Die fast unendliche Geschichte des Steinkohlekraftwerks Datteln

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 Uniper-Kraftwerk Datteln 4: Baubeginn war 2007, angefahren werden sollte der Block mit einer Leistung von rund 1100 Megawatt sc
Uniper-Kraftwerk Datteln 4: Baubeginn war 2007, angefahren werden sollte der Block mit einer Leistung von rund 1100 Megawatt schon 2011. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Claus Haffert

Mehr als 1,5 Milliarden Euro teuer und vielleicht eine Investitionsruine: In Datteln am Rande des Ruhrgebiets steht ein großes Steinkohlekraftwerk vor der Fertigstellung, das möglicherweise nie auch nur eine Kilowattstunde Strom liefern wird. Denn die Kohlekommission hat empfohlen, „bereits gebaute, aber noch nicht im Betrieb befindliche Kraftwerke“ gar nicht erst anzuschalten. Mit dem Eigentümer solle darüber eine Verhandlungslösung gefunden werden.

Der aus dem Energieriesen Eon hervorgegangene Versorger Uniper wollte mit Datteln 4, wie der Kraftwerksblock in Anlehnung an seine kleineren Vorgänger genannt wird, eigentlich schon seit Jahren Geld verdienen. Geplant worden war das Kraftwerk, als von einem schnellen Ende der Kohleverstromung in Deutschland noch kaum die Rede war. Baubeginn war 2007, angefahren werden sollte der Block mit einer Leistung von rund 1100 Megawatt schon 2011.

Doch eine Serie von Versäumnissen und Pannen hat dafür gesorgt, dass an dem Meiler noch immer gearbeitet und kein Strom produziert wird. Jahrelang stand die Baustelle wegen zahlreicher Verstöße gegen Auflagen bei Klima-, Natur-, und Lärmschutz sowie gegen die Vorgaben im Landesentwicklungsplan still. Die Fehler wurden nachträglich durch ein kompliziertes Verfahren ausgemerzt, erst im Januar 2017 gab es eine Genehmigung, der Bau konnte beendet werden.

Doch dann machten Materialmängel am Kraftwerkskessel Uniper einen Strich durch die Rechnung. Die Kesselwände müssen komplett ausgetauscht werden, angefahren werden kann das Kraftwerk deshalb erst 2020. Uniper musste wegen der Schäden bereits viele Millionen Euro abschreiben.

Von dem Projekt lassen will der Konzern aber nicht. Das Kraftwerk sei für die Unternehmensplanung sehr relevant. „Deshalb steht für uns die Inbetriebnahme von Datteln 4 nicht in Frage“, hat Vorstandsmitglied Eckhardt Rümmler unlängst erklärt. Energie- und klimapolitisch sei es nicht sinnvoll, „das modernste Kraftwerk nicht ans Netz zu bringen und dafür alte und deutlich stärker CO2-ausstoßende Kraftwerke weiter zu betreiben“. Die Zukunft von Datteln 4 dürfte auch Thema bei der Bilanzpressekonferenz von Uniper an diesem Dienstag sein.

Beim Umweltverband BUND findet Rümmler für sein Umwelt-Argument kein Verständnis. „Datteln 4 bleibt ein Klimakiller“, sagte der nordrhein-westfälische BUND-Landesgeschäftsführer Dirk Jansen. Ein endgültiges Aus des Kohlemeilers würde der Atmosphäre jährlich bis zu 8,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid ersparen.

Ob der Kohlestrom aus Datteln tatsächlich dauerhaft Abnehmer finden wird, ist nicht mehr sicher. Uniper hat zwar lang laufende Verträge mit zwei Großkunden, dem Stromkonzern RWE und der Deutschen Bahn, die den größten Teil der Produktion abnehmen sollen. Der RWE-Konzern, der bei der eigenen Erzeugung immer stärker auf Ökostrom setzt, will aber - auch wegen der Bauverzögerungen – aus dem Vertrag aussteigen und steht mit Uniper deswegen vor Gericht. Die erste Runde vor dem Landgericht Essen hat Uniper gewonnen, an diesem Donnerstag beginnt vor dem Oberlandesgericht in Hamm die Berufungsverhandlung.

Auch der Bahn, bei der nach eigenen Angaben der Ökostrom-Anteil im beschafften Strommix 2018 bei 57 Prozent lag und der weiter steigen soll, wird ein gesunkenes Interesse an fossilem Strom aus Datteln nachgesagt. Auf die Frage, ob die Bahn ebenfalls den Vertrag mit Uniper auflösen möchte, teilte eine Sprecherin lediglich mit: „Die DB äußert sich nicht zu Vertragsverhandlungen.“ Sie fügte allerdings hinzu: „Uniper ist seit 2011 mit der Errichtung des Kraftwerkes Datteln 4 in Verzug.“

Wie geht es also weiter? Verhandlungen über ein Aus für Datteln 4 dürften nicht einfach werden. Um das Kraftwerk „politisch stoppen zu wollen, müssten erhebliche rechtliche und finanzielle Hürden überwunden werden“, betonte Uniper-Vorstand Rümmler. Aber auch die Stadt Datteln meldet Ansprüche an. „Es kann ja nicht sein, dass nur die Unternehmen ihre Verluste gegengerechnet bekommen und die Städte und Regionen hinten runter fallen“, sagte Dattelns Bürgermeister André Dora (SPD). Dem Haushalt der Stadt drohten erhebliche Ausfälle bei der Gewerbesteuer, wenn das Kraftwerk nicht ans Netz gehe. Denn außer den Beschäftigten würden auch viele Betriebe in der Region, die für das Kraftwerk arbeiteten, hart getroffen werden.

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