Bodensee Business Forum 2022: Inflationsdruck bleibt hoch

Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt: Die EZB hat bei der Inflationsbekämpfung die Zügel viel zu lange schle
Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt: Die EZB hat bei der Inflationsbekämpfung die Zügel viel zu lange schleifen lassen, sagen führende Banker aus dem Südwesten. (Foto: Boris Roessler/dpa)
Wirtschaftsredakteur

Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser unerfreulichen Nachricht werden sich Verbraucher und Unternehmen wohl arrangieren müssen. Die rekordhohen Teuerungsraten der vergangenen Monate dürften zwar zurückkommen (im August lag die Inflation in Deutschland bei 7,9 Prozent). Doch das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von annähernd zwei Prozent wird wohl auf absehbare Zeit nicht erreicht werden.

Dieses Fazit zogen am Dienstag führende Banker aus dem Südwesten auf dem „Bodensee Business Forum“ (BBF) in Friedrichshafen. „Eine Teuerung von vier bis fünf Prozent in den nächsten Jahren halte ich für realistisch“, sagte Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands.

Sowohl Glaser als auch Peter Schneider, Präsident des baden-württembergischen Sparkassenverbands, waren sich einig in ihrer Einschätzung, dass die EZB in Sachen Inflationsbekämpfung die Zügel viel zu lange hat schleifen lassen.

„Es gibt keine Institution in Europa, die so viel ökonomischen Sachverstand konzentriert hat und auf eine ähnlich riesige Datenbasis zurückgreifen kann wie die EZB. Und trotzdem sind solch haarsträubende Fehler bei der Inflationsprognose herausgekommen. Dabei haben sich die anziehenden Teuerungsraten über mehrere Quartale hin abgezeichnet“, wetterte Schneider.

Nun müsse die EZB die Zinsen erhöhen, und zwar schnell und in einem klar kommunizierten Zielkorridor, um an den Märkten Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Sparkassen und Genossenschaftsbanken zeichnen für rund 80 Prozent des Kredit- und Einlagengeschäfts von Privathaushalten und Unternehmen in Baden-Württemberg verantwortlich.

Prognosemodelle der Zentralbanken haben versagt

Inzwischen wird in der Notenbank selbst über die Fehlprognosen gesprochen und über Verbesserungen nachgedacht. „Wir können uns nicht mehr nur auf die Vorhersagen unserer Modelle verlassen“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde unlängst in einem Interview. Und auf der Pressekonferenz nach der September-Zinssitzung äußerte sich die Französin noch einmal zu dem Thema. „Ja, wir haben Prognosefehler bei der Inflation gemacht“, gab sie zu.

Mit dieser Einschätzung ist Lagarde nicht allein. Weltweit lagen die Notenbanken mit ihren Inflationserwartungen grandios daneben: Die Teuerungswelle wurde nicht nur von der EZB, sondern auch von der US-amerikanischen Fed und anderen Zentralbanken unterschätzt. Das rächt sich jetzt.

Denn die Währungshüter müssen nun versuchen, die verlorene Zeit aufzuholen, indem sie die Zinssätze so stark anheben wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im September hatte die EZB etwa ihre Leitzinsen um jeweils 0,75 Prozentpunkte heraufgesetzt, und für die an diesem Mittwoch anstehende Entscheidung der Fed wird mittlerweile sogar ein Zinsschritt von einem Prozentpunkt nicht mehr ausgeschlossen.

Glaser machte für das Dilemma der EZB auch die Vermischung von Geld- und Fiskalpolitik verantwortlich. „Die originäre Aufgabe der EZB ist Geldwertstabilität. Diesen Pfad hat sie verlassen und ihr Mandat immer weiter ausgedehnt – zum Schaden der breiten Bevölkerung“, argumentierte der Genossenschaftsbanker. So habe die EZB die Staatsverschuldung in der Euro-Schulden- Krise moderiert, den Euro gerettet („Whatever it Takes“) und nun wolle sie auch noch den Klimawandel bekämpfen – alles Aufgaben, die nicht durch ihr Mandat gedeckt seien.

Die Konsequenzen illustrierte Sparkassenpräsident Schneider an zwei Beispielen: Schon vor dem jüngsten Inflationsschub seien rund 40 Prozent der privaten Haushalte nicht mehr sparfähig gewesen. Für diese Verbraucher reicht das monatliche Einkommen also gerade so aus, ihre Ausgaben zu decken. Durch die Inflation habe sich diese Quote in Richtung 60 Prozent verschoben – treffe also immer stärker auch die Mittelschicht, das Rückgrat unserer Gesellschaft.

Und für Sparer liege der Realzins, also die sichere Anlagemöglichkeit in Bundesanleihen abzüglich der Inflationsrate, aktuell bei rund minus sieben Prozent. „Übersetzt heißt das: Wenn das so bleibt, verliert man in drei Jahren ein Fünftel des Werts seiner Ersparnisse. Ein Fünftel!“, so Schneider.

Das Problem steigender Inflationserwartungen

Inzwischen droht auch die letzte Bastion gegen eine länger anhaltende Inflation zu brechen: Die Stabilität der Inflationserwartungen. Denn wenn die Inflationserwartungen steigen, droht eine Preis-Lohn-Preis-Spirale. Die Preise steigen, weil die Leute erwarten, dass sie steigen. Und danach sieht es aus. Nach Daten der Bundesbank sind die Inflationserwartungen der Privathaushalte in Deutschland für die kommenden zwölf Monate von gut 3,5 Prozent im August 2021 auf 7,5 Prozent im August 2022 gestiegen. Auch die Erwartungen für die nächsten fünf und zehn Jahre sind heute deutlich höher als noch vor Jahresfrist und liegen bei über fünf beziehungsweise über vier Prozent.

Wenn eine hohe Inflation erwartet wird, wollen die Arbeitnehmer zum Ausgleich höhere Löhne. Aus der Inflationszeit der 1970er-Jahre ist bekannt, dass die Gewerkschaft ÖTV unter Heinz Klunker im Jahr 1974 eine Lohnerhöhung von elf Prozent durchsetzte. Eine ähnliche Entwicklung droht heute wieder.

So fordert die Gewerkschaft IG-Metall für die knapp vier Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie eine Lohnerhöhung von acht Prozent. „Die Lohnforderungen müssen unseren Mitgliedern einen spürbaren Entgeltzuwachs bescheren“, sagte Helene Sommer, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben auf dem BBF. Man könne und wolle sich in der aktuellen Situation nicht mit Einmalzahlungen zufriedengeben.

Im Oktober wird zudem der gesetzliche Mindestlohn um 25 Prozent steigen, und angesichts der Energiekrise wird ein drittes milliardenschweres Entlastungspaket auf den Weg gebracht – was den Preisauftrieb befeuern könnte. Doch damit nicht genug. Lieferengpässe und geopolitische Spannungen dürften preissteigernd fortwirken. Das Gespenst Inflation wieder einzufangen, wird eine Herkulesaufgabe.

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