Jenseits der Billionengrenze

Lesedauer: 5 Min

Auch bei Volkswagen hält eine Familiendynastie mindestens ein Viertel der Anteile.
Auch bei Volkswagen hält eine Familiendynastie mindestens ein Viertel der Anteile. (Foto: Dpa)
Schwäbische Zeitung
Stefan Wolf

Die 50 größten Familienunternehmen Deutschlands haben im vergangenen Jahr gute Geschäfte gemacht. Der Umsatz stieg von 956 Milliarden Euro auf 1022 Milliarden Euro. Das geht aus einer Studie des Stuttgarter Instituts für Familienunternehmen (IFF) hervor. Das Institut hat Zahlen zu Umsatz, Mitarbeitern und Gewinn der 50 umsatzstärksten deutschen Familienunternehmen im Jahr 2015 zusammengetragen. „Die überwiegende Mehrheit der großen Familienunternehmen blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück“, kommentiert Institutsleiter Mark K. Binz das Überwinden der Billion-Marke. „Sie sind strategisch gut aufgestellt und profitieren trotz China-Krise von ihrer internationalen Ausrichtung.“

Als familiengeführte Unternehmen gelten der Studie zufolge auch börsennotierte Konzerne, bei denen die Gründerfamilie mindestens ein Viertel der Anteile besitzt. Das ist ein Grund dafür, dass VW mit seinen über 600000 Mitarbeitern und eine Umsatz von rund 213 Milliarden Euro als größtes Familienunternehmen Deutschlands durchgeht. Auf Platz zwei folgt mit 92 Milliarden Euro ebenfalls ein Automobilbauer, nämlich BMW (Familie Klatten/Quandt). An dritter Stelle steht die Schwarz-Gruppe, der die Einzelhandelskette Lidl gehört.

Wachsen durch Zukäufe

Das Wachstum finanzierten die Unternehmen vor allem durch Übernahmen. So konnte die auf Platz vier geführte Robert Bosch GmbH ihren Jahresumsatz um 40 Prozent steigern. Der Autozulieferer hatte den Hausgerätehersteller BSH und den Zulieferer ZF Lenksysteme übernommen. Familie Müller, Eigentümerin des Unternehmens Müllermilch, machte gar einen Sprung um elf Plätze nach vorn durch den Zukauf des britischen Unternehmens Dairy Crest. Das Molkerei-Unternehmen liegt jetzt auf Rang 36. Doch die reine Größe ist es nicht, die Familienunternehmen erfolgreich macht. „Den Erfolg von Familienunternehmen macht insbesondere aus, dass es um das eigene Geld geht, das eigene Unternehmen. Da steckt viel Herzblut drin“, urteilt Peter Englisch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. „Man gibt wirklich alles dafür, die Zukunft des Unternehmens langfristig zu sichern. Und das ist ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor.“

Dass das nicht immer klappt, zeigen Beispiele wie die Schlecker-Pleite oder die Bruchlandung der Kaufhauskette Karstadt, in der die Familie Schickedanz das Sagen hatte. Im Einzelhandel läuft es ohnehin zäh. Das zeigen auch massive Gewinnrückgänge bei Otto und der Metro Gruppe im vergangenen Jahr. Insgesamt schrumpften sechs der 50 Familienunternehmen. Alle anderen steigerten ihre Gewinne oder hielten sie konstant. „Die breite positive Entwicklung beim Ebit ist ein ganz starker Hinweis auf die Stabilität der Geschäftsmodelle“, urteilt Binz.

„Geniale Symbiose“

Die positive Entwicklung bei den meisten Unternehmen schlug sich auch in der Mitarbeiterentwicklung nieder. Insgesamt beschäftigten die 50 größten Familienunternehmen Ende 2015 knapp 3,9 Millionen Menschen und damit 103000 mehr als im Vorjahr. Unterm Strich konnten die Dax-30-Unternehmen ebenso gut abschneiden wie die größten Familienunternehmen. Die Umsatzerlöse stiegen gleichermaßen um sieben Prozent.

Mark K. Binz propagiert die Mischung: „Ich halte das Modell, dass ein Familienunternehmen einerseits an der Börse gelistet ist und sich damit professionellen Standards unterwerfen muss, andererseits aber von einer Unternehmerfamilie kontrolliert wird, für eine geniale Symbiose.“ Der Autozulieferer Schaeffler hat diesen Schritt im vergangenen Oktober gewagt. „Wir mussten zuerst das Ganze entwickeln und wachsen lassen. Und jetzt, wo wir erfolgreich sind, können wir das den privaten Investoren anbieten“, hatte die Chefin Maria-Elisabeth Schaeffler damals argumentiert. Viele Unternehmen schrecken aber vor zu viel Öffentlichkeit zurück. Die Familien Albrecht (Aldi), Oetker oder Müller beispielsweise leben und wirtschaften lieber zurückgezogen. Aldi Nord/Süd und die Bekleidungskette C&A hatten zu Umsatz und Mitarbeiterzahl keine Angaben gemacht.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen