Investor fordert Aufspaltung von Daimler

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Zentrale der Daimler AG in Stuttgart-Untertürkheim: Das Management und ein Anteilseigner des Autobauers streiten über die richt
Zentrale der Daimler AG in Stuttgart-Untertürkheim: Das Management und ein Anteilseigner des Autobauers streiten über die richtige Struktur des Konzerns. (Foto: A2931 Bernd Weißbrod)
Ressortleiter Wirtschaft

Schnauzbart, Sneakers, Jeans – und zumeist ein breites Lachen im Gesicht. So kennt man Daimler-Chef Dieter Zetsche. Ob bei der feierlichen Vorstellung der aufpolierten S-Klasse in Schanghai oder der Präsentation der neuen G-Klasse zusammen mit Schauspieler Arnold Schwarzenegger in Detroit – der 65-jährige Manager strahlt Selbstbewusstsein aus, Stärke und die Gelassenheit des Siegers.

Nicht ohne Grund. Seit mehr als fünf Jahren steigen die Absatzzahlen des Autobauers – und mit ihnen Umsatz und Gewinn. Im vergangenen Jahr verdiente der baden-württembergische Traditionskonzern unterm Strich elf Milliarden Euro bei Erlösen von 164 Milliarden Euro. Rekord. „Unser Unternehmen ist kerngesund und hochprofitabel“, sagte Zetsche noch im Februar.

Kritik am Strahlemann

Doch nun gibt es Kritik am Strahlemann aus Untertürkheim. Der Investor Bert Flossbach ist unzufrieden mit dem Kurs Zetsches. Und dem Mitbegründer und Vorstand von Deutschlands größtem bankenunabhänigen Vermögensverwalter Flossbach von Storch geht es nicht um die kürzlich veröffentlichte Gewinnwarnung, dass Daimler die für 2018 gesetzten Ziele wohl doch nicht erreichen werde. Dem Anlageexperten geht es um die langfristige Strategie. „Das Management hat in den vergangenen Jahren einiges zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit unternommen, scheut sich aber davor zurück, die Neuausrichtung konsequent fortzusetzen“, sagt Bert Flossbach der „Schwäbischen Zeitung“. „Halbherzigkeit ist die größte Gefahr für den langfristigen Unternehmenserfolg und die Sicherung der Arbeitsplätze.“

Kampf im Namen der Anleger

Der Vermögensverwalter Flossbach von Storch hält nach eigenen Angaben Daimler-Aktien im Wert von rund einer Milliarde Euro. Das 1998 in Köln gegründete Finanzunternehmen kontrolliert damit rund 1,64 Prozent der Anteile des Autobauers und gehört nach dem chinesischen Konzern Geely, dem Staatsfonds von Kuwait und den Autobauern Nissan und Renault zu den großen aktiven Investoren. „Als Treuhänder kämpfen wir für die Anliegen von fast einer Million Kunden beziehungsweise Anleger, deren Gelder direkt oder indirekt über unsere Fonds in Daimler-Aktien angelegt sind“, erläutert Flossbach.

Zetsche soll zwei unabhängige Unternehmen bilden

Dabei hat der Vermögensverwalter auch eine genaue Vorstellung, was zu tun ist, um den eingeschlagenen Weg erfolgreich fortzusetzen. Bert Flossbach fordert, dass Dieter Zetsche den Daimler-Konzern aufspaltet und zwei voneinander unabhängige Unternehmen schafft: Mercedes-Benz Cars auf der einen und Daimler Trucks auf der anderen Seite – bislang sind die beiden Sparten zwei Geschäftsbereiche einer Aktiengesellschaft. Eine solche Trennung erhöht nach Ansicht der Kölner Anlageexperten die Flexibilität und Schlagkräfte beider Einheiten. In einer Zeit voller Umbrüche sei die aktuelle Komplexität des Konzerns hinderlich.

