Lidl führt Fleisch-Kennzeichnung ein

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Ferkel in einem Aufzuchtstall. Der neue Haltungskompass des Discounters Lidl zeigt vier verschiedene Haltungsarten von Schweinen
Ferkel in einem Aufzuchtstall. Der neue Haltungskompass des Discounters Lidl zeigt vier verschiedene Haltungsarten von Schweinen an: Stallhaltung, Stallhaltung Plus, Außenklima und Bio. (Foto: dpa)
Hanna Gersmann

Der Discounter Lidl kennzeichnet künftig die Haltungsbedingungen der Tiere auf seinen Fleischverpackungen. So deuten Sie den „Haltungskompass“ richtig.

Könnte die Sau wie sie wollte, würde sie in einer Rotte am Rande des Waldes leben. Christel Simantke von der Beratungsstelle für artgerechte Tierhaltung in Witzenhausen sagt: „Die Sau kommt gut ohne den Menschen aus.“ Bekomme sie Junge, wolle sie selbst die Artgenossen nicht mehr um sich haben. Sie verkrieche sich, baue ein Nest und käme erst rund zehn Tage nach der Geburt mit den Ferkeln zurück. Dann fresse sie sich mit Eicheln, Käfern und Würmern wieder rund.

Dieses wilde Leben bietet kein Bauer seinen Tieren, der mit ihnen Geld verdienen will. Doch Schweine, Rinder, Hühner werden mal besser gehalten, mal schlechter. Nur: Wie lässt sich das erkennen, was gut und was schlecht ist für Tiere? Und wie können Verbraucher die Haltungsbedingungen aus den Kennzeichnungen ihrer Produkte herauslesen?

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik forderte schon vor drei Jahren mehr Platz, weniger Medikamente, öfter Freigang für die Eier-, Fleisch-, Milchlieferanten. Das hochrangige Beratergremium des Bundeslandwirtschaftsministeriums machte „erhebliche Defizite“ im Tierschutz aus – und eine „verringerte gesellschaftliche Akzeptanz“.

Vielen Verbrauchern geht es längst nicht nur um den Preis. Als Edeka jüngst ein Suppenhuhn für einen Euro anbot, empörten sich die Kunden.

Die vier Stufen des Discounters

Der Discounter Lidl hat am Dienstag nun einen eigenen vierstufigen Haltungskompass in seine Läden gebracht.

(Foto: Lidl)
  • Stufe 1 „Stallhaltung“ entspricht gesetzlichem Mindeststandard
  • Stufe 2 „Stallhaltung Plus“ gewährt etwas mehr Platz und täglich etwas Stroh zur Beschäftigung
  • Stufe 3 „Außenklima“ bietet zusätzlich Platz und Zugang zu einem Bereich draußen. Genfutter ist tabu
  • Stufe 4 entspricht in der Variante „Bio“ der EU-Ökoverordnung, in der Variante „Premium“ fehlt das Biosiegel, die Tierwohlstandards sind aber höher als in Stufe 3.

Es ist ein Alleingang des Discounters. Er hatte sich schon 2015 mit anderen großen Lebensmittelhändlern, den Bauernverbänden und der Fleischindustrie in der „Initiative Tierwohl“ zusammengeschlossen.

Seither bekommen Betriebe, die etwas für das Tierwohl tun, Geld aus einem Fonds, in den die Handels-Ketten einzahlen. Die Anforderungen unterscheiden sich allerdings nur wenig vom gesetzlichen Standard.

„Führt in die Irre“

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, meint, die Lidl-Initiative müsse nun „Vorbild“ für andere Unternehmen sein. Das sehen jedoch nicht alle so. Der Lidl Kompass führe Kunden nur „mehr in die Irre“, sagt Sophie Herr, Lebensmittelexpertin des Dachverbandes der Verbraucherzentralen. Mit konventionell und bio gehe es in Stufe 4 beispielsweise „völlig durcheinander“. Derweil passt Ulrich Jasper von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft vor allem die Stufe 2 nicht, sie sei „völlig anspruchslos“, führe „nicht zu einer besseren Tierhaltung“. Die Haltung von Schweinen auf nacktem Beton mit Spalten und das routinemäßige Kürzen der Ringelschwänze sei noch immer möglich.

