Deutschland ist der drittgrößte Exporteur von Agrarprodukten – Mit verheerenden Folgen

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Schweinehälfte liegt auf dem Tisch von einem Metzger
Eine Schweinehälfte wird von einem Fleischer zerteilt: Fleischwaren im Wert von 9,8 Milliarden exportiert die deutsche Landwirtschaft jährlich. (Foto: Bernd Thissen/dpa)
Nina Jeglinski

Seit Wochen protestieren die deutschen Bauern lautstark. Sie fühlen sich zu Unrecht attackiert als Tierquäler und als Umweltsünder. Sie sehen ihre Kompetenz infrage gestellt und ihre Existenz bedroht – in einem Umfeld, in dem immer neue Auflagen zum Schutz der Umwelt und der Tiere beschlossen werden. Auf den dadurch steigenden Kosten würden die Landwirte sitzenbleiben, bemängeln sie.

Doch zwischen den Bauern gibt es große Unterschiede. Während viele tatsächlich unter den Bedingungen der Massenproduktion und des Kostendrucks ächzen, verdienen andere immer noch gutes Geld mit Ackerbau und Viehzucht. Die deutsche Landwirtschaft ist seit Jahren ganz oben auf der Liste der Topexporteure weltweit. Nur die USA und die Niederlande verkaufen mehr Agrarprodukte ins Ausland.

Drei Viertel der deutschen Exporte gehen in die Länder der Europäischen Union – Waren im Wert von 56,8 Milliarden Euro. Das meiste Geld erzielt die Landwirtschaftsindustrie über den Verkauf von Fleisch und Fleischerzeugnissen, wie es in der Fachsprache heißt: insgesamt 9,8 Milliarden Euro im Jahr. Dicht dahinter liegen die Umsätze mit Milch und Milcherzeugnissen. Ein deutscher Durchschnittslandwirt erlöst jeden vierten Euro im Export. Insbesondere das Geschäft mit dem Fleisch ist eine deutsche Spezialität. Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr rund 55 Millionen Schweine und 3,5 Millionen Rinder getötet, aus denen insgesamt 6,3 Millionen Tonnen Fleisch hergestellt wurden. Deutschland ist Europas größter Produzent bei Schweinefleisch. Die Produktion übersteigt in vielen Bereichen den heimischen Verbrauch und wird weltweit verkauft.

Die Ausrichtung des Geschäfts stößt auf Kritik. Der einflussreiche Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) etwa spricht von einer dramatischen Überproduktion, die dem Land schade. Zum einen profiliere sich die deutsche Ernährungsindustrie als Billigheimer, statt auf Qualität zu setzen. Zum anderen belaste die Gülle aus der massenhaften Viehzucht das Trinkwasser. Seit Jahren schon fordert die Europäische Union von der Bundesrepublik, die dadurch entstehenden hohen Nitrat-werte entscheidend zu senken. Es drohen Strafzahlungen von 857 000 Euro – pro Tag. Es gibt Wissenschaftler, die fordern, die Tierbestände im Nordwesten Deutschlands um 40 bis 50 Prozent zurückzufahren.

Doch der Schaden, den die Großproduktion anrichtet, beschränkt sich nicht nur auf die Bundesrepublik. Immer wieder sieht sich die Fleischindustrie der Kritik ausgesetzt, die Märkte in weiten Teilen Afrikas mit ihren Waren zu überschwemmen. Vor allem die kirchliche Nichtregierungsorganisation Brot für die Welt erhebt seit Jahrzehnten schwere Vorwürfe. Es begann nach der Dürrekatastrophe des Jahres 1983. Damals wurden mit Hilfslieferungen erstmals tiefgefrorene Hühnerbeine und andere verarbeitete Teile auf den Markt gebracht. In den 1990er-Jahren kam es dann zu einem Boom.

Länder wie Ghana haben es nach Einschätzung der Kritiker danach versäumt, die eigene Geflügelwirtschaft zu stärken und die Verarbeitung zu modernisieren, um den Einfuhren von ausländischem Geflügel entgegenzuwirken. Laut einer aktuellen Studie des Thünen-Instituts sind einheimischen Produzenten in Ghana jedoch bis heute nicht in der Lage, die immer weiter steigende Nachfrage zu befriedigen. Der Grund dafür sei das Fehlen der dafür notwendigen Infrastruktur mit Schlachthöfen, Kühlketten und der Verteilung an Supermärkte. Länder wie Ghana oder auch Nigeria zählen zu den Staaten in Afrika, in denen sich die Bevölkerung in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt hat. Das heißt auch, dass der Bedarf an Lebensmitteln ständig steigt und nicht durch eigene Produktion bedient werden kann.

Die Bundesregierung bemüht sich zaghaft, die Exportbedingungen so zu ändern, dass nicht nur die großen Massenproduzenten zum Zug kommen. So gibt es etwa vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) seit 2010 ein Förderprogramm für die exportierenden kleinen und mittleren Unternehmen. Der Hintergedanke dabei ist auch, die Märkte in Afrika weniger zu überschwemmen. „Im Fokus stehen kaufkräftige, wachstumsstarke Industrie- und Schwellenländer. Am wenigsten entwickelte Länder sind nicht Ziel der Aktivitäten“, schreibt das BMEL in einem Papier.

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