Lagarde wird die deutschen Sparer nicht retten

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 Christine Lagarde und Mario Draghi: Die Französin, aktuell Chefin des Internationalen Währungsfonds, soll den Italiener Draghi
Christine Lagarde und Mario Draghi: Die Französin, aktuell Chefin des Internationalen Währungsfonds, soll den Italiener Draghi an der Spitze der EZB beerben. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Jörn Bender und Friederike Marx

Christine Lagarde ist voll des Lobes: „Für mich sind Sie, die Zentralbanker, die Helden der Krise.“ Gut vier Jahre nach diesen Worten hat sich die derzeitige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Rennen um die Nachfolge von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) durchgesetzt.

Nach dem Willen der Staats- und Regierungschefs soll damit erstmals in der 20-jährigen Geschichte der EZB eine Frau und Nicht-Ökonomin an die Spitze der mächtigen Notenbank rücken. Anders als die drei bisherigen EZB-Präsidenten war die Juristin und frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin auch nie Chefin einer nationalen Notenbank. „Ich habe genug gesunden Menschenverstand, ich habe ein bisschen Wirtschaft studiert, aber ich bin keine supertolle Ökonomin“, sagte Lagarde vor einigen Jahren dem „Guardian“.

Der Spielraum für die 63-Jährige an der Spitze der EZB wäre nach acht Jahren Anti-Krisen-Kurs ohnehin begrenzt. Europas Währungshüter haben die großen Linien längst festgezurrt – zumindest auf absehbare Zeit. Womöglich legt die Notenbank wegen der schwächelnden Konjunktur sogar noch einmal nach. „Wir sind weit entfernt von einer Normalisierung der Geldpolitik, weil die Welt weit entfernt von einer Normalisierung ist“, sagte Draghi Anfang Juni und wurde damit für einen Notenbanker ungewohnt deutlich. Internationale Handelskonflikte, Brexit, Italien – die Unsicherheiten sind groß.

Nicht einmal zwei Wochen nach seinen deutlichen Worten bewegte der Italiener mit der Aussicht auf mögliche „zusätzliche Stimuli“ wie erneute Anleihenkäufe die Märkte. Auch über eine Verschärfung des Strafzinses für Banken wird in Frankfurt nachgedacht.

Nicht unumstritten

Ein enges Korsett also für die mögliche künftige EZB-Präsidentin, die im November ihr Amt antreten würde. „Für welche Art der Geldpolitik Lagarde wirklich steht, kann derzeit niemand sagen“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der ING. Er hält eine Fortsetzung des geldpolitischen Kurses für wahrscheinlich. Ähnlich sieht das auch Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der Fondsgesellschaft DWS. „Es spricht vorerst alles für ein weiter lang anhaltendes Niedrigzinsumfeld“, glaubt Moryson.

Dabei ist Lagarde als mögliche EZB-Chefin in der Finanzwelt nicht unumstritten. Für VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel stellt sich mit der Nominierung die Frage nach der Unabhängigkeit der EZB, da mit ihr eine ehemalige Politikerin ans Ruder kommt. „Schön wäre, wenn ausgewiesene Geldpolitiker auf den Chefsesseln der Notenbanken sitzen würden“, sagte Gitzel.

Lagarde könnte als EZB-Präsidentin die geldpolitische Linie aber ohnehin nicht allein bestimmen. Die obersten Währungshüter haben im Entscheidungsgremium – dem EZB-Rat – ein einfaches Stimmrecht. Nur im Falle eines Patts gibt die Präsidentenstimme den Ausschlag.

Seit März 2016 ist der Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null Prozent eingefroren – zum Leidwesen von Millionen Sparern. Seit Mitte Juni 2014 müssen Geschäftsbanken Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken, aktuell 0,4 Prozent – eine Milliardenbelastung für die Institute.

Irgendwann wird Draghis mögliche Nachfolgerin einen Ausstieg aus dem Dauerkrisenmodus finden und die Finanzmärkte geschickt darauf vorbereiten müssen – fragt sich nur, wann die EZB dazu bereit ist.

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