EU-Verbot zum Präparieren von Saatgut: Bittere Zeiten für Zuckerproduzenten

Lesedauer: 7 Min
 Landwirt Fritz Riesch, aufgenommen in einem seiner Zuckerrübenfelder bei Ditzingen.
Landwirt Fritz Riesch, aufgenommen in einem seiner Zuckerrübenfelder bei Ditzingen. (Foto: Christoph Schmidt)
Deutsche Presse-Agentur
Julia Giertz

Die Zuckerrüben auf dem Feld von Bauer Fritz Riesch sehen auf den ersten Blick prächtig aus: In sattem Grün zeigt sich der Acker nach dem vielen Regen des Frühsommers im baden-württembergischen Ditzingen. Doch der Schein trügt.

Wenn Riesch das Blatt einer Pflanze umdreht, sieht er Beunruhigendes: dunkle Pünktchen. Es sind zig schwarze Bohnenläuse, die sich am Pflanzensaft laben. Auf das Konto von Schädlingen wird nach Einschätzung von Julian Müller vom Landesverband der Zuckerrübenanbauer bei der diesjährigen Ernte ein Schwund von zehn Prozent gehen. Doch das ist nur eine von vielen Schwierigkeiten der deutschen Rübenanbauer.

Eine Verschlimmbesserung und für mich deutlich mehr Arbeit.

Bauer Fritz Riesch

Für einige davon machen die Landwirte die EU verantwortlich. So hat sie das Präparieren des Saatgutes mit einigen Neonikotinoiden verboten. Diese sogenannten Neoniks sind Insektizide und gelten als schädlich für Bienen. Aber ohne die Vorbehandlung befallen laut Riesch Schädlinge die Felder.

Er glaubt, nun nachträglich auf seinen zwölf Hektar Rüben großflächig Insektizide einsetzen zu müssen, wenn die Läuse überhand nehmen. „Eine Verschlimmbesserung und für mich deutlich mehr Arbeit“, findet der Landwirt. Besonders ärgert ihn, dass mehrere EU-Staaten die Neoniks mit Sondergenehmigungen weiter zulassen.

Die Rüben werden schon vor dem Blühen geerntet.

Sandra Golz, Sprecherin des Branchenverbands Wirtschaftliche Vereinigung Zucker

Auch der Branchenverband Wirtschaftliche Vereinigung Zucker sieht das kritisch: Die Landwirte müssten teurere, aber weniger wirksame Chemikalien spritzen. Und die Bienen, deren Wohlergehen die EU im Sinn hatte, profitierten von der Vorschrift gar nicht. „Die Rüben werden schon vor dem Blühen geerntet“, erläutert Verbandssprecherin Sandra Golz.

Riesch und die bundesweit 26.500 anderen Zuckerrübenanbauer, davon 2300 im Südwesten, tragen zur Versorgung Deutschlands mit Zucker bei. Jährlich isst jeder Deutsche nach Angaben des Branchenverbands im Schnitt 18 bis 20 Kilo Zucker – der einst als „weißes Gold“ galt. Heute kostet ein Kilo im Supermarkt manchmal nicht einmal 60 Cent. In der EU liegt der Zuckerpreis mit 314 Euro pro Tonne auf einem Allzeittief, Mitte 2017 kratzte der Wert noch an der 500-Euro-Marke. Grund: der Wegfall der EU-Zuckermarkt-Ordnung Ende 2017.

Das bis dahin geltende System von nationalen Zuckerquoten und Rübenmindestpreisen diente der Selbstversorgung der Europäer mit Zucker – und sicherte Riesch und seinen Kollegen ein gutes Auskommen.

Bei 25 Prozent der Anbaufläche habe die Rübe 50 Prozent des Umsatzes im Ackerbau eingebracht, erzählt Riesch. Kritiker sahen die Quote hingegen als Einschränkung des Wettbewerbs, manch einer sprach sogar von einem „planwirtschaftlichen“ System.

Wir fordern die Politik auf, die Wettbewerbsnachteile durch gleiche Bedingungen aufzuheben, das gilt für den Umgang mit Neonikotinoiden wie für die Subventionen.

Sandra Golz, Sprecherin des Branchenverbands Wirtschaftliche Vereinigung Zucker

Riesch hält dagegen die Liberalisierung des Marktes für unfair. Denn einige EU-Staaten – etwa Rumänien –zahlten Rübenbauern sogenannte gekoppelten Zahlungen, also Zuschüsse. „Wir fordern die Politik auf, die Wettbewerbsnachteile durch gleiche Bedingungen aufzuheben, das gilt für den Umgang mit Neonikotinoiden wie für die Subventionen“, sagt Verbandssprecherin Golz.

Als neuer Konkurrent tritt der südamerikanische Staatenbund Mercosur auf: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Die EU und Mercosur wollen gemeinsam die größte Freihandelszone der Welt aufbauen und hatten die Verhandlungen dazu unlängst abgeschlossen. Wegen des großen Produktionsvolumens in der Freihandelszone können Kostenvorteile etwa bei Rindfleisch, Geflügel und Zucker letztlich dem Verbraucher zugute kommen. Auch die deutsche Wirtschaft verspricht sich davon eine Menge.

Der weltweit größte Produzent Südzucker aus Mannheim hingegen befürchtet Nachteile: „Wir gehen davon aus, dass größere Mengen aus dieser Region — im Volumen einer deutschen Zuckerfabrik — auf den Markt kommen und die heimische Produktion verdrängen“, sagt Sprecher Dominik Risser.

Die aus Branchensicht schwierige Gemengelage schlägt sich auch in den Büchern der Abnehmer wie Südzucker nieder, den auch Riesch beliefert. Der Konzern rechnet für 2019/20 mit einem Umsatz von 6,7 bis 7 Milliarden Euro und mit einem Konzernergebnis von 0 bis 100 Millionen Euro, wobei sie im Segment Zucker 200 bis 300 Millionen Verlust erwarten.

Das Unternehmen schließt nun fünf Fabriken in Polen, Frankreich und Deutschland, um 700 000 Tonnen Produktionskapazitäten Zucker aus dem europäischen Markt zu nehmen. „Da entstehen Härten, aber was will man sonst machen“, sagt Riesch mit Blick auf betroffene Kollegen. Er selbst ist froh, dass er seine diesjährige Ernte an eine von sieben verbleibenden Südzucker-Fabriken in Offenau nördlich von Heilbronn verkaufen kann.

Bauer Riesch hat Glück, sein Hauptstandbein ist die Milchviehhaltung. Andere Kollegen seien stärker von der Rübe abhängig. Schon in den letzten drei Jahren haben sich bundesweit 2000 Landwirte von der Rübe verabschiedet. Riesch, Rübenbauer in dritter Generation, will seiner Feldfrucht noch möglichst lange treu bleiben. „Ich werde einer der Letzten sein, der aussteigt – mein Herz gehört der Rübe.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen