Das Ringen um die Fachkräfte

 Jürgen Mladek (rechts), Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, bei der Podiumsdiskussion zum Fachkräftemangel. Seine Gäste sin
Jürgen Mladek (rechts), Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, bei der Podiumsdiskussion zum Fachkräftemangel. Seine Gäste sind Karin Brugger, Peter Friedrich, Markus Kern und Jürgen Schatz (von links nach rechts). (Foto: Michael Scheyer)
Redakteur

Der deutschen Wirtschaft fehlen Fachkräfte. Besonders stark betroffen sind handwerkliche Berufe. Dies ist längst zu einer Binsenwahrheit geworden. Weniger klar stellen sich aber die möglichen Maßnahmen dar, um der Misere Herr zu werden. Dies hat sich auch in der Podiumsdiskussion über die Frage, ob der Fachkräftemangel den Mittelstand bedroht, niedergeschlagen.

Moderator Jürgen Mladek, einer der beiden Chefredakteure der Schwäbischen Zeitung, wandte sich zuerst an Karin Brugger, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Region Ulm-Aalen/Göppingen. Sie meinte: „Ein höherer Verdienst ist eine Möglichkeit, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.“ Wenn nur der Mindestlohn gezahlt werde, seien keine Fachkräfte zu bekommen.

Mit Blick auf ihre eigene Branche analysierte Brugger, dass Rekrutierungsprobleme zumindest teilweise hausgemacht seien. Sie verwies auf eine hohe Abbrecherquote bei der Ausbildung. Nach ihrer Ansicht habe dies auch mit einer mangelnden Wertschätzung der Berufe zu tun.

Brugger fand es höchst ärgerlich, „mit welcher Geringschätzung Leute behandelt würden“. Sie nannte als Beispiele Servicekräfte in der Gastronomie oder im Bereich von Reinigung. Ein weiteres Hemmnis bei der Suche nach Nachwuchs, glaubt Brugger, sei die Aussicht, nach der Ausbildung fürs erste nur befristete Arbeitsplätze zu bekommen. Die Gewerkschafterin forderte, mit dieser Praxis Schluss zu machen. Zuletzt warnte Brugger noch davor, beim Fachkräftemangel zu stark auf Zuwanderung zu setzen. Sie alleine würde das Problem nicht lösen.

Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart, wies unter anderem auf den demografischen Wandel hin. So sinke in den nächsten Jahren die Zahl der Ausbildungsfähigen in Baden-Württemberg auf unter 100 000 Menschen. Für seinen Bereich ging er aktuell davon aus, dass auf 4000 besetzte Ausbildungsstellen nochmals 4000 unbesetzte Plätze kämen. „Sie werden vielfach gar nicht mehr ausgeschrieben“, sagte er. Der Grund: Die Betriebe hätten resigniert.

Speziell bei einigen Handwerksberufen ortete Friedrich „schon seit Jahren ein großes Imageproblem“. Er nannte Bäcker und Metzger. Klischeemässig sei von ungünstigen Arbeitszeiten sowie ebenso unattraktiven Arbeitsumständen die Rede – bei Bäckern hieße es, man müsse um ein Uhr morgens in der Backstube stehen. Bei Metzgern gebe es die Ansicht, den ganzen Tag in Kühlräumen arbeiten zu müssen. Dies sei aber längst überholt. Bäcker wie Metzger seien höchst vielfältige Berufe. Der Qualitätsunterschied von einer Bäckerei oder Metzgerei zu Discountern könne sehr deutlich sein.

Wobei Friedrich auch darauf hinwies, dass „Betriebe, die in die Ausbildung investiert haben, weniger Sorgen haben“. Zudem argumentierte er damit, „praktische Berufsorientierung an alle Schulen zu bringen“. Gerade bei weiterführenden Schulen solle es nicht nur um eine Studienorientierung gehen. Schließlich sei es für Menschen wichtig, eine „sinnstiftenden Arbeit“ zu finden. Diese könne in allen Bereichen liegen. Des weiteren müsse man „die Beschäftigten mitnehmen und weiter qualifizieren“. Friedrich erinnerte an den Umstand, dass ein Handwerker inzwischen nach dem Erwerb des Meistertitels studieren könne.

„Es ist wesentlich schwieriger geworden, unsere freigewordenen Stellen nachzubesetzen“, betonte Markus Kern, Geschäftsführer der Carthago Reisemobilbau GmbH. Aufträge seien vorhanden. Arbeit gebe es genug. Es würden aber generell die Fachkräfte fehlen. Er forderte, sich „gesellschaftspolitisch damit auseinanderzusetzen, dass Handwerk niedriger bewertet wird als eine akademische Ausbildung“. Auch er verwies auf Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten im handwerklichen Bereich: „Wir brauchen ein lebenslanges Lernen“, attestiert er.

Kern beschäftigte im Gespräch auch die Zuwanderung. Man müsse sich mit ihr ernsthaft auseinandersetzen und sich klar machen, „wie wir diese Leute in die Betriebe bringen“. Die Rede war von einer weiteren Qualifizierung von Zuwanderern oder auch der rascheren Anerkennung ausländischer Abschlüsse.

„Wir sind faktisch ein Zuwanderungsland“, brachte Jürgen Schatz, Bereichsleiter Weiterbildung der IHK Weingarten, in Erinnerung. Dies müsse auch genutzt werden. Schatz griff in seinen Statements einmal mehr Studium und handwerkliche Ausbildung auf. „Auch ein Studium ist nur eine Ausbildung“, letztlich so wie eine Lehre, versuchte er deutlich zu machen. „Das wichtigste ist, das sich die Rollenbilder ändern.“ Wenn jemand mit Hauptschulabschluss seinen Meister machen, habe er schließlich „sehr tolle Fördermöglichkeiten“.

Nach seiner Erfahrung „gehen auch viele Unternehmen weg von einer Befristung der Arbeitsverträge, um Leute zu halten“. Vieles sei in Bewegung. Auch er wünscht sich jedoch deutliche mehr Respekt fürs Handwerk. Darin sind sich am Schluss alle vier Teilnehmer der Podiumsdiskussion mehr als einig.

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