Die Energiewende braucht Techniker und Handwerker – doch bei den Jungen sind die Jobs wenig beliebt

 In Berufen, die die Energiewende vorantreiben können, wie etwa dem Anlagenmechaniker für Klimatechnik (unten), fehlt Personal.
In Berufen, die die Energiewende vorantreiben können, wie etwa dem Anlagenmechaniker für Klimatechnik (unten), fehlt Personal. (Foto: ZVSHK/Amikishiyev/123rf.com)
Chefreporterin

Klimaschutz ist für die meisten Jugendlichen in Deutschland ein Top-Thema. Dafür geht die Fridays for Future Generation regelmäßig auf die Straße. Doch zeigt sich das auch bei der Berufs- und Studienwahl? Bisherige Erfahrungen machen Experten skeptisch. Handwerk und Industrie wollen den Trend künftig stärker als Chance nutzen.

Eines ist unbestritten: nur mit Fachkräften in ausreichender Zahl kann Deutschland die Energiewende schaffen. Um die im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziele zum Klimaschutz und zum sozialen Wohnungsbau zu erreichen, braucht es ab 2025 rund 400 000 Fachkräfte mehr. Das hat die Forscherin Anke Mönnig gemeinsam mit anderen Autoren in einer Studie für das Institut- für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ausgerechnet.

Beschäftigungszahlen im Sanitär- und Heizungsbau gehen zurück

Die Wirklichkeit ist davon noch ein gutes Stück entfernt. Im Sanitär- und Heizungsbau beispielsweise waren 2021 sogar deutlich weniger Menschen beschäftigt als noch vor zehn Jahren. Laut Statistischem Bundesamt ging die Zahl um 9,4 Prozent auf 275 000 Menschen zurück.

„Wir stehen vor einer riesigen Herausforderung“, sagt Tobias Maurer, geschäftsführender Gesellschafter der Maurer Gruppe aus Schramberg. Das Unternehmen ist mit mehreren Firmen und 500 Mitarbeitern in ganz Baden-Württemberg tätig und auf Energie- und Gebäudetechnik spezialisiert. Auf jedem neuen oder sanierten Gebäude soll künftig eine Solaranlage installiert werden – so die gesetzliche Vorgabe. „Das muss jemand machen“, sagt Maurer im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Zwar seien es „gute Zeiten“ für die Branche, doch es mangele am Nachwuchs. „Die Fridays for Future Generation zeigt bisher wenig Interesse an diesen Berufen“, so Maurer, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Industrieverbands Technische Gebäudeausrüstung Baden-Württemberg (ITGA) ist.

Studiengänge schwach nachgefragt

Die Studiengänge zu Energie- und Gebäudetechnik an den Hochschulen im Land von Biberach bis Mannheim seien für das kommende Wintersemester schwach nachgefragt. In Mannheim und Offenburg etwa sei erst ein Viertel der möglichen Studienplätze belegt. Wegen der schwachen Nachfrage hätten alle Hochschulen die Bewerbungsfrist von Mitte Juli bis Mitte September verlängert. Obwohl die Studiengänge heute mit zeitgemäßen Titeln wie „Nachhaltige Energiesysteme“ mehr Bewerberinnen und Bewerber locken wollen, bleiben diese fern.

Etwas besser sehe es in den Ausbildungsberufen aus. Doch die Betriebe könnten deutlich mehr Technische Systemplaner, Mechatroniker für Kälteschutz oder Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ausbilden, die Wärmepumpen planen und auch einbauen könnten. „Das sind Zukunftsberufe mit sehr guten Verdienstaussichten“. sagt Maurer. Man könne damit „jeden Tag ein Stück zu mehr Energieeffizienz beitragen“.

Zu der Frage: „Welche Rolle spielen Umwelt- und Klimaschutz bei der Berufswahl?“ stellt der Arbeitsmarktforscher Markus Janser fest, das Thema Klimaschutz beeinflusse stark die Ideale und Werte der jungen Generation. „Theoretisch müsste sich dies auch auf die Berufs- und Studienwahl junger Menschen auswirken“, so der Forscher. Es sei jedoch bekannt, „dass es beim Umweltschutz seit jeher eine große Lücke gibt zwischen der grundsätzlichen Bereitschaft und der tatsächlichen Verhaltensänderung.“

Dabei steigt die Zahl der Berufe mit Inhalten zum Klimaschutz deutlich an. Das hat der Forscher herausgefunden: „Waren 2012 noch etwa vier Millionen Menschen in solchen Berufen tätig, sind es 2020 schon rund sieben Millionen gewesen“, so Janser. Der Anstieg von 53 Prozent lag ihm zufolge deutlich über dem gesamten Beschäftigungswachstum von 13 Prozent in diesem Zeitraum. Klar sei jedoch: Idealismus genügt nicht. „Die Jobs müssen so attraktiv sein, dass sie auch für Menschen interessant sind, die nicht nach diesen Idealen streben“, sagt der Forscher.

Berufswahl fällt vielen schwer

Einer der Gründe, warum der Ansturm auf Berufe rund um Klima und Energie ausbleibt, könnte in mangelndem Wissen liegen. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung findet sich über die Hälfte der Jugendlichen in den vielfältigen Informationen zum Thema Berufswahl nur schwer zurecht. Für fast drei Viertel der Jugendlichen sind die Eltern die wichtigsten Unterstützer. Das hat Folgen: Wie Forscher der Organisation OECD in einer Analyse feststellten, wünschen sich rund 40 Prozent der Jugendlichen in Deutschland einen traditionellen Beruf wie Lehrer, Arzt oder Manager – Jobs eben, die man von den eigenen Eltern kennt.

Für gutes Geld und sichere Jobs ist die Metall- und Elektroindustrie bekannt. Doch die aktuelle Diskussion um mehr Klimaschutz und die Transformation zur E-Mobilität spielen ihr nicht in die Karten: „Der Zauber einer Berufsausbildung in der M+E-Industrie ist ein Stück weit verloren gegangen, obwohl eine solche Ausbildung unverändert attraktiv ist und sehr gute Perspektiven bietet“, sagt Stefan Küpper, Geschäftsführer beim Arbeitgeberverband Südwestmetall. Lag der Anteil der unbesetzt gebliebenen Ausbildungsstellen in den Mitgliedsunternehmen bis vor wenigen Jahren noch unterhalb von drei Prozent, erhöhte sich dieser Wert bis 2021 auf fast zehn Prozent. Gründe dafür sieht Küpper in der Unsicherheit durch die Transformation. Außerdem werde die „Industrie kritischer beurteilt zu den Themen Klimawandel und Energiewende“, so der Bildungsexperte. Deshalb will der Verband künftig stärker aufklären - mit Praktika und Betriebserkundungen, bei denen sich Ausbildungsinteressierte „über die Zukunftstechnologien, moderne Tätigkeitsbereiche und die ganz konkrete betriebliche Transformation informieren können.“

Die Botschaft ist: „Ohne die Technologien aus der Metall- und Elektroindustrie können wir die globalen Herausforderungen nicht meistern“ sagt Gabriele Waizenegger, die für Südwestmetall das Bildungsprojekt „Coaching4Future“ in Baden-Württemberg koordiniert und in Ravensburg ihre Geschäftsstelle hat. Das Projekt will Schülerinnen und Schüler in der Berufswahlphase über die Möglichkeiten in technischen Berufen informieren. „Wir versuchen mit den Schülern herauszufinden, wo ihre Stärken liegen und schauen uns dann die dazu passenden Berufe an und motivieren sie, sich für ein Studium oder eine Ausbildung zu bewerben“, so Waizenegger.

Den Klima-Hype sieht das Handwerk als Chance. Mit dem „Elektroniker für Gebäudesystemintegration“ wurde beispielsweise eine neue Fachrichtung eingeführt, die sich mit den Themen Energiemanagement, Elektromobilität und intelligenter Steuerung beschäftigt. Die Handwerkskammer Ulm gibt sich optimistisch: Der Trend zu den Zukunftsberufen im Handwerk lasse sich bereits mit Zahlen untermauern. Beispiel: Im Jahr 2011 sind im Kammergebiet, das von Ulm bis zum Bodensee reicht, 230 neue Lehrverträge für Elektroniker abgeschlossen worden, 2021 waren es schon 274. Im Gebiet der Handwerkskammer sind noch rund 500 Lehrstellen frei. Wer lerne, moderne Heizanlagen zu installieren und Lüftungen zu verbauen leiste einen tatkräftigen Beitrag für Umwelt und Klima: „Junge Menschen können aktiv für den Klimaschutz sein, ohne nur auf der Straße zu demonstrieren: mit einer Ausbildung im Handwerk“, so die Handwerkskammer.

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