Der Food-Nerd: Ritter-Sport-Chef über die Zukunft seines Konzerns

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ILLUSTRATION - Ein Stück Voll-Nuss-Schokolade der Marke Ritter-Sport-Schokolade ist am 28.11.2013 in Freiburg (Baden-Württemberg
Ein Stück Voll-Nuss-Schokolade der Marke Ritter-Sport-Schokolade (Foto: dpa/Patrick Seeger)
Crossmedia Volontärin
Der Chef

Andreas Ronken ist nach einem Maschinenbaustudium 1993 als Managementtrainee beim Nahrungsmittelkonzern Mars eingesteigen. Bei Mars durchlief er verschiedene Positionen. 2005 wechselte er zu Ritter Sport als Geschäftsführer für Produktion und Technik. Seit 2015 ist der 52-Jährige Vorsitzender der Geschäftsführung. Ronken bezeichnet sich selbst als „Food Nerd“. Zuhause hat er sich ein kleines Lebensmittel-Labor eingerichtet, wo er mit den verschiedenen Geschmacksrichtungen von Schokolade experimentiert.

Das Unternehmen

Hinter der Schokoladenmarke Ritter Sport steckt das mittelständische Familienunternehmen Alfred Ritter. Es wurde 1912 als Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik von Alfred Eugen Ritter und Clara Ritter in Stuttgart-Bad Canstatt gegründet wurde. 1930 zog das Unternehmen nach Waldenbuch, Landkreis Böblingen, um. Clara Ritter machte 1932 den Vorschlag eine quadratische Schokoladentafel zu produzieren, die in jede Sportjacketttasche passt und genau so viel wiegt wie eine Langtafel. Daraus entstand das erste Schokoladenquadrat unter dem Namen „Ritter’s Sport Schokolade“. Bis heute ist das Unternehmen in Familienhand. Es beschäftigt 1550 Mitarbeiter und machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 489 Millionen Euro Umsatz (2017: 482 Millionen). Angaben zum Gewinn macht das Unternehmen nicht. Nach eigenen Angaben verlassen täglich rund drei Millionen Schokoladentafeln das Werk im schwäbischen Waldenbuch. Von dort aus werden sie in rund 100 Länder weltweit exportiert. Rund 30 Prozent des benötigten Kakaos soll künftig von der eigenen Plantage in Nicaragua kommen.

 

Beim Schokoladenhersteller Ritter Sport mit Sitz in Waldenbuch im Landkreis Böblingen gibt es eine Sache, die eine Revolution unter den Mitarbeitern auslösen würde, ist sich Unternehmenschef Andreas Ronken sicher: Nämlich wenn man die wöchentliche Portion Schokolade streichen würde. Jeder Mitarbeiter darf jede Woche rund ein Kilo Schokoalde mit nach Hause nehmen. Diese Regel bleibt unangetastet. Anderes ändert sich jedoch. Helena Golz hat mit Andreas Ronken darüber gesprochen, welche Umstrukturierungen das Unternehmen plant und warum Ritter Sport jetzt selbst Kakao anbaut.

Herr Ronken, Ritter Sport ist hierzulande bekannt für seine bunten Quadrate. Machen wir mal den Test. Ich sage Ihnen die Farbe und Sie mir die Sorte. Orange?

Orange war früher Erdnuss. Da gibt es keine aktuelle Sorte.

Himmelblau?

Es gibt viele verschiedene Arten Blau, aber unter Himmelblau verstehen wir immer Alpenmilch.

Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken (Foto: Helena Golz)

Wer entscheidet denn, welche Farbe eine neue Sorte bekommt?

Das entscheidet die Marketing-Abteilung, aber das ist gar nicht so leicht. Wenn wir neue Sorten auf den Markt bringen, müssen wir genau kontrollieren, welche Farbe wir noch nicht gehabt haben, welche Farbe anderen zu sehr ähnelt und was eine Farbe aussagt. Da gab es auch schon Flops: Wir hatten mal eine dunkle Vollmilch-Schokolade, die wir grasgrün verpackt haben. Das haben die Menschen nicht mit dunkler Vollmilch assoziiert. Später haben wir die gleiche Rezeptur in Gold verpackt. Das hat funktioniert.

