Eurostar-Jubiläum: Mit 300 Stundenkilometern durch Europa

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Der Eurostar hat im Jahr 2018 rund elf Millionen Passagiere transportiert. Das war ein neuer Rekord.
Der Eurostar hat im Jahr 2018 rund elf Millionen Passagiere transportiert. Das war ein neuer Rekord. (Foto: Imago images)
Volontärin
Uli Hesse, Julia Naue und Helen Belz

Rund 700 Passagiere waren an Bord, an diesem Morgen vor 25 Jahren. Am 14. November 1994 verließ der erste Eurostar London mit dem Ziel Paris. „Vom Bahnhof Waterloo ging es pünktlich los“, erinnert sich der damalige Zugführer Bob Priston in der britischen Zeitung „Guardian“. „In Nordfrankreich beschleunigten wir auf 300 Stundenkilometer. Wir waren uns bewusst, dass es ein historischer Moment war.“ Nichts durfte schiefgehen. Nach einer dreistündigen Fahrt erreichte der Eurostar den Bahnhof Gare du Nord in Paris.

Die bekannteste und beliebteste Strecke ist Paris-London, aber längst nicht die einzige. Im Sommer betreibt Eurostar auch Strecken bis nach Marseille und im Winter bis Bourg-Saint-Maurice.

Nur wenige Monate nach der Eröffnung des Eurotunnels nahm er den Betrieb auf. Der rund 37 Kilometer lange Tunnel unter dem Ärmelkanal ist nicht nur der längste Unterwassertunnel der Welt, sondern auch Großbritanniens direkte Verbindung zum Kontinent. Für Reisende bietet er eine Alternative zum Flugzeug. Und viele Gegenden hat ein Stopp des Schnellzugs neu belebt – denn der Eurostar hält nicht nur in den Metropolen.

Damals schlich der Zug noch durch Südengland, bis er nahe Folkestone in den Eurotunnel verschwand. Erst 2007 wurde die Hochgeschwindigkeitsstrecke High Speed 1 auf britischer Seite komplett ausgebaut und die Fahrtzeit auf nun zwei Stunden und 15 Minuten von London nach Paris verringert. Das ist etwa eine Stunde weniger als noch zu Beginn. Im Jahr 2018 reisten 22 Millionen Passagiere durch den Eurotunnel; davon rund elf Millionen mit dem Eurostar – so viele wie nie zuvor. Der Umsatz stieg dadurch um zwölf Prozent auf 989 Millionen Pfund (1,1 Milliarden Euro), der operative Gewinn sogar um gut zwei Drittel auf 97 Millionen Pfund. Seit 2010 macht Eurostar Gewinn.

Doch die Zukunft hält eine große Herausforderung bereit: den Brexit. Sollte Großbritannien die Europäische Union ohne Deal verlassen, rechnen die Autoren eines Regierungsberichts mit „Chaos“ am Londoner Eurostar-Terminal, wie die „Financial Times“ berichtete. Im schlimmsten Fall müssten täglich bis zu 15 000 Passagiere anderthalb Kilometer lang Schlange stehen. Dazu käme es, wenn Frankreich britische und Nicht-EU-Reisende strengen Passkontrollen unterziehe. Möglicherweise würde auch die Zahl der Geschäftsreisen zurückgehen. Derzeit sind 60 Prozent aller Reisenden wochentags geschäftlich unterwegs. Eurostar selbst rechnet allerdings nicht mit einem Einbruch der Zahl der Reisenden. „Brexit oder nicht – es wird immer eine Nachfrage für unseren Service geben“, sagte Mike Cooper, Eurostar-Vorsitzender, kürzlich der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“.

