Handwerkspräsident Joachim Krimmer: „Die Politik sollte dem Wissen der Handwerker vertrauen“

Chefreporterin

Das Handwerk brummt – gleichzeitig leiden viele Betriebe unter den hohen Energiekosten. Handwerkspräsident Joachim Krimmer erklärt, was die Unternehmerinnen und Unternehmer ärgert und was sie jetzt brauchen – und warum es sich für junge Menschen lohnt, einen Handwerksberuf zu ergreifen.

Herr Krimmer, Wirtschaftsminister Robert Habeck hat für seine Aussagen viel Gegenwind von den Handwerkern bekommen. Wie zufrieden sind Sie mit seiner Politik?

Es gab zurecht Kritik an seiner Aussage, die Betriebe könnten, wenn sie die Energiekosten nicht mehr stemmen könnten, einfach aufhören zu arbeiten, ohne in die Insolvenz zu gehen. Das funktioniert in der derzeitigen Situation natürlich nicht, denn ein Arbeitgeber hat Verpflichtungen gegenüber Mitarbeitern und er hat weiterhin laufende Kosten, beispielsweise für die Miete. Wenn zum Beispiel ein Bäckermeister die Preise erhöht, verkauft er weniger. In Summe bleibt der Umsatz bestenfalls gleich. Die Kosten haben sich aber vervielfacht. Der Gewinn ist weg.

Die Handwerker wurden beim Entlastungspaket vergessen. Jetzt hat Habeck nachgebessert. Also alles gut?

Härtefallhilfen für energieintensive Handwerksbetriebe wie Bäcker, Metzger oder Wäschereien sind richtig und notwendig. Betriebe brauchen auch die angedachte Energiepreisbremse. Entscheidend ist jetzt, die Liquidität der Betriebe zu sichern. Denn Handwerker sind für die Gesellschaft ebenso systemrelevant wie Gaslieferanten. Ich habe jedoch meine Zweifel, ob die Hilfen zielgenau und vor allem schnell und direkt bei den Betroffenen ankommen. Außerdem sind die Voraussetzungen im Energiekostendämpfungsprogramm sehr schwammig gefasst und schwer verständlich.

Was ist Ihr Vorschlag?

Es gebe einfach umsetzbare Entlastungsmöglichkeiten, etwa durch die Befreiung von den Einkommens- und Umsatzsteuervorauszahlung oder den Abbau von unnötigen Dokumentationspflichten. Bäcker müssen beispielsweise die Temperatur in den Kühlräumen täglich handschriftlich dokumentieren. Solche Entlastungen würden den Staat keinen Cent kosten. Warum man das nicht macht, erschließt sich mir nicht.

Kürzlich hat die Kreishandwerkerschaft Rems öffentlich kritisiert, die Politik würde Panikmache betreiben. Es sei nicht sinnvoll, eine erst vor wenigen Jahren eingebaute Gasheizung auszutauschen.

Die Betriebe haben Recht. In Altbauten ist der Austausch der Heizkessel gegen eine Wärmepumpe oft nicht die sinnvolle Lösung. Hier brauchen wir individuelle Lösungen. Da sollte die Politik mehr auf das Wissen und die Erfahrung der Handwerker vertrauen. Derzeit sind viele Kunden sehr verunsichert darüber, welche Maßnahmen jetzt richtig sind und was überhaupt kurzfristig machbar ist. Einen 30 Jahre alten Gas- oder Ölkessel gegen einen neuen austauschen zu lassen, wäre relativ schnell umsetzbar und die Kosten überschaubar. Damit könnte man leicht ein Viertel des Verbrauchs sparen. Der Gesetzgeber schreibt jedoch begleitende Maßnahmen vor, wie etwa den gleichzeitigen Austausch der Fenster oder eine Wärmedämmung. Das ist vielen einfach zu aufwändig und zu teuer, dann lassen sie es ganz.

Soll die Politik besser keine Vorgaben machen, um die Energiewende voranzutreiben?

Das würde ich nicht sagen. Allerdings sollten diese Vorgaben verlässlich sein. Das Problem ist, dass sie ständig geändert werden. Das verunsichert die Kunden und erschwert den Handwerksbetrieben die Planung. Wie sollen wir planen, wenn sich Förderrichtlinien von einem Tag auf den nächsten Tag ändern, wie kürzlich bei der Kfw-Förderung für energieeffizientes Bauen? Wir Handwerker sind die Macher und Umsetzer der Energiewende. Wir wollen mitschaffen, aber wir müssen betrieblich planen können.

