„Ich warne vor Pessimismus“

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Daniel Dettling
Daniel Dettling (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

Der bekannte Wissenschaftler und Publizist Meinhard Miegel hat kürzlich in Lindau einen vielbeachteten Vortrag über die Grenzen des Wachstums gehalten. Er zeichnete das pessimistische Bild einer Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse lebt und ihren Kompass verloren hat. Sein Beitrag stieß auch bei Leserinnen und Lesern der „Schwäbischen Zeitung“ auf großes Interesse. Der Forscher Daniel Dettling vom Zukunftsinstitut Berlin widerspricht Miegels Thesen im Interview mit Steffen Range.

Meinhard Miegel hat in Lindau gesagt, die Menschen müssten sich auf sinkenden Wohlstand einstellen, die Grenzen des Wachstums seien erreicht. Teilen Sie diese These?

Das ist keineswegs ein Naturgesetz. Ein Ende des Wachstums hat bereits der Club of Rome vor mehr als 40Jahren vorausgesagt, eingetreten ist das Gegenteil: der Wohlstand wächst global, Hunger und Armut nehmen ab. Erstmals in der Geschichte leben weniger als zehn Prozent in extremer Armut. Vor 25 Jahren waren es noch fast 40 Prozent. Nicht nur das weltweite Bruttoinlandsprodukt ist gestiegen, auch das Leben wird global besser. Der medizinische Fortschritt bringt weltweit eine höhere Lebenserwartung und die Kindersterblichkeit verringert sich. Ich will in diese Schwarzmalerei nicht einstimmen: „Früher war selbst die Zukunft besser“.

Aber es lässt sich doch nicht von der Hand weisen, dass unser Fortschritt zu Lasten der Umwelt und Natur erkauft wird. Das beweisen die verpesteten Metropolen in Asien und verschmutzte Flüsse.

Auch hier warne ich vor Pessimismus. Die steigende globale Wirtschaftsleistung muss nicht mehr länger auf Kosten der Umwelt gehen: der CO2-Ausstoß pro Einwohner sinkt weltweit. In vielen Ländern geht die Luftverschmutzung zurück. Mit dem Wohlstand steigt die Öko-Effizienz weltweit. In China werden Umweltfragen angegangen, es wird öffentlich über Umweltschutz gestritten und das Land gehört heute zu den größten Investoren in saubere Energie. Wachstum und Umweltschutz gehen längst Hand in Hand. In vielen Ländern ist es gelungen, Wachstum und Ressourcenverbrauch mit Hilfe effizienter Technologien zu entkoppeln.

Sie erwähnen China. Wie sich unser Planet ökonomisch und ökologisch entwickelt, hängt maßgeblich von den Schwellenländern ab. Spielt Europa künftig überhaupt noch eine Rolle?

In der Tat verliert Europa zwar demografisch an Bedeutung, nicht aber wirtschaftlich und politisch. Europa ist heute der attraktivste Kontinent. Die große Mehrheit der Kriegs- und Terrorflüchtlinge aus dem Nahen Osten macht sich nach Europa auf. Weiteres Beispiel: die außereuropäischen Investitionen haben im vergangenen Jahr um 27 Prozent zugenommen. Beim Thema Energiewende gilt Deutschland vielen als Vorbild, bei Glück, Lebensstandard und Freiheit liegen die skandinavischen Staaten, die Schweiz und auch Deutschland vorn.

Miegel hat jedoch festgestellt, dass der Erfindergeist der Deutschen ermüdet. Wie bewerten Sie das?

Wir sind keine Wahrsager, sondern Zukunftsforscher. Für die Gegenwart und nahe Zukunft sprechen die Fakten eine andere Sprache: Deutschland ist Patent-Europameister mit 32000 Patentanmeldungen im Jahr 2014. Berlin ist zum boomenden Zentrum für junge IT-Unternehmen geworden. Und in Süddeutschland gibt es eine Gründerzeit bei Genossenschaften und Stiftungen.

Gerade zum Jahreswechsel wird thematisiert, dass unsere Gesellschaft sich kommerziellen Interessen unterwerfe. Die Mehrung materiellen Wohlstands sei zum Ziel und Lebenszweck geworden, behauptet auch Miegel. Was entgegnen Sie?

Ich erlebe vor allem die junge Generation ganz anders. Nach einer neuen Studie lehnen 86 Prozent der jungen Menschen Arbeitgeber ab, die nur Gewinnmaximierung verfolgen, das soziale und politische Engagement nimmt generell zu. Ohne die aktive Bürgergesellschaft und das Engagement der Vielen wäre es bei der Integration der Flüchtlinge längst zu einem Kollaps gekommen. Den meisten Deutschen sind Gesundheit und Freiheit heute wichtiger als beruflicher Erfolg. Materielle Sicherheit ist ein Teil der Lebensqualität, sie ist aber nicht alles.

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