Im Zeichen des Protests

Lesedauer: 6 Min
Greenpeace-Aktivist fotografiert einen Banner mit seinem Smartphone
Am Tag vor der Siemens-Hauptversammlung protestiert die Umweltorganisation Greenpeace gegen den Beitrag des Industriekonzerns für ein Kohlebergwerksprojekt des Adani-Konzerns in Australien. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Siemens-Chef Joe Kaeser wird an diesem Mittwoch zu seinen Aktionären sprechen. Wahrscheinlich wird es seine letzte Aktionärsversammlung als Siemens-Chef sein. Umweltschützer und Klimaaktivisten haben Proteste angekündigt. Auch Aktionäre werden kritische Fragen stellen.

Seine Tür sei offen, er verstehe das Anliegen der Klimaaktivisten. Dennoch will Siemens-Chef Joe Kaeser die Signalanlage für ein riesiges und umstrittenes Steinkohlebergwerk in Australien liefern. Das Minenprojekt des indischen Adani-Konzerns steht konträr zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Und es passt auch nicht ganz zum neuen grünen Image von Siemens und seiner ausgesprochenen Strategie, bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen.

Wenn Kaeser am Mittwoch seinen Aktionären Rede und Antwort stehen muss, werden unter anderem das die strittigen Themen sein. Er wird dann auch erklären müssen, ob er als freimütiger Kommunikator im Chefsessel in den vergangenen Wochen vielleicht einige Fehler gemacht hat in der Kommunikation mit den Protestierenden. Das zumindest meinen nicht nur Umweltschützer, sondern auch Großinvestoren. „Der Fall Adani war ein kommunikatives Desaster für Siemens“, sagt etwa Vera Diehl von der Fondsgesellschaft Union Investment. Kaeser verteidigte das 18-Millionen-Geschäft mit Adani und berief sich vor allem auf die einzuhaltende Vertragstreue. Im Verlauf der Auseinandersetzung hatte Kaeser der Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer einen Posten in einem Beratungs- oder Aufsichtsgremium bei Siemens Energy angeboten. Neubauer lehnte ab. Nun haben die jungen Menschen von Fridays for Future Proteste vor der Olympiahalle in München angemeldet, wo sich heute die Aktionäre einfinden werden. Unterstützung finden die Demonstrationen unter anderem von Greenpeace, dem Bund Naturschutz, der Umweltbewegung Extinction Rebellion oder Campact. „Mit Sicherheit wird das sehr voll, weil ja auch viele dazu aufrufen“, sagt eine Greenpeace-Sprecherin.

Im Siemens-Konzern heißt es, man stelle sich auf eine normale Hauptversammlung ein. Man sei sich aber bewusst, dass es in diesem Jahr größere Proteste geben könnte als sonst üblich. „Wir richten die Sicherheitsanforderungen daran aus“, betonte ein Sprecher. Bisher aber seien die Proteste friedlich gewesen.

Ureinwohner Australiens vor Ort

Doch nicht nur draußen vor der Halle werden Umweltschützer lautstark protestieren. Kritik wird sich das Siemens-Management auch im Verlauf des Aktionärstreffens anhören müssen. Von der Vereinigung kritischer Aktionäre wollen mehrere Redner ans Mikrofon treten. Darunter wird ein Ureinwohner Australiens sein, der von der umstrittenen Adani-Steinkohlemine betroffen ist. Mehrere Anträge von Aktionären votieren gegen die Entlastung von Vorstand, Aufsichtsrat und von Joe Kaeser. Allerdings sind das Einzelaktionäre, die wenig Aussicht auf Mehrheiten haben.

Zum Ende des Jahres endet ohnehin der offizielle Vertrag von Joe Kaeser. Er ist seit 2013 Chef von Siemens und hat das Unternehmen auch durch schwierige Zeiten geführt. Solide ist in dieser Hinsicht auch das abgelaufene Geschäftsjahr gelaufen. Im vierten Quartal hat Siemens sich erfolgreich in der weltweiten ökonomischen Flautephase behauptet, hat die Umsätze und das operative Ergebnis steigern können.

Auch für die Geschäfte in der Energiesparte gibt sich Kaeser im Vorfeld der Hauptversammlung optimistisch. Das Unternehmen baut im Energiegeschäft neben Turbinen für Kohle- und Gaskraftwerke auch Windräder. Von der laufenden Klimaschutz-Debatte sei jedenfalls das Geschäft mit Kraftwerksausrüstungen nicht beeinträchtigt. Die Proteste würden sich ebenfalls nicht auf die geplante Abspaltung der Energie-Sparte auswirken. Unter dem Namen Siemens Energy soll das Unternehmen ausgegliedert und im September an die Börse kommen.

Das wird dann wohl auch die letzte größere Weichenstellung von Joe Kaeser in seiner Funktion als Siemens-Chef gewesen sein. Denn vieles spricht dafür, dass Kaeser spätestens mit Ende seines Vertrages den Chefposten räumen muss. Aus Unternehmenskreisen ist zu vernehmen, der Aufsichtsrat könne womöglich schon in einigen Monaten einen Führungswechsel einleiten. Der langjährige Technologievorstand Roland Busch, erst im September zum stellvertretendem Vorstandsvorsitzenden gekürt, könnte dann das Ruder in München übernehmen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen