Herr Kroll verzichtet auf Milliarden

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 Ecosia-Chef Christian Kroll: „Den Lebensunterhalt finanzieren und ethisch vertretbar wirtschaften.“
Ecosia-Chef Christian Kroll: „Den Lebensunterhalt finanzieren und ethisch vertretbar wirtschaften.“ (Foto: OH)

Ecosia in Zahlen

Die Suchmaschine wickelt nach eigenen Angaben etwa 0,1 Prozent der Suchanfragen in Deutschland ab. Sie habe täglich etwa eine Million aktiver Nutzer, auf rund sechs Millionen Geräten sei sie installiert. Der Betrieb legt seine Finanzen offen. In einem typischen Monat beträgt der Umsatz rund 700.000 Euro, wovon beispielsweise 320.000 in Baum-Pflanzungen fließen, die andere Hälfte unter anderem in Rücklagen, Betriebskosten, Gehälter und Marketing. Bisher wurden insgesamt knapp sieben Millionen Euro in Bäume investiert. Die Firma schreibt nach eigenen Angaben schwarze Zahlen und hat keine Schulden.

So möchte man arbeiten, jedenfalls mit 30. Die Firma beschäftigt eine Happiness-Managerin, die sich darum kümmert, dass es allen gut geht, und Geburtstagsüberraschungen organisiert. Jeden Mittwoch frühstücken die Mitarbeiter zusammen. Das Unternehmen verdient Geld, aber mindestens genauso wichtig ist der gesellschaftliche Mehrwert. Neuester Clou: Der Chef verschenkt seine Firma an eine Stiftung, die verhindern soll, dass der Laden privaten Reichtum mehrt.

Auf diese Idee kam Christian Kroll, der 34-jährige Gründer und Chef von Ecosia, der „Suchmaschine, die Bäume pflanzt“. Ursprünglich, nach der Gründung 2009, ging es ihm vor allem um den ökologischen Nutzen. Einerseits funktioniert Ecosia wie Google. Mit Hilfe der Suchmaschine recherchieren die Nutzer im Internet. Dabei klicken sie Werbeanzeigen an, die Ecosia Einnahmen bringen. Dieses Geld allerdings investiert die Firma zum guten Teil, um zusammen mit Partnerorganisationen neue Bäume zu finanzieren. Das Ziel: Etwas gegen den Klimawandel tun.

Per Satellitenkamera schaut Kroll ab und zu nach, ob die Bäume wirklich existieren. Im Norden Burkina Fasos, dort, wo die Sahara-Wüste vorzudringen droht, kann er auf den Fotos die Kuhlen im Boden entdecken, in denen die Gehölze stecken. Oder er reist nach Spanien, um in den Projekten nach dem Rechten zu sehen. Über 38 Millionen Pflanzen habe das Unternehmen inzwischen gesponsert, weist der Rechner auf der Startseite aus. Quasi sekündlich kommt ein weiterer Baum dazu, der klimaschädliches Kohlendioxid bindet. So behauptet die Firma faszinierenderweise, dass jede bei ihr abgewickelte Suchanfrage der Erdatmosphäre ein Kilogramm CO2 entziehe – über den Ausgleich der eigenen Abgase hinaus. Nie war es für die Nutzer leichter, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Google-Konkurrenz in Berliner Gründerzeit-Fabrik

Eine Hofeinfahrt in Berlin-Neukölln, zweiter Hinterhof, hohe, rötliche Backsteinwände. Im zweiten Stockwerk der Gründerzeit-Fabrik sitzt die Google-Konkurrenz. Auf der weitläufigen Etage gibt es ein Gartenhäuschen, wo man in Ruhe skypen kann. Auf dem Balkon laden Liegestühle zum Sonnen ein. Das Personal trägt dichte Bärte und nicht ganz billigen Schlabberlook. Firmenchef Kroll begnügt sich mit kurzer Jeans und weißem Fairtrade-T-Shirt.

Jetzt, da der Betrieb grundsätzlich läuft, kann er sich neuen Fragen zuwenden. Rund 99 Prozent des GmbH-Kapitals von Ecosia und ein Prozent der Stimmrechte sind gerade an die in der Schweiz beheimatete sogenannte Zweck-Stiftung des Unternehmers Armin Steuernagel gegangen. An diese Konstruktion gekoppelt ist ein Veto der Stiftung gegen jegliche Veränderung der Firma, die ihren Hauptzweck in Frage stellen würde. Ecosia darf beispielsweise nicht für Profit verkauft werden. Und es ist verboten, Gewinne zu privatisieren – jenseits der Gehälter. Damit verzichten Christian Kroll und sein Mitgesellschafter Tim Schumacher „für immer und unwiderruflich“ auf Millionen oder Milliarden Euro, die sie durch eine Veräußerung später vielleicht erzielen könnten. „Ich will nicht reich werden“, sagt Kroll, der weiter als Chef amtiert, „sondern meinen Lebensunterhalt finanzieren und ethisch vertretbar wirtschaften.“

Materiell, findet Kroll, hat er alles, was er braucht. Wieviel er genau verdient, verrät er nicht. Im Durchschnitt betragen die Gehälter der 40 Mitarbeiter etwa 3500 Euro brutto. Weil Programmierer kaum für weniger zu bekommen sind, besteht beim Cheflohn kein Spielraum für große Ausreißer nach oben.

Klingt erstmal gut. Aber was haben die Beschäftigten davon? Nette Atmosphäre, relativ sichere Jobs, passables Gehalt und die Perspektive, niemals von einem Investor rumgeschubst zu werden. Miteigentümer sind sie andererseits nicht.

Ecosia gehört keinem Konzern, ist aber auch nicht unabhängig von den Elefanten der Branche. Die Suchanfragen laufen über Bing, die Suchmaschine des Microsoft-Konzerns. Weil diese von viel weniger Leuten genutzt wird als Google, sind die Rechercheergebnisse mitunter nicht so präzise wie beim Weltmarktführer – die Zahl der Anfragen und Daten ist entscheidend für die Qualität der Programme. „Ab und zu suche ich selbst mit Google“, räumt Kroll ein.

Künftig, sagt er, werde auch seine Maschine mehr „Lebenshilfe“ anbieten. „Hey, Ecosia“, könnten Nutzer vielleicht irgendwann befehlen, „wir brauchen Kaffee“. Das Programm sucht dann und bestellt. Aber nicht irgendwelchen Kaffee, sondern von kleinen Genossenschaften, ohne Kinderarbeit, zu fairem Preis. „Das ist die Suchmaschine“, schwärmt Kroll, „die ein ethischeres Kosumverhalten bewirken kann“.

Ecosia in Zahlen

Die Suchmaschine wickelt nach eigenen Angaben etwa 0,1 Prozent der Suchanfragen in Deutschland ab. Sie habe täglich etwa eine Million aktiver Nutzer, auf rund sechs Millionen Geräten sei sie installiert. Der Betrieb legt seine Finanzen offen. In einem typischen Monat beträgt der Umsatz rund 700.000 Euro, wovon beispielsweise 320.000 in Baum-Pflanzungen fließen, die andere Hälfte unter anderem in Rücklagen, Betriebskosten, Gehälter und Marketing. Bisher wurden insgesamt knapp sieben Millionen Euro in Bäume investiert. Die Firma schreibt nach eigenen Angaben schwarze Zahlen und hat keine Schulden.

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