Die 300-Millionen-Euro-Wette

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 Logo des Pharma- und Impfstoffherstellers Curevac aus Tübingen: Für 300 Millionen Euro übernimmt die staatliche Förderbank KfW
Logo des Pharma- und Impfstoffherstellers Curevac aus Tübingen: Für 300 Millionen Euro übernimmt die staatliche Förderbank KfW rund 23 Prozent der Anteile. (Foto: Jens Krick/imago images)
Deutsche Presse-Agentur
Sascha Meyer und Kathrin Löffler

Im weltweiten Rennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus steigt der Bund beim deutschen Biotech-Unternehmen Curevac ein. Wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Montag sagte, übernimmt die staatliche Förderbank KfW für 300 Millionen Euro rund 23 Prozent der Anteile. Ziel sei, dem Unternehmen von Mehrheitseigner Dietmar Hopp finanzielle Sicherheit zu geben. Auf Geschäftsentscheidungen wolle der Staat keinen Einfluss nehmen. Die Firma mit Sitz in Tübingen forscht seit Januar an einem Impfstoff.

Altmaier sagte, die Beteiligung sei zugleich industriepolitisch von hoher Bedeutung. Wichtige Forschungsergebnisse und Technologien würden in Deutschland und Europa gebraucht. Hintergrund sei auch das Ziel der Bundesregierung, bei der Herstellung von Wirkstoffen und in der Impfstoffproduktion mehr Unabhängigkeit zu erreichen. „Mit dieser Investition tun wir einen ersten Schritt in diese Richtung.“ Die Technologie von Curevac habe das Potenzial, neue Impfstoffe und Behandlungsmöglichkeiten für viele Menschen zu entwickeln.

Bei dem Einstieg war nach Regierungsangaben Eile geboten. „Der beabsichtigte Erwerb einer Bundesbeteiligung an Curevac soll sicherstellen, dass das Unternehmen nicht durch einen ausländischen Investor übernommen wird und ins Ausland abwandert“, heißt es in einer Mitteilung des Finanzministeriums an den Bundestag. Es sei „von besonderem Bundesinteresse, eine Grundversorgung der Bevölkerung in Deutschland mit dem Impfstoff sicherzustellen“. Curevac beabsichtige Mitte Juli einen Börsengang in New York. Die Entscheidung zum Bundeseinstieg sei wegen kapitalmarktrechtlicher Vorgaben „höchst eilbedürftig“ gewesen.

Hopp erklärte, durch die Corona-Krise sei die hohe Bedeutung der Biotechnologiebranche für die Patienten, die Gesellschaft und die Welt sichtbar geworden. Er freue sich, dass dies auch von staatlicher Seite erkannt und diese Schlüsselindustrie über die frühe Forschung hinaus unterstützt werde. Hopp, der Mitgründer des Softwarekonzerns SAP ist, hält bisher über eine Beteiligungsgesellschaft rund 80 Prozent der Anteile an Curevac. Für den Staatseinstieg verkauft er keine Anteile, dieser soll über eine Kapitalerhöhung laufen.

Weltweit ist ein Wettlauf entstanden, wer den ersten Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt. Wann es so weit ist, ist ungewiss. Auf Curevac ruhten bereits die Hoffnungen, bevor sich das Coronavirus in Deutschland ausbreitete. Ende Januar erteilte die internationale Impfstoffkooperation CEPI dem Unternehmen eine Förderzusage von 8,3 Millionen US-Dollar (rund 7,5 Millionen Euro).

Die Arbeit von Curevac sprach sich herum. Anfang März lud US-Präsident Donald Trump den damaligen Vorstandsvorsitzenden von Curevac, Dan Menichella, und weitere Pharmavertreter ins Weiße Haus, um sich über die Impfstoffsuche zu informieren. Kurz darauf gab es Wirbel um die Tübinger Firma. Medienberichten zufolge versuchte Trump, den Impfstoff exklusiv für sein Land zu sichern und bot der Firma dafür einen hohen Betrag. Die Empörung war groß.

Hauptanteilseigner Hopp hatte einen Verkauf des Unternehmens und Exklusivproduktion vehement abgelehnt. „Ich habe gesagt, das kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Und ich nehme an, damit habe ich bei Curevac offene Türen eingerannt“, sagte er am Montag.

Das Unternehmen selbst hatte ein entsprechendes Angebot Trumps dementiert und Spekulationen über den Verkauf zurückgewiesen. Altmaier will das Investment nun auch als klares Signal für den Standort Deutschland verstanden wissen. „Wir sind überzeugt, dass Curevac auch in Zukunft ein deutsches Unternehmen bleiben wird, das auch international erfolgreich agiert“, sagte er.

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) bezeichnete den geplanten Einstieg des Bundes bei Curevac als starkes und richtiges Signal. „Das ist eine gute Nachricht, ganz besonders auch für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Baden-Württemberg.“ Zugleich forderte die CDU-Politikerin, dass der Impfstoff im Erfolgsfall allen Betroffenen weltweit zur Verfügung stehen müsse. Der Vize-Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Michael Theurer, sagte, es müsse sichergestellt werden, dass es keinen staatlichen Einfluss auf die Geschäftspolitik und durch die Staatsbeteiligung keine Interessenskonflikte bei der Zulassung gebe.

Auch in der Branche war am Montag von einem guten Signal die Rede, dass sich die Bundesregierung in dieser Form für Biotech-Unternehmen engagiere.

Curevac hat angekündigt, in diesem Monat eine erste klinische Studie mit Freiwilligen zu beginnen. Das Unternehmen wurde 2000 aus der Universität Tübingen heraus gegründet und beschäftigt 460 Mitarbeiter. Die EU hatte für die Entwicklung des Impfstoffes bis zu 80 Millionen Euro als Unterstützung angekündigt.

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