Für Verbraucher ist es nicht leicht den Überblick zu behalten. Schon heute gibt es eine Reihe von Siegeln. Die wichtigsten Beispiele sind:

EU-Bio

Leben und Fressen: Schweine auf dem Bio-Betrieb können immer ins Freie, ihre Boxen drinnen sind im Vergleich zu herkömmlichen viel großzügiger. Sie sind zudem mit Stroh bedeckt. Die Schweine dürfen auch ihren Ringelschwanz behalten. Und die Sau bekommt vor der Geburt ein Extraabteil, in dem sie sich drehen, wenden und ein Nest bauen kann. In den Trögen liegt nie Futter, das genmanipuliert ist.

Urteil: „Ökohöfe kommen heute dem natürlichen Leben von Sauen und anderen Tieren am weitesten entgegen“, sagt Forscherin Simantke. Der Aufwand für die Bauern sei jedoch größer, etwa weil Tiere im Freien häufiger mit Parasiten und Keimen in Kontakt kämen und regelmäßig Stroh im Stall verteilt wird. Die Ökosau lebt in der Regel viereinhalb Jahre und damit ein Jahr länger als die Sau im konventionellen Stall.

Das Extra: Einzelne Verbände wie Demeter, Naturland oder Bioland stellen höhere Anforderungen als jene, die beim EU-Biosiegel gelten. So darf beim EU-Biosiegel die Zahl der gehaltenen Tiere größer, der Weg zum Schlachthof länger sein. Das Fleisch ist aber oft erheblich teurer als Fleisch mit EU-Biosiegel, das es auch in Discountern gibt.

Neuland

Leben und Fressen: Neuland ist nicht zu verwechseln mit Bio, hat bei der Haltung der Tiere aber auch strenge Kriterien. Hühner, Rinder, Kühe, Schweine haben Auslauf, die Ställe Stroh. In einem Stall dürfen maximal 950 Schweine stehen. Wie in Biobetrieben ist der Einsatz von Antibiotika reglementiert, das Abschneiden von Ringelschwänzen verboten. Das Futter muss jedoch nicht öko sein, aber gentechnikfrei und einheimisch.

Urteil: „Neuland-Fleisch bietet derzeit den höchsten konventionellen Standard“, sagt Stephanie Töwe, Agrarexpertin bei der Umweltorganisation Greenpeace.

Das Extra: Fleisch von Neuland gibt es nur in ausgewählten Fleischereien, auch in Hofläden. Die Bezugsquellen finden sich auf der Neuland-Hompage.

Für mehr Tierschutz

Leben und Fressen: Das Siegel des Deutschen Tierschutzbundes gibt es in der Einstiegsstufe mit einem Stern und in der Premiumstufe mit zwei Sternen. Wer das Premium-Label haben will, darf nicht mehr als 2000 Schweine in einem Stall oder auch nur 350 Kühe in seinem Betrieb halten. In der Einstiegsstufe dürfen es 3000 Schweine sowie 600 Kühe sein. Für zwei Sterne müssen Schweine ihre Ringelschwänze behalten und wie Kühe und Masthühner freien Auslauf haben. Premium heißt auch: Legehennen bekommen Tageslicht durch große Fensterscheiben. Genfutter ist tabu.

Urteil: „Die Einstiegsstufe ist für Verbraucher, die Fleisch und Eier mit mehr Tierschutz kaufen wollen, die aber nicht deutlich mehr bezahlen wollen“, erklären die Verbraucherzentralen. Das Premiumlabel entspräche indes einem „hohen Tierschutzniveau“.

Das Extra: Das Siegel gibt es bisher auf Hähnchen- und Schweinefleisch sowie auf Eier und Milch. Noch sind damit jedoch nicht viele Produkte gekennzeichnet.

Das DLG-Label, das auf vielen Fleischwaren zu finden ist, hat nichts mit Tierschutz zu tun, bei ihm geht es um Geschmack, Aussehen, Geruch.

CDU-Bundesagrarministerin Julia Klöckner will in diesem Jahr ein staatliches Label für Fleisch aus besserer Tierhaltung ins Leben rufen, um mehr Klarheit zu schaffen – nicht nur übers Schweineleben.

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