Das Wort „Sport“ in „Ritter Sport“ kommt daher, dass Firmen-Gründerin Clara Ritter in den 1930er Jahren eine Schokoladentafel entwickeln wollte, die in jedes Sportsakko passt. Heute verwendet kaum jemand mehr Sport und Schokolade in einem Satz. Immer mehr Influencer und Medien propagieren gesunde Ernährung und Sport. Ist Ihr Produkt eigentlich noch zeitgemäß?

Es gibt gar keinen Widerspruch. Schokolade ist ein Genussmittel. Ich sehe auch keinen Widerspruch zwischen einem Glas gutem Rotwein und Sport. Das Produkt muss natürlich in den richtigen Maßen genossen werden, aber eine Welt ohne Genuss und nur mit Astronautenfutter ist keine Lösung.

Die Zahlen sprechen gegen Sie. Vor sechs Jahren haben die Deutschen noch zehn Kilo Schokolade pro Kopf pro Jahr konsumiert. Letztes Jahr nur noch neun, also ein Rückgang um zehn Prozent. Ist der Markt zukunftssicher?

Tatsächlich sinkt der Absatz pro Kopf in Deutschland, aber wir beliefern ja nicht nur den deutschen Markt. Wir sind international ausgerichtet. Es gibt auch viele Märkte, da ist der Pro-Kopf-Verbrauch steigend, in China oder auch Russland zum Beispiel.

Das heißt, in Ihrem Umsatz spiegelt sich der sinkende Absatz in Deutschland nicht wider?

Letztes Jahr haben wir einen Umsatz von knapp 500 Millionen Euro gemacht. Damit sind wir gewachsen. In Deutschland nicht, in unseren Wachstumsmärkten, wie eben Russland, dafür stärker. Wir können unsere laufenden und anstehenden Investitionen stemmen.

Die da wären?

Zum einen ist da der Fokus auf die Nachhaltigkeit unserer Produkte. Wir betreiben eine eigene Kakao-Plantage in Nicaragua, in die wir jedes Jahr fünf Millionen Euro investieren; dazu weitere fünf Millionen Euro jährlich in nachhaltigen Kakao vor allem in Westafrika. Zum zweiten investieren wir gerade 16 Millionen in einen Neubau an unserem Firmensitz Waldenbuch, der eine moderne Arbeitsumgebung ermöglicht: weg von Einzelbüros hin zu Räumen, in denen die Mitarbeiter gemeinsam informeller, agiler und projektbezogener arbeiten.

Warum wollen Sie diese Veränderung?

Wenn wir so weiterarbeiten wie wir jetzt arbeiten, sind wir zu langsam. Das resultiert in zu langen Zeiten für die Entwicklung neuer Sorten oder für die Marktbearbeitung. Wir müssen schneller werden.

Das klingt nach einem hart umkämpften Markt.

Es ist ein umkämpfter Markt. Deutschland ist einer der günstigsten Märkte für Lebensmittel. Obwohl wir das reichste europäische Land sind, wollen die Deutschen nicht viel für Lebensmittel ausgeben. Das spüren wir natürlich. Glücklicherweise verabschieden sich viele Menschen immer mehr von dieser „Geiz-ist-geil-Mentalität“. Es gibt da eine neue Generation, die mehr über die Herkunft und Preise nachdenkt. In einer Tafel Ritter Sport ist umgerechnet eine Kakaofrucht enthalten. Das ist also keine Süßigkeit, die aus der Maschine kommt. Dahinter steckt ein Rohprodukt, das schon von den Mayas getrunken wurde.

Ein Rohprodukt, das Sie selbst auch näher kennenlernen wollten. Sie investieren, Sie haben es bereits angesprochen, jedes Jahr fünf Millionen Euro in eine eigene Kakao-Plantage in Nicaragua.

Ja, durch die Plantage haben wir extrem viel über Kakao dazu gelernt. Wir wissen jetzt viel mehr, welches Potenzial Kakao hat und was es bedeutet mit der Natur zu arbeiten. Da kann es passieren, dass 20 bis 30 Prozent der Pflanzen kaputtgehen, weil eine Infektion die Pflanzen geschwächt hat oder weil sie nicht gut veredelt waren. Es gibt Trockenheit, Überflutungen. Das bedeutet extrem viel Arbeit. Aber wir wollten das! Um einen nachhaltigen, gut bezahlten Kakaoanbau zu garantieren.

Den Bauern in Nicaragua zahlen Sie etwas mehr als den dortigen Mindestlohn. Davon kann man aber noch keine Kinder zur Universität schicken.