Der Vorstand um Zetsche lehnt eine solche Lösung bislang ab und befürwortet eine Holding-Struktur. In dieser sollen beide Geschäftsbereiche als Aktiengesellschaft zwar unabhängig agieren, aber trotzdem unter einer Dachgesellschaft organisiert werden. Flossbach nennt diese Idee halbherzig und wirft dem Vorstand vor, aus Eigennutz zu agieren. „Die Lösung, die vom Management angestrebt wird, dient unseres Erachtens zuallererst dem Machterhalt der Muttergesellschaft und ihrer Protagonisten“, sagt Flossbach. „Uns geht es darum, alle Stakeholder abzuholen und dabei vor allem zu erklären, dass ein ehrlicher Spin-off besser ist als eine halb gare Holdinglösung.“

PKW-Geschäft "grotesk niedrig" bewertet

Flossbach führt auch den geringen Börsenwert des Konzerns als Argument an. Zurzeit kostet der gesamte Daimler-Konzern – also Pkw- und Lkw-Geschäft zusammen – an der Börse rund 61 Milliarden Euro. Flossbach vergleicht den Truck-Bereich von Daimler mit dem Unternehmen Volvo und schätzt den Marktwert dieser Sparte demzufolge auf 30 bis 35 Milliarden Euro. Dies „ergibt eine grotesk niedrige Bewertung des Pkw-Geschäfts von gerade einmal 30 Milliarden Euro und damit nur gut die Hälfte von BMW. Damit können weder Vorstand noch Aufsichtsrat noch die Mitarbeiter von Daimler zufrieden sein“, schreibt Flossbach in einem persönlichen Brief an Daimler-Chef Zetsche.

Aus Sicht von Flossbach von Storch macht der geringe Börsenwert von Daimler den Konzern anfällig für feindliche Übernahmen. Sprich: Investoren wie der chinesische Autobauer Geely, der sich im Februar völlig überraschend 9,69 Prozent der Anteile an Daimler sicherte, müssen einfach weniger Geld ausgeben, um sich mit maßgeblichen Aktienpaketen einzukaufen und so an Einfluss zu gewinnen. „Die massive Unterbewertung lädt weniger freundlich gesinnte Aktionäre geradezu ein, Anteile auf- oder auszubauen“, sagte Flossbach. „Im Gegensatz zu BMW hat Daimler keinen Mehrheitsaktionär, der eine unfreundliche Übernahme oder Zerschlagung verhindern könnte.“

Die Antwort des Daimler-Chefs

Daimler wollte sich zu dem Vorstoß und den Vorwürfen von Flossbach von Storch auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ nicht äußern. „Wir stehen mit allen Investoren in einem stetigen und konstruktiven Dialog“, erklärte ein Sprecher lediglich. Allerdings hat Dieter Zetsche Bert Flossbach mit einem persönlichen Brief geantwortet. Der Daimler-Chef verteidigt darin die Holding-Struktur und den Plan zur Gründung zwei neuer Aktiengesellschaften für die Geschäftsfelder Mercedes-Benz Cars und Daimler Trucks. „Zugleich sollen durch die Daimler AG als Dachgesellschaft mit spartenübergreifenden Funktionen und Service Synergien erhalten oder sogar gestärkt werden“, heißt es in dem Schreiben, das der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt.

Zetsche gibt in dem Brief zu, dass er mit der Bewertung der Aktien nicht zufrieden ist. „Wir glauben, dass Daimler gut aufgestellt und für den fundamentalen Wandel der Automobilindustrie gut gerüstet ist. Das heißt: Wir sehen deutliches Wertsteigerungspotenzial“, schreibt der Daimler-Chef.

Bert Flossbach wird das nicht zufriedenstellen. Er sieht sich zwar als partnerschaftlichen Investor, der die konstruktive, nicht konfrontative Zusammenarbeit mit dem Daimler-Vorstand sucht. An seiner Forderung hält er aber standhaft fest. Seinen Brief an Dieter Zetsche schloss er mit den Worten, dass er für die dringend gebotene Aufspaltung zukünftig mit Nachdruck werben werde.

Daimler-Mitarbeiter gegen Standortverlagerung
Rund 50 Mitarbeiter des Daimler-Werks Ulm haben heute vor der Konzernzentrale in Stuttgart-Untertürkheim demonstriert. Sie wehren sich gegen die geplante Verlagerung des Forschungszentrums von Ulm auf die Standorte Sindelfingen, Untertürkheim und Immendingen. Dabei werden sie auch vom Betriebsrat des Werks Sindelfingen unterstützt.
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