Handelskette bringt „Eier ohne Kükentöten“ auf den Markt

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Männliche Küken werden millionenfach getötet. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Egal, ob es um die Tötung von Millionen männlicher Küken am ersten Lebenstag oder um die betäubungslose Kastration von Ferkeln geht: Der Umgang mit Schweinen, Rindern und Hühnern in der Massentierhaltung verdirbt immer mehr Verbrauchern den Appetit. Das spüren auch die deutschen Lebensmittelhändler. Sie versuchen - werbeträchtig - Abhilfe zu schaffen und lassen dabei inzwischen die Politik oft alt aussehen.

Das jüngste Beispiel: Rewe. Der Handelsriese hat sich in den vergangenen Jahren aktiv in den Kampf gegen das millionenfache Kükentöten eingeschaltet. Der Hintergrund: Jedes Jahr werden in Deutschland rund 45 Millionen männliche Küken am ersten Lebenstag vergast. Denn ihre Aufzucht ist unwirtschaftlich - sie legen keine Eier und setzen nur schlecht Fleisch an.

Um die Massentötung zu beenden, gründete Rewe zusammen mit holländischen Bruttechnik-Experten die Gemeinschaftsfirma Seleggt. Das Ziel: Eine an der Universität Leipzig entwickelte Technik, um die Geschlechtsbestimmung schon im Brut-Ei marktreif zu machen. Mit einem Laser wird dabei ein winziges Loch in die Schale gebrannt. So kann dem Ei Flüssigkeit entnommen und auf Geschlechtshormone getestet werden. Ausgebrütet werden nur noch Eier, aus denen Hennen schlüpfen. Die übrigen werden zu Tierfutter verarbeitet - zu einem Zeitpunkt, an dem die Hühnerembryos Rewe zufolge noch kein Schmerzempfinden haben.

Am Donnerstag brachte der Handelsriese in Berlin die ersten „Eier ohne Kükentötung“ auf den Markt. Bis Ende kommenden Jahres sollen sie in allen deutschen Rewe-Läden und den Filialen des konzerneigenen Discounters Penny angeboten werden. Der 6er-Pack koste zehn Cent mehr als ein 6er-Pack Freilandeier, kündigte Rewe an.

Männliches Küken
Ein männliches Hühner-Küken sitzt auf einer Hand. (Foto: Peter Endig/Archiv / DPA)

„Unser Ziel ist es das Kükentöten in Deutschland völlig abzuschaffen“, betonte der für das Projekt zuständige Rewe-Manger und Seleggt-Geschäftsführer Ludger Breloh. Das Unternehmen wolle die Technik deshalb „den Brütereien kostenneutral zur Verfügung stellen“. Indes besteht bei der Technik noch hier und da Verbesserungsbedarf, um die Methode serienreif zu machen. Deshalb werde es wohl noch „einige Jahre“ dauern, bis das Kükentöten wirklich Vergangenheit sei.

„Sobald allen das Verfahren zur Verfügung steht und alle Brütereien mit der Methode arbeiten, gibt es keinen Grund und keine Rechtfertigung mehr für das Kükentöten“, betonte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU). Es stehe aber noch nicht fest, ob die Betriebe zur Nutzung der neuen Methode verpflichtet würden. Zunächst will die Ministerin auf eine „freiwillige Verpflichtung“ setzen.

Die Politik ist in diesem Falle mit an Bord. Denn das Bundeslandwirtschaftsministerium hat die Entwicklung neuer Technologien zur Früherkennung des Geschlechts von Küken in den vergangenen Jahren mit Millionen gefördert.

Doch in anderen Fällen warten die Handelsriesen längt nicht mehr auf Vorgaben aus Berlin oder Brüssel. Die Bundesregierung etwa verschob erst vor wenigen Tagen das ursprünglich für Januar geplante Verbot der Kastration von Ferkeln ohne Betäubung um zwei Jahre. Der schmerzhafte Eingriff soll vermeiden, dass Fleisch von Ebern einen strengen Geruch oder Beigeschmack bekommt. Ohne eine Fristverlängerung drohten kleinen Höfen unlösbare Probleme, sagte die Unionspolitikerin Gitta Connemann.

Greift der Kunde für das Tierwohl tiefer in die Tasche?

Doch viele Handelsketten sind nicht so geduldig. Lidl akzeptiert nach eigenen Angaben seit 2014 kein Frischfleisch von betäubungslos kastrierten Tieren mehr. Aldi duldet die Praxis bei seinen Lieferanten seit 2017 mit wenigen Ausnahmen nicht mehr. Auch bei Rewe hat nach Unternehmensangaben „die Mehrheit der Zulieferbetriebe“ Wege gefunden, auf die betäubungslose Kastration der Tiere zu verzichten.

Und auch bei der Einführung von Haltungskennzeichnungen preschen die Handelsketten voran. Während Berlin zögert, begann Lidl im Frühjahr bei Frischfleisch und Geflügel mit der Einführung einer vierstufigen Kennzeichnung, die auf den ersten Blick Auskunft über die Haltungsbedingungen der Tiere gibt. Der Kunde hat so die Wahl, ob er für das Tierwohl etwas tiefer in die Tasche greift oder nicht. Wenig später folgten Aldi, Netto, Penny, Kaufland und im Oktober Rewe.

Die Handelsketten haben gute Gründe für ihren Einsatz. „Die Verbraucher erwarten mehr Engagement des Einzelhandels beim Thema Tierschutz. Denn sie wollen beim Einkauf kein schlechtes Gewissen haben“, erklärt der Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU.

Bei Tierschützern finden die Bemühungen der Händler Anerkennung. „Wir sind natürlich froh, wenn einzelne Handelsketten die Initiative ergreifen und für mehr Tierschutz bei ihren Lieferanten sorgen“, betont Claudia Salzborn vom Deutschen Tierschutzbund. Dennoch schränkt die Agrarexperte ein: „Grundsätzlich wären uns gesetzliche Regelungen lieber, an die sich dann wirklich alle halten müssen.“

Die Tierschützer stört ohnehin weiter die Preispolitik der Händler. „Tierschutz kostet Geld. Die Händler müssen hier wegkommen von ihrer Billigmentalität und dem Versuch, die Preise immer weiter zu drücken“, fordert Salzborn. „Den Preis für Billigangebote zahlt in der Landwirtschaft am Ende immer das Tier.“

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