Leipheimer Firma tüftelt am Supermarkt der Zukunft

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Unternehmensgründer Rudolf Wanzl.
Unternehmensgründer Rudolf Wanzl. (Foto: OH)
Schwäbische Zeitung

An der Theke Schlange stehen und beim Kaufmann bestellen. Der greift hinter sich ins Regal und füllt die gewünschte Menge Nudeln in eine Papiertüte ab. „Darf es noch etwas sein?“ So funktionierte Einkaufen vielerorts bis in die späten 1960er-Jahre. Solange bis die Tante-Emma-Läden langsam aber sicher von der Bildfläche verschwanden. Die schleichende Revolution beginnt im August 1949. Die Konsumgenossenschaft Produktion eröffnet einen der ersten Selbstbedienungsläden mit dem Namen „S1“ in Deutschland. Obst, Gemüse, Mehl, Fleisch und Backwaren – alles im selben Verkaufsraum auf 170 Quadratmetern. Die Kunden nehmen die fertig verpackten Produkte eigenhändig aus dem Regal und bringen sie zur Kasse. Doch nicht nur das ist neu. Erstmals rollen Einkaufswagen über deutschen Boden. 20 an der Zahl und hergestellt in Leipheim, westlich von Ulm.

Gevatter Zufall

Zwei Jahre nach Kriegsende richtet der Schlosser Rudolf Wanzl dort in einem ehemaligen Schweinestall seine Werkstatt ein – zunächst für Waagenbau und Reparaturdienste. Es sind schwere Zeiten für eine Firmengründung. Mit Kind und Kegel aus dem Sudetenland geflüchtet, näht Wanzls Tante schon mal Kleidung, um diese gegen Metall zu tauschen. Die vorwiegend aus Metzgereien bestehende Kundschaft kann Teile der Rechnung oft nur mit Fleischwaren bezahlen. Doch ein Zufall ändert alles für Rudolf Wanzl. Er lernt den Direktor der in Augsburg ansässigen Nationalregistrierkassengesellschaft kennen und bekommt den Auftrag Muster-Einkaufskörbe und Wagen aus Metall für den Hamburger Selbstbedienungsladen zu fertigen. Die Revolution des deutschen Handels wird zur Revolution für Rudolf Wanzl.

Zwei Jahre später reist Wanzl nach Amerika, wo sich Supermärkte und die dazugehörigen Einkaufswagen bereits etabliert haben. Auf dem Rückflug sitzt Wanzl auf einem Fensterplatz hinter den Tragflächen und beginnt zu zeichnen. Bis das Flugzeug in Deutschland landet ist die erste Skizze seines Einkaufswagens fertig. Noch im selben Jahr lässt er das Modell mit dem Namen „Concreta“ in Deutschland patentieren – der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Rund 5000 Mitarbeiter

Heute ist die Straße an der die Firmenzentrale liegt nach dem Gründer benannt. Das Unternehmen produziert 2,5 Millionen Einkaufswagen pro Jahr, die in die ganze Welt geliefert werden. Rund jeder zweite Einkaufswagen weltweit kommt von Wanzl. Mitbewerber in ähnlicher Größenordnung gibt es wenige. Nur die Märkte in Spanien werden von Marsanz und in Frankreich von Caddie dominiert. Unangefochtener Martkführer ist aber Wanzl.

Das Unternehmen beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter, davon 2300 in Deutschland. Zu Wanzl gehören 13 Werke in neun Ländern, darunter Großbritannien, Dänemark, China und Litauen. Im vergangenen Jahr knackte das Unternehmen erstmals die Marke von 700 Millionen Euro Umsatz (2016: 610 Millionen). Wie viel Gewinn dabei hängen bleibt, will Bernhard Renzhofer, Geschäftsführer Vertrieb, nicht sagen. Nur so viel: „Die Gewinne bleiben im Unternehmen.“ Zahlen, die den Einkaufsleiter, selbstbewusst dastehen lassen. „Es gibt kein Land in dem Wanzl heute nicht stattfindet“, sagt er, und: „Wir sind Qualitätsführer.“

Gesundes Selbstbewusstsein

Einen der Gründe, warum die amerikanische Supermarktkette Walmart in Deutschland keinen Fuß fassen konnte, sieht Renzhofer sogar in der Entscheidung zum falschen Einkaufswagen. Die Supermarktkette hatte für den Deutschen Markt Wagen mit unbeweglichen Rollen an der Hinterachse bestellt – wie in Nordamerika üblich. Doch die europäischen Kunden seien eben den Einkaufswagen, dessen vier Räder in alle Richtungen drehbar sind, gewöhnt.

Doch so rasend schnell, wie Wanzl mit dem Wandel von Tante-Emma-Läden zu Supermärkten während des Wirtschaftswunders wuchs, stellt ein heute ebenso kolossaler Wandel das Unternehmen vor Herausforderungen. Der Zenit von Hypermärkten mit Verkaufsfläche in der Größe eines Fußballfeldes ist überschritten, die Digitalisierung hält auch beim Einkauf von Lebensmitteln Einzug, Onlinehändler drängen auf den Markt.

Deswegen hat sich das Unternehmen breit aufgestellt. Neben Einkaufswagen geht es mittlerweile um Koffertrolleys, Servicewagen für die Hotellerie, Rollcontainer, Kommissionierwagen für die Logistikbranche und sogar Sicherheitsgates für Flughäfen. Darüber hinaus entwickelt Wanzl komplette Ladenkonzepte von den Regalen bis zur Sensortechnik. Im sogenannten Creative Center, einem Rundbau auf dem Firmengelände, präsentiert das Unternehmen Konzepte für den Einkaufsmarkt der Zukunft: Einkaufswagen mit Displays und Sensoren, Kameras, die Laufwege der Kundschaft verfolgen und automatisch eine Kasse öffnen, wenn der Andrang zu groß wird, und Smartphoneapps, die im Vorbeigehen am Regal Rabatte für Kunden ausspielen. Oder Kassenterminals, die ohne Personal auskommen und den Inhalt des Einkaufswagens scannen, ohne dass der aus dem Wagen genommen werden muss.

Ideen, mit denen die Prozesse in den Märkten optimiert werden sollen. Ein großes Thema: Diebstahl von Einkaufswagen und Körben. Wie groß das Potenzial in diesem Bereich ist, musste das Unternehmen am eigenen Leib erfahren. Für einen Kunden in Großbritannien lieferte Wanzl durch Sensoren diebstahlsichere Einkaufskörbe. Doch noch bevor der Testlauf beginnen konnte, waren die Körbe weg – gestohlen. „Das zeigt uns, wie wichtig es ist, so etwas aufzubauen“, sagt Renzhofer.

Sensoren, Kameras und Displays. All das ist keine Zukunftsmusik mehr. Im Januar eröffnete der Onlinehändler Amazon in Seattle sein erstes stationäres Geschäft. Das kommt bereits völlig ohne Kassen aus, die Kunden zahlen per App. Der Wandel hat begonnen.

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