Hymer: Top-Manager Steuer nimmt seinen Hut

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Im Vorstand des Reisemobilherstellers war in den vergangenen Monaten ein Kommen und Gehen. (Foto: Rolf Nachbar)
Schwäbische Zeitung
Steffen Range
Redakteur

Europas größter Wohnwagen- und Reisemobilhersteller Hymer verliert abermals einen Topmanager. Thomas Steuer, technischer Vorstand der Hymer-Gruppe, legt sein Mandat aus „persönlichen Gründen“ nieder, meldete das Unternehmen aus Bad Waldsee (Kreis Ravensburg). Steuers Aufgaben übernimmt der neue Vorstandsvorsitzende Martin Brandt zusätzlich. Hymer kündigte zudem an, die Stelle des Finanzvorstands wieder zu besetzen.

Innerhalb weniger Monate haben mehrere Spitzenkräfte den Wohnwagenspezialisten verlassen. Im Sommer verabschiedete sich Konzernchef Andreas Lobejäger, im September ging der für die Tochtermarken Bürstner und Dethleffs zuständige Giovanni Marcon, nun Technikvorstand Steuer – nach Darstellung Hymers in „freundschaftlichem Einvernehmen“. Beiratsvorsitzender Johannes Stegmaier würdigte Steuers Verdienste. Er habe in den vergangenen zwei Jahren „erfolgreich an der Entwicklung der Plattformstrategie gearbeitet“.

Um dieses wichtige Vorhaben wird sich der neue Vorstandsvorsitzende Martin Brandt nun persönlich kümmern. Hymers Ziel ist es, die Vielfalt der Plattformen zu verringern, um Wohnwagen und Reisemobile günstiger produzieren zu können. Mehr Fertigung am Fließband soll kostspielige Handarbeit verdrängen. Davon verspricht sich Hymer weniger Fehler und mehr Tempo in der Montage. Wer Bauteile in größeren Stückzahlen abnimmt, kann zudem bessere Preise aushandeln und Lieferanten auf bessere Qualität verpflichten. Mit diesem, der Autoindustrie entlehnten Baukastenprinzip will Hymer seine Vorteile gegenüber kleinen Werkstätten ausspielen – und dann entweder Reisemobile preiswerter anbieten oder mehr an ihnen verdienen als die Konkurrenz.

Spagat zwischen Individualisierung und Standardisierung

Außerdem versucht Hymer derzeit, seine Marken besser zur Geltung zu bringen. Die Hymer-Gruppe war Anfang der 2000er-Jahre stark gewachsen, Kritiker sagen: gewuchert. Dabei verwischten bisweilen die Unterschiede. Dethleffs leistete sich Ausflüge in die gehobene Klasse, während die Marke Hymer an Prestige einbüßte. Der Vorstand steht nun vor dem Spagat, die Unterschiede der Marken herauszustellen, gleichzeitig aber möglichst viele Bauteile gemeinsam zu beschaffen. „Alles, was man im Fahrzeug sieht, wird individualisiert. Alles, was man nicht sieht, wird standardisiert“, sagt Unternehmenschef Brandt. Vorbild für eine gelungene Mehrmarkenstrategie ist Volkswagen. Unter dem Dach eines Konzerns finden sich so unterschiedliche Marken wie Skoda, VW und Audi. Skoda Octavia, VW Golf und Audi A3 teilen sich eine Plattform, unterscheiden sich aber dennoch in Aussehen und Preis. Ein ähnliches Vorgehen schwebt auch der Hymer-Gruppe vor.

Diese Strategie war bereits unter Ex-Chef Andreas Lobejäger entwickelt worden, seinem Nachfolger Brandt fällt nun die Aufgabe zu, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Gerade für die Plattformstrategie bringt Brandt gute Voraussetzungen mit: Er ist Wirtschaftsingenieur und hat bei vorherigen Managementstationen in der Industrie vergleichbare Projekte bewältigt.

Brandts Vorgänger Lobejäger dagegen war Finanzfachmann, daher gab es zuletzt bei Hymer auch keinen Finanzvorstand mehr. Das wird sich aber bald ändern, das Unternehmen wird diesen Posten wieder besetzen. Hymer ordnet derzeit seine Finanzen und Bankverbindungen neu. Die niedrigen Zinsen erlauben es derzeit vielen Unternehmen, gute Bedingungen auszuhandeln. Das zeigte nicht zuletzt die bravourös gelungene Finanzierung der TRW-Übernahme durch den Zulieferer ZF Friedrichshafen. Ein Grund mehr für Hymer, sich rasch der Unterstützung eines ausgewiesenen Finanzexperten zu versichern.

Zur Erwin Hymer Group, wie sich das Unternehmen offiziell nennt, gehören bekannte Marken wie Hymer, Bürstner, Carado, Dethleffs, Niesmann+Bischoff, Laika, LMC, aber auch die Reisemobilvermietung McRent, der Zubehörhersteller Movera und der Fahrwerksspezialist Goldschmitt. Hymer erwirtschaftet einen Umsatz von jährlich rund 1,2 Milliarden Euro und verkauft etwa 35000 Fahrzeuge pro Jahr. Die Gruppe hat rund 4000 Mitarbeiter, die Zentrale befindet sich in Bad Waldsee.

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