Bei vielen Handwerkern brummt das Geschäft. Gibt es wirklich Grund zu jammern?

Ich vertrete als Handwerkspräsident die ganze Bandbreite des Handwerks. Das reicht vom Hausbau bis zu den Gesundheitshandwerken. Betriebe im Sanitär-, Heizungs- und Elektro-Handwerk kommen mit den Aufträgen nicht hinterher. In den Bau- und Ausbaugewerken spürt man schon einen Rückgang, weil nun wegen der Preisentwicklung weniger gebaut wird. Die Lage im Lebensmittelhandwerk ist dann nochmal eine andere. Hier herrscht ein harter Wettbewerb. Insgesamt ging es dem Handwerk in den vergangenen Jahren sehr gut. Doch momentan sind viele Betriebe von den schwankenden Kosten betroffen und eine verlässliche Angebotskalkulation ist wegen der Unsicherheiten am Markt oft nicht möglich.

Was bedeutet das für die Kunden?

Die meisten Handwerker vereinbaren keine Festpreise mehr, weil etwa die Materialpreise zu stark schwanken. Außer den explodierenden Kosten für Material und Energie haben wir auch einen großen Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Es fehlen schlicht genügend Handwerkerinnen und Handwerker, die die Kundenaufträge abarbeiten. Für die Kunden bedeutet das häufig deutlich längere Wartezeiten.

Müssen es sich die Betriebe nicht selbst zuschreiben, wenn sie zu wenig Personal haben?

Es wäre falsch, den Betrieben den Schwarzen Peter allein zuzuschieben. Denn Handwerksbetriebe wollen ausbilden. Wenn junge Menschen ein Handwerk erlernen, steht ihrem Erfolg nichts im Wege. Statt auf der Straße gegen den Klimawandel zu demonstrieren, können sie als Handwerker sehr viel zur Energiewende beitragen.

Warum gibt es dennoch zu wenige Bewerber?

Wir müssen die Vorzüge einer handwerklichen Ausbildung sichtbarer machen. Corona hat uns hier zurückgeworfen. Die klassischen Kennenlernwege zwischen uns Handwerksbetrieben und den Schülern waren versperrt. Das merken wir auch heute noch. Deshalb wollen wir an Schulen wieder präsenter sein, auch an den Gymnasien. In unserem Kammergebiet zwischen Ulm und Bodensee haben mehr als 17 Prozent der Azubis Abitur, Tendenz steigend. Außerdem muss die Politik dafür sorgen, dass Ausbildung und Studium tatsächlich gleichgestellt werden. Wir müssen deutlich machen: Handwerker tragen wesentlich zu Wohlstand und Lebensqualität bei. Es macht glücklich, ein Handwerker zu sein.

Zur Person

Joachim Krimmer (66) führt mit seinem Sohn die Otto Krimmer GmbH & Co. KG in Leutkirch mit 28 Mitarbeitern. Der verheiratete Familienvater von drei Kindern ist gelernter Zentralheizungs- und Lüftungsbaumeister und hat den Sanitär- und Heizungsbaubetreib 1982 in dritter Generation übernommen. Seit 2014 ist Krimmer ehrenamtlicher Präsident der Handwerkskammer Ulm, die rund 140 Mitarbeiter hat und rund 20.000 Betriebe vertritt. Berufliche Bildung ist sein Herzensthema. Krimmer ist Vorsitzender des Landesausschusses Bildung in Baden-Württemberg. Es ist mit sein Verdienst, dass 2019 in Baden-Württemberg die Meisterprämie für Handwerksmeister eingeführt worden ist. (sz)

Tag des Handwerks

Am Samstag, 17. September, ist der „Tag des Handwerks“. Ob das Brötchen beim Bäcker, die Brille beim Optiker, der Ring beim Goldschmied oder beim Reparieren der Klospülung: Rund 120 000 Handwerkerinnen und Handwerker versorgen die Menschen zwischen Ostalb und Bodensee tagtäglich mit verschiedensten Leistungen. Die knapp 20 000 Handwerksbetriebe sind unverzichtbar für die Region. Das Handwerk bietet 130 verschiedene Ausbildungsberufe. Über die Möglichkeiten, die das Handwerk jungen Menschen bietet, und wie Handwerkerinnen und Handwerker ihren Beitrag zur Gemeinschaft leisten, informiert der der bundesweite Aktionstag bereits zum zwölften Mal. (sz)

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