„Irgendwann wird man gehört.“

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Anton Gindele nimmt Abschied von der HWK Ulm.
Anton Gindele nimmt Abschied von der HWK Ulm. (Foto: Hagen Schönherr)
Schwäbische Zeitung

Schreiner – immer Schreiner, aber als Präsident der Handwerkskammer (HWK) Ulm hört Anton Gindele in diesem Jahr auf. Fünf Jahre hat der 66-Jährige die Geschicke der Bäcker, Dachdecker, Spengler und all der anderen Handwerksberufe maßgeblich mit beeinflusst. David Drenovak hat mit ihm über die Zukunftsaussichten und die Probleme des Handwerks in der Region sowie seine ganz persönliche Bilanz gesprochen.

Was ist dran an den Klagen über zu wenige Auszubildende?

Ich möchte nichts dramatisieren, wir werden das Vorjahresniveau an Lehrverträgen halten. Aber im Bereich der HWK Ulm haben wir rund 300 Ausbildungsstellen, die aktuell nicht besetzt sind. Der Rückgang an Azubis liegt teils am demografischen Wandel, teils auch daran, dass mehr junge Menschen studieren, weil sie denken, dass sie als Akademiker mehr verdienen. Außerdem sind viele Berufe bei Jugendlichen kaum bekannt. Wir halten unsere Gewerke an, ihre Arbeit in den Schulen vorzustellen. Eine handwerkliche Ausbildung ist keine Endstation, sie kann der Grundstock für eine Karriere sein.

Gibt es andere sinnvolle Lösungen um an mehr Azubis zu kommen?

Wir sind immer schon für das längere gemeinsame Lernen gewesen. Ich will den Begriff Gemeinschaftsschule jetzt nicht überstrapazieren, aber ich glaube schon, dass so auch schwächere Jugendliche mitgenommen werden und eine Lehre machen können. Mit einem beruflichen Abschluss stehen alle Türen offen. Mit einem Meisterabschluss ist man sogar zum Studium an der Fachhochschule berechtigt.

Nimmt man sich so nicht die besten Leute selber weg?

Dieser Vorwurf kommt immer wieder. Klar, die Besten sind im Moment weg. Aber ich denke, jemand, der eine Lehre gemacht hat, der bleibt dem Handwerk immer zugewandt. Viele kommen als Führungskraft zurück und auch wenn ein anderer Weg eingeschlagen wird, bleibt das Verständnis für das Handwerk.

Viele sagen, Anton Gindele stehe für eine Regionalisierung der HWK Ulm. Stimmt das?

Zu Beginn meiner Amtszeit hatten wir das Ziel die Leistungen der HWK Ulm für jeden Betrieb zwischen Jagst und Bodensee zu platzieren. Jeder Betrieb muss uns überall spüren. Wir haben das verbessert, indem wir in den Landkreisen Anlaufstellen für unsere Betriebe geschaffen haben. Außerdem haben wir Veranstaltungen und Fortbildungsangebote im ganzen Kammergebiet platziert. In den vergangenen Jahren waren wir zum Beispiel mit unserer Jahresbegegnung oder Meisterfeier in Bad Waldsee, Unterkochen oder Friedrichshafen.

Von den Betrieben kommen auch Misstöne über die Azubi-Bewerber. Was wird genau kritisiert?

Gesellschaft und Schulen müssen uns Lehrlinge zur Verfügung stellen, die wenigstens Rechnen, Schreiben und Lesen können. Oft sind nicht einmal diese Grundlagen vorhanden. Und was ganz wichtig ist, was immer stärker als Mangel gesehen wird: das soziale Verhalten. Viele Jugendliche wissen nicht, dass sie pünktlich sein müssen und Kunden höflich zu behandeln haben. Wenn ich eine Wohnung betrete, sollte ich die Schuhe ausziehen. All das kann man Jugendlichen beibringen, aber wenn kein „Guten Morgen“ kommt, ist das kein Zustand.

Was hat Sie am meisten an der Arbeit des Kammerpräsidenten fasziniert?

Dass man ein Netzwerk in der Politik und unter den Kollegen aufbaut. Man trifft Politiker und sagt, was das Handwerk braucht. Natürlich muss man es manchmal dreimal sagen, aber irgendwann wird man gehört – wenn man vernünftige Vorschläge macht. Mann muss nicht immer ganz laut sein, aber man muss stetig sein. Das habe ich gelernt und empfehle es auch meinem Nachfolger.

Gerade was die Berufsschulen angeht sind Sie gehört worden, oder?

Die Berufsschulen sind aufgrund sinkender Schülerzahlen in die Kritik geraten. Auch wir sehen ein, dass Fachklassen mit fünf Schülern nicht gehalten werden können. Allerdings, wenn eine Fachklasse knapp unter die Grenze von 16 Schülern fällt, ist es falsch diese sofort zu streichen. Durch unser Engagement werden solche Klassen noch zwei bis drei Jahre erhalten. Ein Beispiel sind die Metzger in Friedrichshafen. Wenn diese Fachklasse stirbt und der Lehrling nach Ulm fahren muss, um auf die Berufsschule zu gehen, verliert das Metzgerhandwerk im Bodenseekreis den Nachwuchs. Die Jugendlichen sind nicht bereit, solche Stecken auf sich zu nehmen. Ich habe immer gesagt, dass wir bei der regionalen Schulentwicklung mitsprechen wollen – vor allem wenn Klassen gestrichen werden sollen. Die Landespolitik sieht zunehmend unsere Bedürfnisse und bewegt sich auf uns zu. Das kann nicht alleine den Landkreisen überlassen werden. Im Oktober wird es ein Gespräch mit dem Regierungspräsidium geben, bei dem das Handwerk dabei ist und mitsprechen wird.

Paragraf 102 der Gemeindeordnung ermöglicht es Kommunen in Baden-Württemberg jetzt auch handwerkliche Tätigkeiten auszuführen. Ist das ein Problem?

Wir wehren uns natürlich gewaltig, aber Innenminister Reinhold Gall ist noch nicht davon abzubringen. Einerseits muss ein Handwerksbetrieb beweisen, dass er die Tätigkeiten besser oder günstiger macht als eine Kommune. Andererseits können die Kostenrechnungen der Eigenbetriebe, die vorgeschoben werden, doch nicht überprüft werden. Wir müssen hier einen Riegel vorschieben. Die kommunale Daseinsführsorge hört am Randstein auf. Alles was Privatgelände ist, ist Sache des Handwerks. Ministerpräsident Kretschmann sowie Vertreter aus Handwerk und Industrie bilden einen Ausschuss, der jetzt versuchen wird eine Lösung zu finden. Und die muss heißen: Privat vor Staat.

Gehen Sie jetzt in den Ruhestand?

Nein, ich habe zwar schon einen guten Nachfolger im eigenen Betrieb, bin aber noch jeden Tag mit eingebunden. Außerdem bin ich mindestens noch drei Jahre Landesinnungsmeister des Schreinerhandwerks Baden-Württemberg und außerdem im Präsidium des Bundesverband der Tischler und Schreiner. Mir wird es nicht langweilig und ich habe inzwischen drei Enkel, die mich auch beanspruchen.

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