„Für den deutschen Markt hat der Zug ja nicht so eine große Bedeutung“, sagt Tourismusexperte Torsten Kirstges. Er ist Professor für Tourismusmanagement an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Das liege vor allem daran, dass es von Deutschland aus nicht besonders praktisch sei, über Frankreich nach London zu fahren. Dass der Eurostar nicht unbedingt für deutsche Reisende ausgelegt sei, zeige schon die Internetseite. Die kann man in verschiedenen Sprachen aufrufen – englisch, französisch, niederländisch. Deutsch ist nicht dabei. Die Zahlen geben ihm recht: Nur rund 240 000 Eurostar-Trips beginnen oder enden in Deutschland, wie aus einem Bericht der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young hervorgeht.

Einst träumte man von ICE-Verbindungen nach London – doch dazu ist es nicht gekommen. Zwar absolvierte 2010 ein ICE eine Testfahrt durch den Tunnel, doch der kommerzielle Verkehr damit wurde nie aufgenommen. Direktverbindungen nach London von Frankfurt oder Köln – kommt das irgendwann? Der Ausblick der Deutschen Bahn ist mehr als verhalten. Grundsätzlich sei das von Interesse, teilte das Unternehmen mit. Allerdings seien noch nicht alle Züge und Strecken mit einem entsprechenden Zugsicherungssystem ausgestattet, davon hänge aber eine Zulassung der ICE-Züge ab. Details zum Zeitplan könne man nicht nennen.

Doch warum den Zug nehmen, wenn man von Paris nach London auch in gut einer Stunde fliegen kann? „Der Zug ist schon allein deshalb eine große Zeitersparnis, weil man direkt in den Metropolen ankommt und nicht an einem Flughafen außerhalb“, sagt Experte Kirstges.

Einchecken und Passkontrolle fallen aber auch beim Eurostar nicht komplett weg. Wer den Zug nimmt, muss auch zeitiger kommen – zwischen 45 und 60 Minuten vorher werden empfohlen. Ohne Personalausweis oder Pass geht in Paris nichts, denn Großbritannien gehört nicht zum Schengenraum. Den langen Weg zu den Pariser Flughäfen kann man sich allerdings sparen. Ein weiterer Vorteil: Der Zug ist deutlich umweltfreundlicher als das Flugzeug. Statt eines ökologischen Fußabdrucks von 64,2 Kilogramm Kohlendioxid für den Flug von London nach Paris belastet die Zugreise die Umwelt nach Angaben von Eurostar nur mit 4,1 Kilogramm CO2 pro Person.

Durch die Kombination der Netze sollen noch mehr Menschen vom Flieger auf den Zug wechseln. So hatte die französische Staatsbahn SNCF jüngst angekündigt, eine Fusion ihrer Tochtergesellschaften Eurostar und Thalys zu planen. Thalys verbindet etwa Frankreich, Belgien, die Niederlande und Nordrhein-Westfalen. Bis 2030 soll so die Zahl der Reisenden von 18,5 Millionen auf 30 Millionen steigen, lautet das Ziel der Betriebsgesellschaft Eurostar. Zusammen betreiben die beiden Tochtergesellschaften der SNCF täglich 112 Züge – 50 davon fahren zwischen der französischen und britischen Hauptstadt hin und her. Im Vergleich aller Transportmittel hält Eurostar allein auf dieser Strecke einen Marktanteil von 80 Prozent.

Seit der ersten Fahrt des Eurostars hat sich viel getan. So wurde das Streckennetz erweitert, aber auch in puncto Design ist vieles anders. Der damalige Schaffner Tom Wolfe erinnert sich im „Guardian“ noch an die ersten Uniformen: Sie waren kanariengelb. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens von Eurostar setzte der damalige Kreativdirektor Christopher Jenner auf Retro. Die neue Londoner Schalterhalle in St. Pancras kombiniert Jugendstil und viktorianische Gotik und soll an das „goldene Zeitalter des Reisens“ erinnern.

Tourismusexperte Kirstges hofft, dass künftig in Europa verstärkt auf den Zug gesetzt wird. „Da ist doch der Geburtstag des Eurostar auch ein Denkanstoß – gerade wenn das Fliegen auf kurzer Strecke immer mehr unter Beschuss gerät.“

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