Hippe Spätzle in drei Minuten

Lesedauer: 12 Min
Die Lizenz zum Spätzle-Shaker wollte Susann Hartung eigentlich verkaufen. Aber ihre Idee wollte niemand. Also machte sie sich se
Die Lizenz zum Spätzle-Shaker wollte Susann Hartung eigentlich verkaufen. Aber ihre Idee wollte niemand. Also machte sie sich se (Foto: oh)
Schwäbische Zeitung
Karin Geupel

Wird Susann Hartung auf den Gründungsmythos ihres Unternehmens angesprochen, antwortet sie energisch: „Das ist kein Mythos, das ist wirklich so passiert! Hier in der Küche.“ In dieser Küche sitzt sie gerade am Küchentisch. Ihr Hund Ben streicht an ihren Beinen vorbei und streckt hin und wieder seine Nase unter dem Tisch hervor. Er möchte gerne etwas abhaben von der Butter, die Hartung soeben in ihrer neuesten Erfindung, dem Butter-Shaker, hergestellt hat. Vor Hartung auf dem Küchentisch steht ihr gesamtes Sortiment an verschiedenen Schüttel-Behältern, von Hartung Food-Shaker genannt, die ihre Firma, die Spätzle Shaker UG, herstellt.

Angefangen hat alles vor fünf Jahren mit der Erfindung die ihrem Unternehmen seinen Namen gibt: dem Spätzle-Shaker. Hartungs Sohn Julien aß so gerne Spätzle. Da das Herstellen der schwäbischen Delikatesse so aufwendig ist, kamen sie und Julien auf die Idee, die Spätzle einfach aus einer Plastikflasche zu drücken. Hartung kaufte im Supermarkt eine Plastikdose Wasabi-Erdnüsse, bohrte Löcher in den Deckel, fügte eine Murmel zur besseren Vermischung der Teigzutaten in die Plastikdose und drückte ihre allerersten Spätzle aus der Dose. „In dem Moment sah ich wirklich diese Daniel-Düsentrieb-Glühbirne über meinem Kopf leuchten. Ich wusste einfach, das wird was“, sagt Susann Hartung heute.

Besudelt die Schwabenküche

Der Tübingerin ist klar, dass sie mit den geschüttelten und ausgedrückten Spätzle eingefleischte Spätzle-Schaber nicht überzeugen wird. „Manche Schwaben und Schwäbinnen sagen sogar, dass der Spätzle-Shaker die Schwabenküche regelrecht besudelt hätte“, sagt Hartung über die Kritik an ihrem Spätzle-Shaker. Aber sie lässt sich dadurch nicht beirren. Ihr geht es vor allem darum, ein traditionelles Gericht für ihre Zielgruppe – junge Leute, die wenig Zeit zum Kochen haben - interessant zu machen: „Mit dem Shaker sind Spätzle schnell gemacht. Außerdem wird nur der Shaker dreckig, der Rest der Küche bleibt sauber“, zählt Hartung die Vorteile ihrer Erfindung gegenüber dem üblichen Spätzleschaben oder -pressen auf.

Inzwischen umfasst Susann Hartungs Produktportfolio den Spätzle-Shaker für zwei und vier Personen, einen Yorkshire-Pudding-Shaker, den Hartung am liebsten für das schwäbische Gericht Pfitzauf verwendet, einen Crêpe-Shaker, ein Spätzle-Shaker Kochbuch, zwei Sorten Spätzle-Mehl und den Butter-Shaker. In diesem Sommer soll außerdem pünktlich zur Grillsaison ein BBQ-Shaker auf den Markt kommen, mit dem Hobbyköche dann ihre eigenen Saucen zum Grillfleisch herstellen können. Bereits jetzt ist Hartung mit diesem Angebot laut eigener Aussage der Marktführer bei den Food-Shakern in Deutschland.

Die Firmenzentrale der Spätzle-Shaker UG, befindet sich auf dem Tübinger Österberg, in Hartungs Haus. Unauffällig steht es gleich zu Beginn einer kleinen Seitenstraße. Der wuchernde Garten davor verdeckt den Hauseigang fast und lässt Besucher, die sich die Spätzle-Shaker UG einmal genauer anschauen wollen, erst einmal etwas ratlos vor dem Gartenzaun stehen. In diesem Haus lebt Hartung mit ihrem 18-jährigen Sohn Julien und ihrem Hund. Das Entwicklungszentrum der Firma ist die heimische Küche, eingerichtet mit Ikea-Möbeln und dem großen Esstisch. Hier testet Hartung zuerst jede Idee selbst aus: Sie erforscht die Stömungsgewohnheiten im Teig, prüft Verschlusskappen und probiert neue Ideen für weitere Shaker-Produkte. Sie selbst vergleicht sich dabei gerne mit Marken wie Volkswagen. Wie der große Autobauer verwendet sie zur Entwicklung neuer Artikel die sogenannte Plattformstrategie: Das Ursprungsprodukt wird einfach etwas weitergedacht und am Schluss kommt dabei etwas Neues heraus. So kam es zum Pfannkuchen- oder Butter-Shaker. Das Prinzip bleibt das gleiche: Eine Plastikflasche, ein Shake-Einsatz wie eine Kugel oder eine Spirale zum Vermengen der Zutaten, und eine Spritzdüse, damit der Teig in der gewünschten Form aus dem Shaker fließt.

Auch Vertrieb und Produktdesign entwickelt Hartung selbst, genauer: ein Stockwerk über der Küche, im heimischen Büro. Sohn Julien hilft auch mit und kümmert sich aus seinem Zimmer heraus um den Onlineshop.

