Handtmanns Familiencharta regelt die Generationenfolge

Lesedauer: 7 Min
Handtmanns Familiencharta regelt die Generationenfolge
Schwäbische Zeitung
Rolf Dieterich

Es sollte nur ein Anruf bei der Sekretärin sein zur Absprache eines Gesprächstermins mit dem Beiratsvorsitzenden. Aber die Vorzimmerdame stellte das Telefonat sofort durch zu ihrem Chef. Ein besonders erwähnenswerter Vorgang? Wohl kaum, gäbe es da nicht zwei bemerkenswerte Umstände. Erstens war es noch ausgesprochen früh an diesem Morgen, und zweitens hat der Chef, um den es hier geht, vor ein paar Wochen bereits seinen 85. Geburtstag gefeiert. Aber bei Arthur Handtmann kann von Ruhe und Schonung nicht die Rede sein, obwohl er beides nach einem langen und sehr erfolgreichen Arbeitsleben mehr als verdient hätte. Er sei jeden Morgen so zeitig in seinem Büro, lässt er den etwas überraschten Anrufer wissen, und bleibe dort meist auch sechs bis acht Stunden.

Dass Arthur Handtmann ein besonders aktiver Beiratsvorsitzender ist, weiß und bewundert man in oberschwäbischen Wirtschaftskreisen schon lange, und man ist auch überzeugt, dass das Management der Firma Handtmann dankbar ist für den Rat des Seniors, der über eine mehr als 65-jährige unternehmerische Erfahrung verfügt. Wie sehr Arthur Handtmann sein Betrieb auch im hohen Alter noch am Herzen liegt, zeigt sich daran, dass er, wie er beiläufig erzählt, seinen Gewinnanteil stets zu 100 Prozent an den Betrieb zurückgibt. In seinem Unternehmerleben hat Arthur Handtmann gelernt, wie wichtig und beruhigend eine hohe Eigenkapitalquote ist. Sie liegt bei 60 Prozent.

Der Erhalt der Firma als unabhängiges Familienunternehmen hat für Arthur Handtmann höchste Priorität. Er und seine Frau Ilse haben einen Sohn, der die vierte Generation in der Geschäftsführung verkörpert, und zwei Töchter sowie 17 Enkel. Das Familienoberhaupt erzählt, dass alle seine Enkel, was immer sie auch für Berufsvorstellungen haben, auf ihre künftige Rolle als Anteilseigner vorbereitet werden. Sie hätten das Glück, in eine wohlhabende Familie hineingeboren worden zu sein, dies bedeute für sie aber auch eine Verpflichtung. Damit der nächste Generationenwechsel wiederum so verlaufen kann, wie es für das Unternehmen am besten ist, hat die Familie Vorsorge getroffen. Bei Eignung und Neigung von Mitgliedern der fünften Generation richtet sich eine mögliche Berufung in die unternehmerische Verantwortung nach den Regeln einer speziellen Familiencharta. In dieser sind auch die Philosophie und das Wertesystem des Unternehmens für alle Entscheidungsträger verbindlich festgeschrieben.

Die Verpflichtung, von der Arthur Handtmann spricht, hat viel mit der langen Tradition dieses oberschwäbischen Familienbetriebs zu tun. Begonnen hatte es 1873, als der Glockengießer und Mechanikermeister Christoph Albert Handtmann in Biberach eine Messinggießerei und Mechanische Werkstätte gründete. Es wurden Armaturen für Obstbranntweinbrennereien, Sudhäuser und Bierlagerfässer produziert. 1919 übernahmen die Söhne des Gründers, der Gelbgießermeister Karl Albert und der Kaufmann Adolf Karl Handtmann, gemeinsam den Betrieb, ab 1944 führte ihn Adolf Karl allein. Aber immer war es ein reines Handwerksunternehmen, auch noch als Arthur Handtmann, der heutige Senior, 1946 als Gesellschafter eintrat. Er war damals – gerade 19 Jahre alt – aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und sah es als seine Pflicht an, als einziger seinen Eltern noch verbliebener Sohn ins Geschäft einzusteigen, auch um 18 Mitarbeitern die Arbeitsplätze zu erhalten.

Nach zum Teil etwas abenteuerlichen Anfängen gelang Arthur Handtmann im Laufe der Jahrzehnte der Aufbau einer international aufgestellten Unternehmensgruppe, die heute zu den bedeutendsten auf einer Reihe ihrer Märkte und zu den größten Familienbetrieben der Region zählt. Unter dem Dach der Albert Handtmann Holding GmbH & Co. KG, die von Arthur Handtmanns Sohn Thomas geleitet wird, arbeiten mehrere operative Gesellschaften. Da ist zunächst das Metallgusswerk, das mit seinen Leichtmetallgussteilen vor allem als Zulieferer der Automobilindustrie tätig ist, ferner die Maschinenfabrik als Weltmarktführer für die Herstellung von Vakuumfüllern und Portioniersystemen für die Nahrungsmittelindustrie. Die Armaturenfabrik liefert Komponenten und Anlagen für die Getränkeindustrie, für die Pharmazie und die Biotechnologie sowie die chemische Industrie. In den Bereichen Kunststofftechnik und Systemtechnik sind zwei weitere Gesellschaften engagiert. Sie alle haben ihren Sitz in Biberach. Nicht sehr weit davon entfernt, in Baienfurt bei Ravensburg, stellt die 1989 übernommene Firma A-Punkt Automation GmbH Bearbeitungszentren her, wobei die großen Flugzeugbauer zu den wichtigsten Kunden gehören.

Seit 1992 hat Handtmann mit einer Leichtmetallgießerei im sächsischen Annaberg einen Standort in den neuen Bundesländern. Heute ist Handtmann in mehr als 100 Ländernpräsent. Im vergangenen Jahr kam die Gruppe mit ihren 2700 Mitarbeitern auf einen Umsatz von 552 Millionen Euro.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen