Das Fahrverbot im Kopf: Diesel-Fahrer bleiben auf ihren Autos sitzen

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Diesel: Fahrverbote ab 2019
Ende Februar hatte das Bundesverwaltungsgericht Fahrverbote für zulässig erklärt – nun steht fest: Ab 2019 dürfen Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 4 und schlechter bestimmte Gebiete in Stuttgart nicht mehr befahren.
Fabian Albrecht

In nicht einmal fünf Monaten dürfen Zehntausende Menschen nicht mehr mit ihrem Diesel nach Stuttgart fahren. Einige Besitzer versuchen deshalb, ihre Selbstzünder loszuwerden. Sie können einem leidtun. Dabei müssten sie ihre Autos vielleicht gar nicht verkaufen.

Mit einem Kaffee aus dem Pappbecher lehnen sie im Nieselregen an ihren Motorhauben und starren auf den Boden des Autokinos. Die Szene wirkt trostlos und etwas aus der Zeit gefallen, und so fühlen sich auch viele der Menschen, die auf dem Automarkt in Kornwestheim (Landkreis Ludwigsburg) an diesem Tag versuchen, ihre Autos zu verkaufen.

Erzählen wollen sie alle – über ihre eigentlich doch guten Autos, über die Versprechen, weshalb sie sie gekauft haben und über die Regierung, die in den Augen vieler hier das Schlamassel der Diesel-Besitzer zu verantworten hat. Nur seinen Namen will niemand nennen. Es ist fast, als würden sich die Leute für ihr Auto schämen.

Mehrere Gerichte haben ihre Diesel für die schlechte Luft in Stuttgart verantwortlich gemacht und die Landesregierung gezwungen, vom kommenden Jahr an Fahrverbote zu verhängen. Die gelten ab Januar, für Anwohner ab April, für alle Diesel mit den Abgasnormen Euro1 bis Euro 4. Wer will so ein Auto jetzt noch haben?

Schon den dritten Samstag in Folge steht ein Stuttgarter hier und versucht, seinen neun Jahre alten Euro-4-Diesel an den Mann zu bringen. „Schönes Auto – aber leider ein Diesel“, höre er hier oft von den wenigen Interessenten, die überhaupt auf dem Automarkt vorbeischauen. Beim ersten Mal versuchte der Mann, für seinen weißen SUV noch die 10 000 Euro zu bekommen, die er vor acht Monaten dafür bezahlt hat. Eine Woche später ging er auf 9000 runter. Doch auch heute – für 8500 – will niemand das Auto kaufen.

„8500 will er, wenn er 5000 bekommt, kann er froh sein“, sagt ein Händler aus Mosbach, der gegenüber steht und jede Woche auf dem Markt nach Autos für sein Geschäft schaut. „Was willst du machen? Entweder du behältst das Auto oder du verkaufst mit Einbußen.“

8500 will er, wenn er 5000 bekommt, kann er froh sein“

Von Panik ist nichts zu spüren auf dem Markt, dafür ist es viel zu ruhig. Eher melancholisch stehen die Anbieter sich hier die Füße in den Bauch und tauschen Erfahrungen aus. Die meisten der rund 50 angebotenen Autos haben Händler hier hingestellt, die meisten Interessenten sind ebenfalls Profis. Privatpersonen kommen kaum. Zuletzt habe er einen Diesel vor sechs Wochen verkauft, berichtet der Händler aus Mosbach. Kaufen würde er Diesel momentan gar nicht mehr, „auch nicht bei mir in Mosbach“. Einen Diesel habe er noch auf dem Hof stehen, einen Audi A4, Baujahr 2014. „Eigentlich ein super Auto.“ Aber er werde ihn nicht los.

Ruf des Selbstzünders hat mächtig gelitten

Der Ruf des einst als umweltfreundlich gefeierten Selbstzünders hat mächtig gelitten, seitdem die Abgasmanipulationen deutscher Autobauer 2015 bekannt wurden. Das merkt man hier. „Früher stand ein Audi höchstens eine Woche bei mir, dann war er weg.“ Das sei nun anders. Seit zwei Monaten habe das Auto niemand angeguckt.

Laut dem Diesel-Barometer der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) stehen Diesel-Fahrzeuge in Deutschland derzeit durchschnittlich 106 Tage beim Händler, bevor sie verkauft werden. Das ist rund eine Woche mehr als noch vor einem Jahr – und mehr als drei Wochen länger als Benziner, die rund 84 Tage auf einen neuen Besitzer warten.

Dennoch hat sich der Markt zuletzt gefangen. Im Juni stieg die Nachfrage nach gebrauchten Dieseln sogar wieder etwas, die Preise sind auf niedrigem Niveau stabil. „Es gibt keinen freien Fall“, sagt Reimund Elbe vom Automobilclub ADAC. Von Panik und Hysterie sei auf dem Gebrauchtwagenmarkt nichts zu spüren. Auch der Fahrzeugbewerter Schwacke geht nicht von einem weiteren Preissturz aus.

Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren Anfang des Jahres in der Region Stuttgart 534 573 Diesel-Autos zugelassen. Etwa 35 Prozent davon (188 163 Autos) haben die Euronorm 1 bis 4 und sind vom Fahrverbot betroffen. Weitere 34 Prozent der Diesel (183 358 Autos) entsprechen der Euro-5-Norm, denen ebenfalls ein Fahrverbot droht.

Auch sie finden in Kornwestheim wenige Interessenten. „Jeder, der sich das Auto anguckt, bezieht sich natürlich darauf“, erzählt ein Mann aus Ludwigsburg, der einen Skoda Euro 5 auf dem Automarkt anbietet. Er hatte das ehemalige Firmenauto seinem Arbeitgeber abgekauft, um es seiner Freundin zu schenken – doch der war es zu groß.

Der ADAC empfiehlt gerade solchen Besitzern, die nicht täglich nach Stuttgart müssen, ihren Diesel eher zu halten. Aus Sicht von Reimund Elbe gibt es drei Gruppen von Diesel-Besitzern im Raum Stuttgart: Die erste Gruppe sind die Stuttgarter. Die sollten sich möglichst bald erkundigen, ob sie eine Ausnahmegenehmigung bekommen könnten und sonst den Verkauf einleiten, rät Elbe.

Die zweite Gruppe sind Pendler. Die könnten laut Elbe ihren Diesel behalten, sofern der Öffentliche Nahverkehr ausgebaut und etwa zusätzliche Park-and-Ride-Plätze geschaffen werden. „Von denen darf man nicht erwarten, dass sie wie eine Ölsardine zur Arbeit fahren“, sagt Elbe. Ein Verkauf sei jedoch, je nachdem wie oft sie wirklich mit dem Auto in die Stadt müssen, nicht unbedingt nötig.

Überhaupt keinen Verkaufsdruck sieht Elbe bei der dritten Gruppe: Den Anwohnern der Region, die nur unregelmäßig nach Stuttgart reinfahren müssen. Dieser Gruppe rät er vom Verkauf ab. In jedem Fall sollten Diesel-Besitzer im Südwesten jetzt aber ihre Situation analysieren und überlegen, was sie tun, sagt Elbe. Weniger als vier Monate vor Inkrafttreten gilt jedoch eines für alle drei Gruppen: „Warten kann man beim besten Willen nicht mehr empfehlen.“

Diesel Zulassungen in der Region

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