Der dümmste Crash im Dax

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Friedhelm Busch
Friedhelm Busch (Foto: OH)

Ravensburg - Das Geschehen an den Wertpapierbörsen ist eine insgesamt logische Veranstaltung, die nach bestimmten ökonomischen und psychologischen Regeln funktioniert. Gefährlich wird es immer dann, wenn die Psyche der Anleger überhand nimmt. So wie an diesem Handelstag im Oktober 1989.

Angefangen hatte alles, fast auf den Tag genau, zwei Jahre nach dem denkwürdigen Oktobercrash des Jahres 1987. Wieder war es ein Freitag im Oktober, genauer, der 13. Oktober 1989. Und wieder begann das Unglück an der Wall Street. Der Anlass war im Grunde harmlos: Mitarbeiter der angeschlagenen US-Fluggesellschaft United-Airlines hatten versucht, ihr eigenes Unternehmen zu übernehmen. Doch in letzter Sekunde verweigerten die Banken die dafür notwendigen Kredite. Das Geschäft platzte, die Börse war geschockt. Kurz vor Handelsschluss stürzte der Dow Jones Index innerhalb weniger Minuten ins Bodenlose.

Als die deutschen Anleger am nächsten Morgen aus den Zeitungen von diesem Kurseinbruch erfuhren, wurden sofort die bösen Erinnerungen an den Börsencrash vom Oktober 1987 geweckt. Am darauffolgenden Montag wurden die deutschen Kreditinstitute, Stunden vor Börsenbeginn, von Verkaufsaufträgen ihrer Kundschaft überschwemmt. Dass es an der Börse in Frankfurt ein Schlachtfest geben würde, war jedem Marktbeobachter klar. „Deswegen erhielt ich von Sat.1, damals noch der Heimatsender der Telebörse, die Erlaubnis, bereits ab elf Uhr, dreißig Minuten vor Handelsbeginn, in einer Sondersendung live vom Börsenparkett zu berichten“, erinnert sich der Wirtschaftsjournalist und Börsenberichterstatter Friedhelm Busch.

Es kam, wie es kommen musste. Seit den frühen Morgenstunden schwappte aus den Filialen der Sparkassen und Banken eine nicht endende Flut unlimitierter Verkaufsaufträge der privaten Kundschaft in die Händlerbüros an den Seiten des Börsensaals. Auf den Anzeigetafeln erschienen hinter den Kürzeln für die wichtigsten Aktien überwiegend dreifache Minuszeichen. Die höchste Alarmstufe: Ein einzelnes Minuszeichen signalisierte damals einen Kursverlust von fünf Prozent zum vorherigen Kurs. Bei dreifachem Minus würde der nächste Kurs 20 Prozent tiefer liegen. Selbst bei dem legendären Oktobercrash von 1987 hatte es keinen derartigen Verkaufsdruck gegeben.

Wie eine wild gewordene Rinderherde rasten die deutschen Kleinanleger auf den Abgrund zu und waren durch nichts zu stoppen. Erst gegen zwölf Uhr konnten im Frankfurter Börsensaal die ersten Kurse ermittelt werden. Sie machten die ganze schreckliche Wahrheit sichtbar: Auf einen Schlag hatten selbst die goldgeränderten deutschen Standardtitel 70 Milliarden D-Mark an Wert verloren, war der DAX von knapp 1600 auf unter 1400 Punkte abgestürzt – bis heute der höchste Tagesverlust am deutschen Aktienmarkt. Und das, ohne dass sich auch nur das Geringste am wirtschaftlichen Umfeld geändert hatte.

Nur ein kurzer Spuk

In diesem Tohuwabohu zeigten sich die Börsenprofis erstaunlich ruhig. „In stoischer Gelassenheit stand Klaus Nagel, der damalige Chefhändler der Deutschen Bank, vor seinem Börsenbüro und schaute zu“, erzählt Busch. Mit unbewegtem Gesicht registrierte er die Kurskatastrophe, die sich auf den Anzeigetafeln im Börsensaal abzeichnete, das Geschrei der Händler und ihre ekstatischen „An-Dich-Armbewegungen“ mit denen sie Verkausaufträge signalisierten. Gegen 13 Uhr, eine halbe Stunde vor Börsenschluss, ließ der Lärm spürbar nach. Offenbar hatten nun auch die letzten Kleinanleger ihre Aktien verramscht. Und plötzlich, so Busch, erwachte Klaus Nagel. Im Geschwindschritt lief er an den erschöpften Händlern und Kursmaklern vorbei.

Mit beiden Armen winkend, signalisierte er dem ganzen Börsensaal: „Ich kaufe von Dir.“ Wie von der Tarantel gebissen schrien sich die Händler der anderen Banken zu: „Die Deutsche Bank kauft!“ Der Börsensaal explodierte. Wo vorher nur „An Dich“ zu hören gewesen war, brüllte nun alles „Von Dir“. „Der dümmste Crash, den ich in meinem langen Berufsleben als Börsenreporter erlebt hatte, war innerhalb weniger Minuten vorbei“, so Busch. Doch Kleinanleger hatten zu diesem Zeitpunkt schon alles verkauft.

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