Knochen heilen statt Stellen streichen: Ex-EnBW-Chef Utz Claassens auf neuer Mission

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Mann sieht an einem gläsernen Tisch
Utz Claassen in seinem Büro der Medizintechnikfirma Syntellix: Die Energiebranche ist abgehakt, der Gesundheitsmarkt ist Claassens neue Spielwiese. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Susanne Kupke

Sein Einfluss ist deutlich geringer, sein Radius größer: Zwölf Jahre nach dem Abschied von der Spitze des drittgrößten deutschen Stromkonzerns jettet Utz Claassen beruflich durch die Welt. Nahezu nonstop, wie er sagt. „Mein Lebensmittelpunkt ist im Moment das Flugzeug.“ Der ehemalige EnBW-Chef, der als knallharter Sanierer den Karlsruher Versorger umkrempelte, hat eine neue Mission. Der 56-Jährige will einer kleinen Schraube zum weltweiten Erfolg verhelfen.

Sie soll bei Knochenbrüchen im Körper eingesetzt werden. Damit Knochen zusammenwachsen, werden sie nach Brüchen häufig mit Schrauben, Nägeln oder Platten fixiert. Implantate aus Edelstahl oder Titan müssen Claassen zufolge oft bei einer zweiten Operation wieder entfernt werden. Mit dem neuen Werkstoff seiner Medizintechnikfirma Syntellix soll das nicht mehr nötig sein – so die Idee des vor elf Jahren gegründeten Start-ups.

Nach Angaben von Claassen sind die Implantate in 27 deutschen Unikliniken im Einsatz oder vorgesehen. Für 56 Länder gebe es eine Zulassung. Noch ist die 60-Mann-Firma in seiner Heimatstadt Hannover weit davon entfernt, profitabel zu sein. 2017 verbuchte sie bei einem Umsatz von 1,8 Millionen Euro einen Verlust von 3,8 Millionen Euro.

Doch das ficht einen wie Claassen nicht an. Der Überflieger aus Hannover – Abitur mit 17 und Traumnote 0,7 – ist ein Kämpfer. Bevor er im Mai 2003 im Alter von 39 Jahren EnBW-Chef wurde, hatte der studierte Wirtschaftswissenschaftler Erfahrung bei McKinsey gesammelt und bei Seat und Sartorius kräftig aufgeräumt.

Aufräumer bei EnBW

Bis Ende September 2007 baute er den Südwest-Versorger EnBW radikal um: Er fuhr einen drastischen Sparkurs, strich bald nach seinem Amtsantritt rund 2100 Jobs, verpasste den Beschäftigten im Kernbereich Energie eine 4,5-Tage-Woche ohne Lohnausgleich und verkaufte eine Reihe von Verlustbringern oder Beteiligungen, die nicht zum Kerngeschäft passten. Die EnBW sei mit dem Verkauf von Schuhen, Koran-Einbänden und Fensterprofilen oder dem Betrieb von Parkhäusern nicht richtig aufgestellt gewesen, sagt Claassen.

Die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte in seiner Amtszeit von 38 000 um fast die Hälfte. Aber, so betont er: „Es gab keine einzige betriebsbedingte Kündigung. Es hat keinen Kahlschlag gegeben. Wir haben das Portfolio optimiert – und das in vollem Einverständnis auch mit dem Betriebsrat.“ Innerhalb weniger Jahre brachte er den Energieversorger aus den roten Zahlen in die Gewinnzone.

Gewerkschafter kritisierten dennoch eine Sanierung mit „Eisenbesen“. Der Stellenabbau und auch die „Null-Toleranz-Strategie“ gegen Atompannen sorgten intern für Unruhe. Auch extern eckte der Manager mit dem Goldarmband bei Politikern aller Couleur an und erwarb sich den Ruf des Rambos. Was er gelassen ertrug: „Ein Image als Rambo muss man sich verdienen, ein Image als Bambi bekommt man geschenkt.“

Mit seinem Auftreten eckte er auch im Aufsichtsrat an – so sehr, dass man in einer späteren Stellenausschreibung für den EnBW-Chef einen „ehrbaren Kaufmann“ mit „schwäbischem Understatement“ suchte. Für Diskussionen sorgte auch Claassens Chefgehalt in Höhe von knapp vier Millionen Euro. Als er im Herbst 2007 die EnBW verließ, freuten sich nicht nur Anteilseigner auf eine Periode in „ruhigerem Fahrwasser“ – unter Nachfolger Hans-Peter Villis.

Claassen führt familiäre Gründe für seinen Rückzug an und: „Ich habe meine Entscheidung auch vor dem Hintergrund der Gesamtsituation der Energiepolitik gefällt.“ Irgendwann habe er gemerkt: „Das Niveau der Unterhaltung mit meiner Tochter beim Spielen im Sandkasten war höher als das manchen Diskurses beim Energiegipfel.“ Ein wenig schmeichelhaftes Bild der Energiebranche zeichnet er später auch in seinem Roman „Atomblut“ – ein Stück über Sex and Crime, Lug und Trug und zweifelhafte Manager. Alles fiktiv natürlich, betont er. Insider lästern über eine „Therapieniederschrift“ und „ausgemachten Unsinn“.

Eine Illusion schien vielen beim ehemaligen Atomstromer EnBW wohl auch der Ausstieg aus der Kernkraft zu sein. Claassen sagt: „Einige im Unternehmen hatten das nicht als reales Szenario auf dem Schirm.“ Er selbst war weiter: Mit Ideen wie „Strom aus der Wüste“ erntete er sogar Anerkennung von Greenpeace. Zur aktuellen Diskussion um den Klimawandel hätte es gepasst. Damals, so Claassen, „waren wir unserer Zeit fünf bis zehn Jahre voraus“.

Streitlustiger Manager

Schlagzeilen machte der einst schwergewichtige Energieboss auch mit Rechtsstreitigkeiten: Mal ging es um kostenlose WM-Eintrittskarten für Politiker, mal um mögliche Bilanzfälschung, ein anderes Mal um einen Millionen-Streit um Abfindung und Pensionszahlung.

Claassen ist noch „Senior Advisor“ beim US-Finanzinvestor Cerberus in Nordamerika und Honorarprofessor an der Universität Hannover. Die meiste Zeit widmet er aber Syntellix. Um für seine Implantate zu werben, düst er zu Meetings nach Washington oder zu Investoren nach Hongkong. An die 70 Chirurgen hat er persönlich besucht. „Niveauvolles Klinkenputzen“, nennt er das.

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