Ein IHK-Präsident mit Ecken und Kanten

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Sohn eines Familienunternehmers: Mitte der 1980er-Jahre stieg Peter Kulitz in das Unternehmen seines Vaters Günter ein.
Sohn eines Familienunternehmers: Mitte der 1980er-Jahre stieg Peter Kulitz in das Unternehmen seines Vaters Günter ein. (Foto: Alexander Kaya)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Der Ulmer IHK-Präsident Peter Kulitz (66) verabschiedet sich am Dienstag von der Spitze der Industrie- und Handelskammer in der Donaustadt: Nach 15 Jahren an der Spitze der Kammer war eine Wiederwahl nicht möglich. Einziger Kandidat für die Nachfolge Kulitz’ ist Jan Stefan Roell (63), Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall und Vorstandsvorsitzender der Zwick Roell AG in Ulm.

Mit Kulitz, der von 2010 bis 2016 auch Chef von Baden-Württembergs Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) war, verlässt ein ausgesprochen politisch denkender und handelnder Kammerfunktionär die Bühne: „USA werden weiter auf Freihandel setzen“, „Rasch Netzwerk für Digitalisierung schaffen“, „Wirtschaft fordert weitere Nachbesserungen bei Erbschaftssteuer“: So lauten nur einige Titelzeilen von Beiträgen der vergangenen Jahre, in denen Kulitz sich äußerte. Viel Ärger handelte er sich ein, als er an der Fassade der Ulmer Industrie- und Handelskammer ein Plakat mit Werbung für das umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“ aufhängen ließ: „Allerhöchste Eisenbahn“. Auf Druck der S-21-Gegner musste das Plakat schließlich entfernt werden.

Kämpfer für Südwest-Wirtschaft

„Ich war schon immer ein sehr politischer Mensch“, betont Kulitz. Den Einfluss auf die Politik hält er für sehr wichtig und lässt dafür selten Gelegenheiten verstreichen. „Ich möchte einfach kundtun, wo wir unsere Schwerpunkte legen, der Wirtschaft eine Stimme geben.“ Im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ sagte er: „Die IHK ist das wirtschaftspolitische Sprachrohr der regionalen Wirtschaft. Diese Funktion ist in konjunkturell guten Zeiten besonders wichtig, in denen politische Fehlentwicklungen erfahrungsgemäß eher in Gang gesetzt werden als in Krisenzeiten.“ Er könne nur davor warnen, aus dem jahrelangen Aufschwung die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die Politik für die Wirtschaft von untergeordneter Bedeutung sei. „Wenn wir gute Rahmenbedingungen erhalten und für die Zukunft noch ausbauen wollen, müssen wir heute als Wirtschaft unsere Sichtweise und Expertise in den politischen Diskurs einbringen.“

Der Sohn eines Familienunternehmers kam 1952 im bayerischen Mindelheim auf die Welt und erlernte erst den Beruf des Rechtsanwalts. Seine Kanzlei, in der er bis heute tätig ist, fusionierte 2016 mit einer befreundeten Ulmer Kanzlei. Er betreut in dieser Funktion Unternehmen in Aufsichtsräten und Beiräten. Mitte der 1980er-Jahre stieg er in das Unternehmen seines Vaters Günter ein: seit 1997 ist er geschäftsführender Gesellschafter der Esta Apparatebau in Senden (Bayern). Seit 2003 war er Ulmer IHK-Chef. Bei all den Aufgaben spendet ihm vor allem sein „intaktes Familienleben“ Kraft.

Kulitz ist ein marktliberaler Industrievertreter, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Stets warnt er vor überzogenen politischen Eingriffen und Bürokratielasten als Bürde für den Standort Baden-Württemberg. Charakteristisch war seine Dankesrede, nachdem ihm der damalige Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) 2016 das Bundesverdienstkreuz für seine „herausragenden Verdienste um die baden-württembergische Wirtschaft und Gesellschaft“ überreicht hatte. Kulitz sei ein leidenschaftlicher Kämpfer für den Standort Baden-Württemberg und gesellschaftlichen Zusammenhalt, sagte Schmid. Kulitz zeigte sich damals erfreut über die Auszeichnung – und kam dann zur Sache: Er wertete sie auch als generellen Appell an alle Bürger zu noch mehr gesellschaftlichem Engagement, etwa zur Flüchtlingsbetreuung. Der Manager hatte früh auf deren Fachkräftepotenzial hingewiesen. Trotz aller Schwierigkeiten dürfe man nicht nachlassen bei der Integration der Flüchtlinge, auch von kulturellen Differenzen dürfe man sich nicht entmutigen lassen. Aber: Er forderte vehement die Aussetzung des Mindestlohns für Flüchtlinge.

In der Wirtschaftsregion Ulm setzte Kulitz manchen Akzent. Zum Beispiel: Um das Land vor allem für ausländische Fachkräfte attraktiver zu machen, gründete der fünffache Vater die englischsprachige Internationale Schule Ulm. „Ich bin einer, der einfach gerne etwas anzettelt“, sagt Kulitz. Für die eigene Zukunft wünscht er sich, „dass es mir vergönnt ist, gesundheitlich und insgesamt so fit zu bleiben, dass man das eine oder andere noch bewirken und anschieben kann“.

Ganz aufgeben mag Kulitz seine Verbandstätigkeit nicht: „Seit 2017 bin ich Vorsitzender des Außenwirtschaftsausschusses des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und bin ehrenamtlich für 140 deutsche Außenhandelskammern und Delegiertenbüros in 96 Ländern zuständig. Da kommt schon per se keine Langeweile auf.“ Der Terminkalender sei voll – und auch die Visitenkarten, die Kulitz verteilt, vermelden das neue Amt.

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