Deutschlands älteste Sektkellerei Kessler aus Esslingen baut auf Unterstützung aus Italien

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Ein Sektglas vor schwarzem Hintergrund
Prickelnder Genuss: Für Kesslers Sekte stammt der Grundsekt aus aus Italien. Erst die zweite Gärung findet in Esslingen statt. (Foto: imago images)
Gerhard Bläske

Es ist eine lange Tradition, auf die die Sektkellerei Kessler zurückblicken kann. 1826 gründete der in Heilbronn geborene Georg Christian von Kessler die Sektkellerei im baden-württembergischen Esslingen. Wissen und Erfahrung hatte er zuvor im berühmten Champagnerhaus Veuve Clicquot-Ponsardin in Reims gesammelt. Dort war er Teilhaber und Direktor. Die Sektkellerei Kessler ist bis heute die älteste in ganz Deutschland. Dass es sie aber überhaupt noch gibt, liegt wohl an Geschäftsführer Christopher Baur und seinen Mitgesellschaftern, aber auch der italienischen Winzergenossenschaft Cavit.

Diese hat 2013 eine Mehrheit von 50,1 Prozent an der aus einer tiefen Krise kommenden Sektkellerei übernommen und das war laut Baur ein Segen.

„Die wesentlichen Gründe für den Einstieg von Cavit waren die langfristige Sicherung der hochwertigen Grundweinversorgung – insbesondere Chardonnay und Burgunder und die Beschleunigung der Premium-Strategie mit raschem Ausbau des traditionellen Verfahrens über die Kapitalerhöhung“, sagt Baur, der nach wie vor Geschäftsführer ist.

Regionaler Fokus

Baur setzt den Fokus der Entwicklung regional. „Schritt für Schritt gehen wir aber auch in Metropolen wie Berlin“, fügt er hinzu. Kessler bewegt sich nach seinen Worten in einer Nische, „einem sehr kleinen und dynamischen Markt“, und setzt mehr als acht Millionen Euro um.

Damit liegt Kessler weit hinter den großen deutschen Sekthäusern wie Rotkäppchen-Mumm, Henkell oder Schloss Wachenheim, die ihre Grundweine überwiegend aus Spanien, Italien und Südfrankreich beziehen und bei deren Einkauf eine ganz andere Marktmacht aufbieten können als Kessler, das zumindest in Baden-Württemberg zu den Größeren gehört.

Im Ländle dominieren Winzersekte. Die sind im Vergleich zum deutschen Sektdurchschnittspreis von drei bis vier Euro pro Flasche deutlich höherpreisiger. Zu den bekannten Namen gehören Horst Stengel, Emil Schweickert, Aldinger, Franz Keller, das badische Weingut Huber oder die Privatsektkellerei Reinecker. Sie produzieren häufig sortenreine Schaumweine, etwa aus Riesling. Kessler trägt nur einen Bruchteil zum Cavit-Umsatz von 190 Millionen Euro bei. Die Italiener produzieren auch eigene Schaumweine.

Dennoch sei Kessler für Cavit von großer Bedeutung, sagt Enrico Zanoni, Generaldirektor der Genossenschaft: „Kessler war die erste Investitionserfahrung für Cavit außerhalb Italiens.“

Cavit hat 4500 Weinproduzenten im Trentino unter Vertrag. Sie bewirtschaften 5500 Hektar Rebfläche, produzieren in Höhenlagen von 70 bis 720 Metern. Verarbeitet und abgefüllt werden die Weine in der 80 000 Quadratmeter großen Firmenzentrale am Stadtrand von Trient. Produktion und Lagerung, Abfüllung und Kommerzialisierung erfolgen durch Cavit, deren Weine hierzulande unter dem Namen Mastri Vernacoli verkauft werden.

Cavit will weitere Zukäufe

Deutschland ist für Cavit, dessen Exportanteil bei mehr als 75 Prozent liegt, nach den USA, Kanada und Großbritannien der viertwichtigste Markt. Zanoni sieht hierzulande die Bereitschaft, mehr auf Qualität zu setzen und auch höherpreisige Produkte zu kaufen. Und Cavit plant weitere Zukäufe: „Wir sind immer offen für potenzielle Akquisitionen – sowohl in Italien als auch im Ausland“, sagt er. Ziel sei es, vor allem die Schaumweinsparte von Cavit zu stärken und die Vertriebsmöglichkeiten für die Produkte zu erweitern. Mittelfristig denkt er an Rußland, langfristig an Asien und insbesondere China.

Kessler ist auch für Cavit von großer Bedeutung. „Diese Partnerschaft hat Cavit zusätzliche Absatzmöglichkeiten für die Produktion von Chardonnay gebracht, der die Basis für den Sekt ist“, sagt Zanoni, der betont, dass Kessler seine volle Autonomie bewahrt hat. Neben hochwertigen Chardonnay-Weinen liefert Cavit auch Burgunderweine.

Von den Italienern kommen dabei die sogenannten Grundsekte, die aus der Vergärung und Verwandlung der Trauben in Alkohol entstanden sind. Sie werden vor der allgemeinen Lese geerntet, damit sie den für die Sektproduktion gewünschten Säuregehalt haben.

Kauf direkt im Sektkeller

Die zweite Gärung, die unter der Zusetzung von Zucker und Hefe erfolgt, und die Lagerung finden dann am historischen Standort der Sektkellerei in Esslingen statt.

Besucher können die Gewölbekeller in der Altstadt von Esslingen besichtigen und die Schaumweine außer im Lebensmitteleinzelhandel und im Fachhandel auch direkt am Sitz der Kellerei oder über das Internet erwerben.

Kessler profitiert auch vom technischen Know-how in Trient und hat gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit den Italienern. Ein Beispiel dafür ist Pica. Es wurde entwickelt, um eine optimale Bewirtschaftung und gute Erträge zu gewährleisten. Der Name steht für eine integrierte weinwirtschaftliche karthografische Plattform.

Die Plattform basiert auf geoklimatischen Daten der Nasa und ist mit Prognosemodellen ausgestattet, die in Echtzeit Bodeneigenschaften und Klimavariablen wie Höhe, Wärmestrahlung und Lichtstunden für jede einzelne Parzelle sammeln und auswerten.

So kann etwa bei zu großer Trockenheit gezielt bewässert oder der ideale Erntezeitpunkt bestimmt werden. Außerdem werden geeignete Anbauflächen für die Reben identifiziert, die empfindlich auf den Klimawandel reagieren. Zu diesen Rebsorten gehört auch der Chardonnay, der für die Sektherstellung von Kessler so wichtig ist.

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