Lieber nur gucken, nicht kaufen: Einkaufsverhalten hat sich massiv geändert

 Eine Passantin mit Regenschirm steht in der Hamburger Innenstadt: Besonders hart traf die Kaufzurückhaltung im Juni den Textilh
Eine Passantin mit Regenschirm steht in der Hamburger Innenstadt: Besonders hart traf die Kaufzurückhaltung im Juni den Textilhandel. (Foto: Christian Charisius/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Schwäbische.de
Wirtschaftsredakteurin
Friederike Marx und Matthias Arnold und Erich Reimann

Die hohe Inflation und die Angst vor den explodierenden Heizkosten sorgt in Deutschland mitten im Sommer für ein eisiges Konsumklima. Egal ob Lebensmittel oder Textilien – es wurde im Juni deutlich weniger eingekauft als noch vor einem Jahr. Auch der Onlinehandel blieb von der Kaufzurückhaltung nicht verschont, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Und eine rasche Besserung ist nach Einschätzung des Handelsverbandes Deutschland (HDE) nicht in Sicht.

Tatsächlich sind die Zahlen dramatisch. Im Juni lagen die Umsätze im deutschen Einzelhandel nach Angaben des Statistischen Bundesamtes inflationsbereinigt – also real – um 8,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. „Das ist der größte Rückgang zum Vorjahresmonat seit Beginn der Zeitreihe 1994“, berichtete die Behörde am Montag. Einschließlich Preiserhöhungen (nominal) nahm der Umsatz allerdings nur um 0,8 Prozent ab. Die Differenz zwischen den nominalen und realen Ergebnissen spiegele die hohen Preissteigerungen im Einzelhandel wider, die das Konsumklima spürbar beeinträchtigten, erläuterte die Behörde.

Und eine rasche Besserung der Kauflaune ist nicht zu erwarten. Nach einer aktuellen HDE-Umfrage sind die Menschen in Deutschland derzeit bei Einkäufen und Anschaffungen so zurückhaltend wie lange nicht mehr. Auch in den kommenden drei Monaten sei mit einer schwachen Konsumstimmung zu rechnen, fasst der Verband das Ergebnis seines monatlich erstellten Konsumbarometers zusammen.

Angesichts von Ukraine-Krieg, Inflation und großen Unsicherheiten für die künftigen Entwicklungen würden die Menschen bei ihren Ausgaben zunehmend vorsichtig. „Die Konsumstimmung ist im Keller“, sagte ein HDE-Sprecher. Hinzu komme, dass sich die eigenen Einkommenserwartungen im Vergleich zum Vormonat verschlechtert hätten und somit weniger Spielraum für Konsumaktivitäten oder den Ausbau von Ersparnissen bestehe. Erst vor Kurzem hatte eine repräsentative Umfrage des Verbandes ergeben, dass inzwischen mehr als ein Viertel der Bevölkerung (27 Prozent) große Angst hat, mit dem Geld nicht mehr auszukommen.

Besonders hart traf die Kaufzurückhaltung im Juni den Textilhandel. Dessen Umsätze lagen sogar um 10,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Doch relativierte der Sprecher des Handelsverbandes Textil Schuhe Lederwaren (BTE), Axel Augustin, den Rückgang etwas. Der Juni 2021 sei wegen der Nachholeffekte nach dem monatelangen Lockdown im Modehandel sehr umsatzstark gewesen. Die Latte für die Branche habe deshalb sehr hoch gelegen. Dennoch räumte auch Augustin ein: „Im Moment ist die Konsumstimmung relativ schlecht. Die Leute halten sich auch beim Kauf von Bekleidung zurück.“

Die Unterschiede in der Branche sind nach seinen Worten allerdings groß. Vergleichsweise gut sei die Situation in mittelständischen Modehäusern und Fachgeschäften, deren eher gut situierte Kunden kaum oder gar nicht unter den aktuellen Preissteigerungen litten. Je mehr die Kunden eines Händlers jedoch ihr Geld zusammenhalten müssten, desto eher bestehe die Gefahr, dass auf den Bekleidungskauf verzichtet werde.

Juli und August seien im Modehandel aber ohnehin umsatzschwache Monate, gibt Axel Augustin zu Bedenken. „Entscheidend wird der September. Da werden wir sehen, wie die Verbraucherinnen und Verbraucher reagieren. Ob sie zurückschrecken, wenn ein neuer Mantel ohne Rabatt gekauft werden muss“, sagte er.

Friedrich Werdich, Geschäftsführer des Schuhhauses Werdich mit Sitz in Dornstadt im Alb-Donau-Kreis, das 37 Filialen von Stuttgart bis Augsburg betreibt, berichtet, dass der innerstädtische Fachhandel immer noch stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie leide. Während die Einzelhändler während der Lockdowns aber wenigstens auf das Onlinegeschäft umsteigen konnten, werde dieses Geschäft nun auch ausgebremst. „Wir sehen, dass die hohen Umsatzzuwächse im Onlinehandel erst einmal ’gebrochen’ sind. Das Wachstum ist infolge des Ukraine Konflikts stark abgeflacht“, sagt Werdich.

Das Statistische Bundesamt bestätigt die Erfahrung von Schuhändler Werdich: Der Internethandel, der in der Corona-Pandemie geboomt hatte, musste nach den Angaben der Behörde zuletzt einen Umsatzeinbruch hinnehmen. Mit einem Rückgang von 15,1 Prozent gegenüber Juni 2021 wurde den Angaben zufolge das stärkste Minus binnen Jahresfrist seit 1994 verzeichnet. Für den Stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des E-Commerce-Branchenverbandes bevh, Martin Groß-Albenhausen, ist diese Entwicklung allerdings auch ein Zeichen dafür, was für eine große Rolle der Onlinehandel inzwischen im Alltag spielt. „So normal der E-Commerce für die Menschen geworden ist, so wenig kann er sich der weitreichenden Störung des Konsumklimas, wenn nicht der Gesamtwirtschaft, entziehen“, sagte Groß-Albenhausen kürzlich.

Im Lebensmittelhandel lagen die Umsätze im Juni real um 7,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Supermärkte und Discounter hatten in der Pandemie davon profitiert, dass viele Veranstaltungen und Kneipenbesuche ausfielen und häufig im Homeoffice gearbeitet wurde. Um es wenigstens zu Hause schön zu haben, griffen viele Menschen 2020 und 2021 beim Lebensmitteleinkauf tiefer in die Tasche. Man gönnte sich etwas. Vor allem den Supermärkten bescherte dies kräftige Umsatzzuwächse.

Doch das ist vorbei. Jetzt wird wieder auf den Cent geschaut. Nach Daten des Marktforschers GfK wird häufiger zu Sonderangeboten gegriffen, es wird öfter beim Discounter geshoppt und statt Markenartikel liegen gerne wieder die Eigenmarken der Handelsketten in den Einkaufswagen. Auf den einen oder anderen Einkauf werde auch schlicht verzichtet, um Geld zu sparen, beobachteten die Marktforscher.

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