IAA-Nutzfahrzeugmesse: Vom Brummi zum Summi

Wasserstoff-Müllaster Bluepower von Faun: Die Berliner Stadtreinigung BSR, der größte kommunale Stadtreinigungsbetrieb Europas,
Wasserstoff-Müllaster Bluepower von Faun: Die Berliner Stadtreinigung BSR, der größte kommunale Stadtreinigungsbetrieb Europas, hat sechs der Mülllaster in Betrieb, acht weitere sind bestellt. Nun will das Unternehmen den Lkw mit Kofferaufbau für den klassischen Gütertransport auf den Markt bringen. (Foto: BSR)
Korrespondent (Berlin)

Müllwagen sind praktisch. Sie befreien uns von Abfall. Und sie sind laut. Viele Menschen bemerken sie nur, wenn sie morgens vom Lärm geweckt werden. Dass die Fahrzeuge einmal nachhaltig den Straßenverkehr revolutionieren könnten, denken vermutlich nur wenige – darunter die Mitarbeiter des Unternehmens Faun aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen.

Die Firma baut seit Jahrzehnten Fahrzeuge für Stadtreinigungen, Kehrmaschinen etwa. Und eben Müllwagen. Seit einem Jahr hat der Spezialhersteller den „ersten serienmäßigen wasserstoff-elektrischen Müllwagen“ im Angebot. Der Beginn einer Geschichte, die den großen etablierten Konzernen zeigen könnte, wie sich auszahlt, früh einzusteigen, hartnäckig zu sein und einfallsreich.

17 Tonnen Zuladung, 250 Kilometer Reichweite, 16 Kilogramm Wasserstoff, in 15 Minuten bei 700 bar Druck weitgehend betankt – Faun-Chef Patrick Hermanspann schwärmt, wenn er über den „Bluepower“ redet. Unterwegs ist der Müllwagen inzwischen in Aachen und Berlin, in Bochum, Duisburg, Freiburg und Mainz, in Brüssel und Graz. Auch aus der Schweiz wurde bestellt. 100 Fahrzeuge sollen Ende des Jahres ausgeliefert sein.

Doch Faun will mehr. Auf der IAA Transportation, der Leitmesse für Nutzfahrzeuge, in dieser Woche in Hannover (20. bis 25. September) stellt das Unternehmen den Prototypen eines Lastwagens vor, Citypower genannt. Das Fahrzeug, im Prinzip der Wasserstoff-Müllwagen mit einem Kastenaufbau, ist für den Stadtverkehr vorgesehen, zum Beispiel um kleinere Supermärkte zu beliefern. Das Fahrzeug hat 500 Kilometer Reichweite und neun Tonnen Zuladung in der Variante mit Wasserstoff und Elektromotor, die rein elektrische Version soll 260 Kilometer weit kommen.

Das Besondere: Der Lastwagen hat bereits eine europäische Typzulassung, nach Angaben des Unternehmens, die bisher einzige für ein solches Fahrzeug. Mit dieser Zulassung kann das Fahrzeug in Serie produziert und vor allem überall in der EU verkauft werden. Der Serienstart des Citypower ist für das kommende Jahr geplant.

Alle großen Nutzfahrzeughersteller arbeiten daran, den Motor zu ersetzen, der Diesel oder Biosprit verbrennt. Getestet werden Antriebe, die Wasserstoff direkt verbrennen oder mit Strom aus einer Batterie laufen. Sie kann an einer Ladesäule oder induktiv durch die Fahrbahn geladen werden. Auch Oberleitungskonzepte gibt es.

Faun setzt auf eine Brennstoffzelle. Sie verbrennt mit Ökostrom erzeugten Wasserstoff und erzeugt Strom, der wiederum die Batterien speist, die den E-Motor antreiben. Und beim Müllwagen Trommel oder Presse, je nachdem, was das Abfallunternehmen bestellt hat. Der schwere Aufbau entfällt beim neuen Lastwagen.

Daimler Trucks, Iveco, MAN, Renault oder Volvo konzentrieren sich vor allem auf schwere Lkw, die auf Langstrecken unterwegs sind, Hamburg-Prag zum Beispiel. Faun dagegen sieht seine Nische eher bei Frankfurt–Mainz. Und auf diesen Kurz- und Mittelstrecken will das Unternehmen bis 2030 Europas Marktführer bei wasserstoffbetriebenen Lastwagen.

Dafür muss das Unternehmen investieren. Die Wasserstoff-Laster der im Mai gegründeten Tochter Enginius kommen aus dem Bremer Werk, das ausgebaut wird. Dort arbeiten zurzeit etwa 80 Beschäftigte, geplant sind 800. Ein ziemlicher Sprung, Faun beschäftigt derzeit insgesamt nur 2000 Mitarbeiter. Faun-Chef Hermanspann plant, 5000 Fahrzeuge jährlich zu bauen. Einen entscheidenden Vorteil sieht er darin, dass das Unternehmen bereits reichlich Erfahrung hat: „Wir sind sehr früh dabei.“

Bereits Mitte der 2000er dachten die Techniker bei Faun darüber nach, den Müllwagen zu elektrifizieren. Solch ein Fahrzeug stoppt bis zu 800-mal am Tag, Bremsenergie geht verloren. Und der Diesel setzt Feinstaub frei. Der erste elektrische Müllwagen sparte 30 bis 40 Prozent Primärenergie ein, ließ sich aber kaum verkaufen. Doch die Techniker ließ das Thema nicht los, sie setzten auf Wasserstoff, entwickelten Brennstoffzelle, Batterie, Motor selbst.

Bei der Entwicklung geholfen hat die Berliner Stadtreinigung BSR. Der größte kommunale Stadtreinigungsbetrieb Europas mit insgesamt 1800 Fahrzeugen hat die Wasserstoff-Müllwagen von Anfang an im täglichen Gebrauch getestet und vorgeschlagen, was verbessert werden muss. „Wir sind ein anspruchsvoller und dadurch bisweilen auch anstrengender Partner für die Hersteller“, sagt Fuhrparksleiter Wolfgang Wüllhorst. Am Ende profitieren beide. Für die BSR sind sechs der Mülllaster unterwegs, acht weitere sind bestellt.

Das Basisfahrzeug liefert Daimler Trucks, Fahrgestell und Kabine, Faun baut dann die eigene Technik ein. Und weil Wasserstoff sehr explosiv ist, werden die Tanks, die bis zu 16 Liter fassen, vor dem Einbau beschossen. So soll sichergestellt werden, dass sie wirklich dicht sind. Klassische Dieseltanks sind dagegen simple Kisten. Besondere Crashtests für die Wasserstofffahrzeuge gibt es auch.

Ausbremsen könnte die ehrgeizigen Pläne das Tankstellennetz. In Deutschland sind nach Angaben des Anbieters H2Mobility 95 Wasserstofftanksäulen betriebsbereit. Allerdings können nicht alle die erforderlichen 700 bar Druck. Und nicht an allen lassen sich schnell mehrere Fahrzeuge nacheinander betanken. Aber das Netz wächst. Für die BSR in Berlin wurde gerade eigens eine neue Tankstelle errichtet.

Hinter Faun steht die Kirchhoff-Gruppe aus Iserlohn in Nordrhein-Westfalen. Das Familienunternehmen mit 2,2 Milliarden Euro Umsatz und rund 12 200 Mitarbeitern hat mehrere Sparten und ist weltweit tätig. Es stellt unter anderem komplexe Karosserieteile für die Autoindustrie und Werkezeuge her. Faun gehört zur Umwelt- und Kommunalsparte.

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