Naja, wir zahlen für die einfachsten Tätigkeiten 20 bis 30 Prozent mehr als den dortigen Mindestlohn. Ob man davon die Kinder zur Uni schicken kann, das hängt sicherlich davon ab, wie man insgesamt wirtschaftet. Aber ich glaube, man muss auch vorsichtig sein. Es gibt auch andere, einheimische Betriebe in Nicaragua, die Mitarbeiter brauchen. Und wir können jetzt nicht einfach 100 Prozent mehr zahlen, als der andere Betrieb. Dann ist man derjenige, der die Preise kaputtmacht.

ARCHIV - Eine Mitarbeiterin des Schokoladenherstellers Ritter-Sport kontrolliert am Donnerstag (16.08.2007) in der Produktion in
Eine Mitarbeiterin des Schokoladenherstellers Ritter-Sport kontrolliert in der Produktion in Waldenbuch Schokoladen-Tafeln. (Foto: Marijan Murat)

Aber wie stark ist nun die Belastung für die Unternehmensbilanz? Haben Sie zwischendrin doch mal gedacht, dass Sie sich zu viel vorgenommen haben?

Nein, ich glaube, dass es möglich ist, dass man ordentlich wirtschaften kann und trotzdem Geld verdient. Diese Ansicht vertritt auch die Familie Ritter, die solche Projekte ermöglicht. Würde man in einem Aktienunternehmen so ein Investment machen, würde man gefeuert, weil die Aktionäre am Quartalsende ihre Dividende haben wollen. Aber wir, die Gesellschafter und die Geschäftsführung, glauben, dass ein solches Investment unser Familienunternehmen vererbbarer macht, den inneren Wert steigert. Die Rechnung, dass wir dadurch mal ein Jahr fünf Millionen mehr haben könnten oder fünf Millionen weniger, machen wir gar nicht.

Sie sind jetzt Kakaobauern. Können Sie sich vorstellen einen weiteren Bereich in der Wertschöpfungskette zu übernehmen?

Wir fokussieren uns zunächst mal auf den Kakao. Das nächste könnte eventuell dann die Milch sein. Wir wollen für unsere Produkte ausschließlich Weidemilch, also keine Kühe, die das Tageslicht nie sehen. Wir werden dabei aber nicht so weit gehen und Kuhbauern werden, sondern das Thema gemeinsam mit unseren Lieferanten entwicklen. Wenn man jährlich fünf Millionen in eine Plantage investiert, kann man keine weiteren zehn Projekte starten, die nochmals fünf Millionen jedes Jahr kosten. Also nach und nach.

Der Chef

Andreas Ronken ist nach einem Maschinenbaustudium 1993 als Managementtrainee beim Nahrungsmittelkonzern Mars eingesteigen. Bei Mars durchlief er verschiedene Positionen. 2005 wechselte er zu Ritter Sport als Geschäftsführer für Produktion und Technik. Seit 2015 ist der 52-Jährige Vorsitzender der Geschäftsführung. Ronken bezeichnet sich selbst als „Food Nerd“. Zuhause hat er sich ein kleines Lebensmittel-Labor eingerichtet, wo er mit den verschiedenen Geschmacksrichtungen von Schokolade experimentiert.

Das Unternehmen

Hinter der Schokoladenmarke Ritter Sport steckt das mittelständische Familienunternehmen Alfred Ritter. Es wurde 1912 als Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik von Alfred Eugen Ritter und Clara Ritter in Stuttgart-Bad Canstatt gegründet wurde. 1930 zog das Unternehmen nach Waldenbuch, Landkreis Böblingen, um. Clara Ritter machte 1932 den Vorschlag eine quadratische Schokoladentafel zu produzieren, die in jede Sportjacketttasche passt und genau so viel wiegt wie eine Langtafel. Daraus entstand das erste Schokoladenquadrat unter dem Namen „Ritter’s Sport Schokolade“. Bis heute ist das Unternehmen in Familienhand. Es beschäftigt 1550 Mitarbeiter und machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 489 Millionen Euro Umsatz (2017: 482 Millionen). Angaben zum Gewinn macht das Unternehmen nicht. Nach eigenen Angaben verlassen täglich rund drei Millionen Schokoladentafeln das Werk im schwäbischen Waldenbuch. Von dort aus werden sie in rund 100 Länder weltweit exportiert. Rund 30 Prozent des benötigten Kakaos soll künftig von der eigenen Plantage in Nicaragua kommen.

 

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