Das ganze Haus am Österberg, die Firmenzentrale, sieht von innen genauso aus, wie man sich das Haus einer Modejournalistin – Hartungs früherer Job – vorstellt. Im Wohnzimmer neben der Küche steht ein flacher, weißer Lacktisch und ein großer roter Buddha-Kopf wacht über das Fernsehprogramm. Der Job in der Modebranche habe ihr auch bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens weitergeholfen, sagt Susann Hartung rückblickend. Hartung wusste schon bevor sie ein eigenes Unternehmen hatte, wie ein Produkt für die Zielgruppe von Kunden im Alter von 20 bis 50 Jahren aussehen sollte. Wie man aber selbst eines schafft – das war etwas anderes. „Als das Patent angemeldet war, wollte ich die Lizenz zum Spätzle-Shaker eigentlich verkaufen. Aber diese Idee wollte niemand.“

Hartung machte sich also selbst an das Entwickeln ihres Spätzle-Shakers. Sie beantragte Innovationsgutscheine des Landes Baden-Württemberg und suchte sich Geschäftspartner, die ihr bei der Herstellung der Plastikflaschen und Düsen und bei Verpackung und Design behilflich waren. Alle fand sie im südlichen Baden-Württemberg. „Ich hätte auch nach China gehen können, aber ich wollte alles in der Nähe haben.“ Sie begann ihre Shaker-Flaschen bei der Firma Babberger in ihrer Heimatstadt Oberndorf am Neckar produzieren zu lassen. Dort, wo eigentlich Kunststoff-Spritzgussteile unter anderem für die Automobil- und Elektroindustrie hergestellt werden, liefen vor fünf Jahren die ersten Plastik-Schüttelbehälter vom Band. Auch das Spätzlemehl, das sie zum Shaker vertreibt, kommt aus der Region, nämlich aus einer Mühle in Römerstein.

Wo und wie ihr Produkt hergestellt wird, wie es vermarktet und vertrieben wird – bei allem hat Hartung das letzte Wort. Die Food-Shaker sollen nach ihrem Willen auch Lifestyle-Produkte sein. Deshalb bekommt man sie nicht einfach im Supermarkt. Wer einen Spätzle-Shaker haben will, muss ihn online bestellen, in den Haushaltswaren-Fachhandel gehen oder in den Buchhandel, wo der Spätzle-Shaker neben Kochbüchern verkauft wird. Haushaltsgerät neben Büchern funktioniert gut. Das bestätigt auch Johannes-Christoph Beck von der Abteilung Zentraleinkauf bei der Buchhandlung Osiander in Tübingen, wo der Spätzle-Shaker im Regal steht: „Der Spätzle-Shaker verkauft sich bei uns das ganze Jahr über sehr stark, sprich: Er ist ein Dauerseller.“ Allein letztes Jahr habe Osiander 3000 Shaker verkauft. „Er ist ein tolles Geschenk, ob als Ausstand für die erste eigene Wohnung oder als Gag“, sagt Beck zu den Gründen, warum der Spätzle-Shaker bei Osiander besonders gern gekauft wird.

Hartungs Idee aus der Küche breitet sich inzwischen aus: Während in den Anfangsjahren vor allem der baden-württembergische Markt bedient wurde, vertreibt sie die Shaker inzwischen in ganz Deutschland, in der Schweiz und in Österreich. England und Amerika sollen folgen. Die größten Stückzahlen würden nach wie vor in schwäbischen Gefilden, vor allem im Großraum Stuttgart, verkauft, sagt Hartung. Allgemein gilt aber: Wo viele Schwaben sind, da finden sich auch viele Spätzle-Shaker. „Im Webshop-Bereich hat als zweites Hauptabsatzgebiet ganz klar Berlin mit seinen vielen Exil-Schwaben die Nase vorn“, sagt Hartung. Auch in ihren Geschäftszahlen macht sich die wachsende Beliebtheit von Hartungs Food-Shakern bemerkbar. Seit 2010 macht Hartung einen jährlichen Umsatz von etwa 260000 Euro. „Nur im Jahr 2012 sind die Zahlen etwas eingebrochen, da kam ein direktes Konkurrenzprodukt auf den Markt“, sagt Hartung. Bei diesen Zahlen soll es, wenn es nach der Tübingerin geht, aber nicht bleiben. „Das Potential ist meines Erachtens sehr groß. Ich gehe zunächst von 300000 Shakern pro Jahr in Deutschland als erstes Etappenziel aus. Das ist in etwa die Menge, die wir bisher an Spätzle-Shakern verkauft haben. Sprich: Wir wollen die abgesetzten Stückzahlen bis 2016/17 verfünffachen.“ Über längere Sicht will Hartung dann einen Gewinn von einer Million Euro erwirtschaften.

Unternehmerinnen Ü 50

Doch Hartung hat nicht nur das Geld im Blick, wenn sie an die Zukunft ihres Unternehmens denkt. Ein Ziel, das der energischen Frau am Herzen liegt, kann sie mit guten Umsatzzahlen allein nicht erreichen: „Als Frau im Business wird man oft unterschätzt“, sagt sie. Gerade am Anfang ihrer Unternehmerinnen-Karriere bekam sie das zu spüren und musste sich vor Gericht gegen ihre damaligen Geschäftspartner wehren. Auch deshalb verfolgt die dunkelhaarige Frau mit ihrem Unternehmen auch noch ein emanzipatorisches Ziel: „Ich wünsche mir, dass man als Frau um die 50 im Business genauso ernst genommen wird, wie als Mann.“ Wenn man sie so an ihrem Tisch, in ihrem heimischen Entwicklungszentrum, inmitten ihrer vielen Shaker sitzen sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass diese Frau von irgendwem nicht ernst genommen werden würde.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen