Lebensmittel online: Ein Milliardenmarkt wird verteilt

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Lebensmittel online
Ein Mitarbeiter des Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh packt die bestellten Waren in eine Transporttasche. (Foto: Monika Skolimowska / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Erich Reimann

Er gehört zu den größten Gewinnern der Corona-Krise: der Online-Lebensmittelhandel.

In den vergangenen drei Monaten kauften die Bundesbürger nach den Zahlen des E-Commerce-Bundesverbandes bevh fast doppelt so viel an Nudeln, Fleisch, Obst und Gemüse im Internet wie ein Jahr zuvor. Ein Milliardenmarkt entsteht - und viele wollen ein Stück davon abhaben.

„Im Augenblick wird das Wachstum des Online-Lebensmittelhandels eher durch die knappen Kapazitäten der Händler begrenzt als durch die Nachfrage“, urteilt Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln. Nachdem die Bundesbürger den Online-Lebensmittelhändlern jahrelang die kalte Schulter gezeigt hatten, rennen sie ihnen in Zeiten de Pandemie die Türen ein. Zeitweise mussten mehrere Händler schon Aufnahmestopps für Neukunden verhängen.

Platzhirsch im E-Commerce-Geschäft mit frischen Nahrungsmitteln ist nach Einschätzung von Experten zurzeit der Kölner Handelsriese Rewe, der mit großem Aufwand ein bundesweites Liefernetz aufgebaut hat und gleichzeitig in immer mehr Läden die Möglichkeit anbietet, online bestellte Ware fertig verpackt abzuholen. Fast 90 Prozent der Haushalte könnten inzwischen mit diesen Internetangeboten erreicht werden, heißt es in der Domstadt.

Erzrivale Edeka hat sich etwas mehr Zeit gelassen, ein Angebot an frischen Produkten weiträumig auszurollen. Doch inzwischen versucht der Händler offenbar, Boden gut zu machen. Neben dem bislang nur in Berlin und München verfügbaren Lieferdienst Bringmeister und den regionalen Angeboten vieler Edeka-Händler, hat sich Deutschlands größter Lebensmittelhändler mittlerweile Anteile an dem Start-up Picnic gesichert, das mit selbstentwickelten Elektrofahrzeugen wie ein moderner Milchmann zu festgelegten Zeiten online-bestellte Lebensmittel ausliefert. Seitdem wächst Picnic in Deutschland stürmisch. Allein im den vergangenen zwölf Monaten stieg die Zahl der Kunden nach Firmenangaben von gut 60.000 auf mehr als 160.000.

Nur die großen Discounter Aldi und Lidl sind, was den Online-Lebensmittelhandel in Deutschland angeht, bisher sehr zurückhaltend. Für sie sei das Thema Internet besonders schwierig, meint Hudetz. „Denn die mit dem Online-Angebot verbundenen hohen Kosten passen einfach nicht zu ihrem Geschäftsmodell.“

Dafür drängen etliche Newcomer auf den Markt, die den Platzhirschen im Lebensmittelhandel Marktanteile abnehmen wollen. Dazu gehört der Lieferdienst Gorillas, der verspricht, bestellte Ware innerhalb von 10 Minuten an die Haustür zu liefern. Er ist zwar bislang nur in Teilen von Berlin, Hamburg und Köln verfügbar, konnte aber gerade erst bei Investoren rund 36 Millionen Euro für seine weitere Expansion einsammeln.

Im Frühjahr will außerdem der tschechische Online-Lebensmittelhändler Rholik mit der deutschen Tochter knuspr.de auf Kundenfang gehen. Ziel sei es, auch „in Deutschland die Nummer 1 im E-Food-Business zu werden“, verkündete das Unternehmen selbstbewusst.

Und auch Markenhersteller versuchen, die Aufbruchstimmung zu nutzen, um an den etablierten Händlern vorbei einen eigenen direkten Draht zum Kunden aufzubauen. So übernahm die Oetker-Gruppe den schnell wachsenden Getränke-Lieferdienst Flaschenpost. Das soll den Konzern Medienberichten zufolge fast eine Milliarde Euro gekostet haben. In der Branche wird spekuliert, dass Oetker über Flaschenpost bald auch Pizzen oder andere Produkte aus seinem Angebot vertreiben könnte.

Doch hat der Internet-Boom einen Haken: „In Deutschland verdient niemand Geld mit dem Online-Lebensmittelhandel“, weiß Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI. Der Online-Lebensmittelhandel verlange sehr große Investitionen, um das Geschäft ans Laufen zu bringen, und gigantische Ausgaben, um auch nur in die Nähe der Profitabilität zu kommen. Auch andere Experten glauben, dass bislang allenfalls in Nischen wie dem Weinhandel lukrative Geschäfte zu machen sind.

Denn die letzte Meile zum Kunden ist teuer. Erst bei Einkäufen von 80 Euro oder mehr rechne sich die aufwendige Zustellung wirklich, heißt es in der Branche. Deshalb sehen viele Händler die Online-Angebote aktuell eher als Investitionen in die Zukunft und als Kundenservice.

Nach Einschätzung des EHI-Experten Gerling bleibt den Händlern dennoch keine Wahl. Der Kunde kenne Online-Angebote aus anderen Branchen und erwarte sie nun ganz selbstverständlich auch im Lebensmittelhandel. „Kein großer Händler wird auf Dauer ohne einen Online-Shop auskommen, auch die Discounter nicht“, meint Gerling.

Nach einer Prognose des Kölner Instituts für Handelsforschung werden bis 2025 schon bis zu 3,6 Prozent der Umsätze im Lebensmittelhandel online gemacht werden. Die Umsätze im Internet würden sich damit noch einmal mehr als verdoppeln.

Für den Kunden ist der Internet-Einkauf bequem, für den Handel dagegen eine Herausforderung. „Als Vollsortiment-Anbieter wie Edeka oder Rewe im Onlinehandel Geld zu verdienen, ist die härteste Nuss, die es im Moment im Lebensmittelhandel zu knacken gibt“, glaubt Branchenkenner Hudetz.

© dpa-infocom, dpa:210114-99-19189/2

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