Tarifgespräche: Deutlich mehr Lohn für die Metaller – aber nicht sofort

Sichtlich gezeichnet vom Verhandlungsmarathon, jedoch erleichtert, zeigten sich in Ludwigsburg Harald Marquardt (von rechts nach
Sichtlich gezeichnet vom Verhandlungsmarathon, jedoch erleichtert, zeigten sich in Ludwigsburg Harald Marquardt (von rechts nach links), Verhandlungsführer Südwestmetall, Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, und Stefan Wolf, Präsident Gesamtmetall. (Foto: Marijan Murat/dpa)
Chefreporterin

8,5 Prozent mehr Lohn und 3000 Euro Inflationsprämie bei einer Laufzeit von zwei Jahren: Das sind in Kurzform die Ergebnisse der Tarifverhandlungen für die deutsche Metall- und Elektroindustrie. Gelungen ist der Abschluss in Baden-Württemberg nach einer dramatischen Verhandlungsnacht in Ludwigsburg bei Stuttgart.

Gegen Mitternacht standen die Gespräche dem Vernehmen nach auf der Kippe. Doch unter dem Eindruck eines drohende Streiks fanden die Verhandlungsführer, Roman Zitzelsberger für die IG Metall, und Harald Marquardt für die Arbeitgeber, zu einer Lösung. Dieser Pilotabschluss soll jetzt auf alle Metall-Bezirke in Deutschland übertragen werden, mit knapp vier Millionen Beschäftigten.

Schwerer Weg zum Abschluss

„Dieser Kompromiss ist angesichts der extrem schwierigen wirtschaftlichen Situation und der enormen Unsicherheiten sicherlich in vielen Punkten schmerzhaft und absolut an der Grenze dessen, was wir für die Mehrzahl unserer Mitglieder gerade noch für tragbar halten“, sagte Harald Marquardt bei der nächtlichen Pressekonferenz.

Der Abschluss sei „äußerst kritisch“ und ein „ganz schwieriger Happen“, ergänzte Südwestmetall Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick am Freitag in Stuttgart. Das Ergebnis sei der „einzig mögliche Kompromiss“ gewesen unter dem Eindruck des drohenden Arbeitskampfs.

Die IG Metall hatte zuvor mit einer Vielzahl von Warnstreiks allein in Baden-Württemberg rund 290 000 Beschäftigte auf die Straße gebracht - bundesweit rund 900 000 - und bei einem Scheitern mit langen Streiks gedroht. Noch in der Verhandlungsnacht hat er nach eigenen Worten „das Schwert auf den Tisch gelegt“. Bedeutet: Eine Urabstimmung nur in Baden-Württemberg zu starten, um so schneller zu Streiks zu kommen. Bei den Arbeitgebern hat das Verärgerung hinterlassen

Entsprechend zufrieden gab sich IG Metall Bezirksleiter Zitzelsberger: „Die Kolleginnen und Kollegen bekommen nun endlich die dauerhafte prozentuale Entgelterhöhung, die ihnen zusteht.“ Das wichtigste Ziel der Gewerkschaft, tabellenwirksame Lohnerhöhungen statt reiner Einmalzahlungen, hat Zitzelsberger erreicht. Auch wenn der Abschluss deutlich von der Ursprungsforderung nach einem Plus von acht Prozent für zwölf Monate abweicht.

Für wen gilt der Abschluss:

In der Metall- und Elektroindustrie sind nach Zahlen des Verbands Gesamtmetall knapp vier Millionen Menschen beschäftigt, in der Autoindustrie, im Maschinenbau,bei Metallverarbeitern oder Elektrotechnik. Knapp unter einer Million davon arbeiten in Baden-Württemberg. In tariflich gebunden Betrieben sind jedoch nur etwas mehr als die Hälfte davon beschäftigt. Bei den Autokonzernen liegt der Organisationsgrad deutlich höher. Dennoch ist der Tarifabschluss für die gesamte Branche entscheidend. Auch unter dem Eindruck des Fachkräftemangels lehnen sich die meisten Unternehmen stark an den vereinbarten Tarif an.

Wie stark steigen die Löhne?

Der Abschluss sieht ein Lohnplus von 8,5 Prozent vor: 5,2 Prozent zum Juni 2023 vor und noch mal 3,3 Prozent ab Mai 2024 bei einer Laufzeit von 24 Monaten, also bis Ende September 2024. Für die IG Metall war die Laufzeit eng an die Prozent geknüpft. An dieser Frage drohten die Verhandlungen zu scheitern. Zitzelsberger drohte nach eigenen Worten mit dem Abbruch, wenn die Arbeitgeber dem nicht zustimmen. Auch die Metaller müssen eine Kröte schlucken: Das Geld kommt spät, angesichts der aktuell hohen Inflation, die Prognosen zufolge im Februar 2023 ihren Höhepunkt erreichen soll.

Die Inflationsausgleichsprämie

3000 Euro steuer- und abgabenfrei kommen für die Beschäftigten oben drauf, allerdings in Tranchen. Um der Preissteigerung entgegenzuwirken, gibt es eine Inflationsprämie in Höhe von 3000 Euro. Diese wird in zwei Schritten ausbezahlt: Die ersten 1500 Euro sollen im Januar oder Februar 2023 fließen, die zweite Hälfte ein Jahr später. Hier sind starke Abweichungen möglich, sollten Betriebe wirtschaftlich unter Druck stehen. Auszubildende erhalten nach dem selben Schema 1100 Euro.

Flexibilität eingebaut:

Für die Arbeitgeber war es wichtig, in den Abschluss Differenzierungen einzubauen. Die größte Flexibilität gibt es bei der Auszahlung der Prämie. Gesetzt ist, dass die ersten 750 Euro im Januar fließen müsse. Davon abgesehen haben die Arbeitgeber große Beinfreiheit - unter Zustimmung des jeweiligen Betriebsrats. So können Unternehmen, die 2022 noch ein gutes Jahr haben, die kompletten 3000 Euro noch in diesem Jahr verbuchen und auszahlen. Im Extremfall können Arbeitgeber auch die gesamte Prämie auf das Ende der Laufzeit, also Ende 2024, schieben.

Eine „automatische Differenzierung“ wurde - wie bereits im Tarifabschluss 2021 - beim tariflichen Zusatzgeld eingebaut. Beschlossen ist, dass bei einer Nettoumsatzrendite unter 2,3 Prozent dieses Zusatzgeld kann es sowohl 2023 als auch 2024 verschoben, gekürzt oder gestrichen werden. Dieser Mechanismus greift dann automatisch, also ohne Zustimmung des Betriebsrats. Das Zusatzgeld beträgt bisher 400 Euro jährlich und wird jetzt auf 600 Euro erhöht.

Diese flexible Gestaltung sei für die Unternehmen „sehr viel wert“, sagte Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Dick. Nach Berechnungen des Verbandes senkt der Einsatz beider Instrumente die Lohnkostenbelastung übers Jahre gerechnet um 2,4 Prozent. „Vor allem aber können die Arbeitgeber steuern, in welchem Kalenderjahr sie die Inflationsausgleichsprämie auszahlen wollen“, sagte Marquardt: „Damit schaffen wir einen sehr großen Hebel bei der Variabilität der Kosten und tragen den unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung.“

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