihre Ausbildung bereits abgeschlossen und sind schon in der Firma aktiv. Was die Nachfolge angeht, haben wir also keine offene Frage. Liebherr wird auch in Zukunft als Familienunternehmen erfolgreich sein, davon bin ich felsenfest überzeugt.

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