Das Ökostrom-Paradoxon

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In der Sonne glänzende Metallkabel einer Starkstromleitung: In Deutschland entsteht viel Energie dort, wo sie nicht gebraucht wi
In der Sonne glänzende Metallkabel einer Starkstromleitung: In Deutschland entsteht viel Energie dort, wo sie nicht gebraucht wird – im Osten und im Norden der Bundesrepublik. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Ressortleiter Wirtschaft

Es ist ein Fortschritt mit Tücken: Noch niemals zuvor hat die deutsche Energieindustrie so viel klimafreundlichen Ökostrom produziert wie im vergangenen Jahr. Nach den Berechnungen des Energiekonzerns Eon stieg die von Solar-, Wasser- und Windkraftanlagen hergestelle Strommenge 2017 auf rund 154 Milliarden Kilowattstunden – das ist etwa ein Fünftel mehr als im Jahr zuvor. Dazu kommen noch etwa 38 Milliarden Kilowattstunden Strom, die Biogasanlagen erzeugen.

Doch Energie aus Wasserkraftanlagen, Windrädern und Solarzellen hat einen entscheidenden Nachteil – und der kommt bei einer steigenden Menge immer mehr zum Tragen: Die erneuerbaren Energien sind naturgemäß sehr vom Wetter abhängig und unterliegen deshalb großen Schwankungen. In stürmischen Zeiten oder bei Sonne produzieren die Anlagen größere Mengen als in windstillen Nächten. Da es noch nicht in ausreichendem Maße Techniken gibt, mit denen überschüssiger Strom gespeichert werden kann, übertrifft immer wieder die in Deutschland erzeugte Strommenge den Verbrauch. Und in diesem Fall muss die zu viel produzierte Energie ins Ausland verscherbelt werden – zu Preisen, die weit unter den Herstellungskosten liegen oder gar zu Tarifen, in denen der Käufer noch Geld bekommt, wenn er denn den Strom abnimmt.

Der Neujahrstag ist nach Informationen des „Handelsblatts“ wieder so ein Tag gewesen: Die in Deutschland hergestellte Energiemenge überstieg den Strombedarf bei weitem. Wer in dieser Zeit Energie kaufte, erhielt in der Spitze 76 Euro je Megawattstunde dazu. Hauptabnehmer war Frankreich. Die Zahl der Stunden, in denen deutsche Unternehmen auf diese Weise Strom exportieren mussten, stieg nach Informationen der Wirtschaftszeitung, die sich auf die Bundesnetzagentur beruft, von 15 im Jahr 2008 auf 146 im vergangenen Jahr.

Ein zweites noch ungelöstes Problem der Energiewende ist, dass ein Großteil des deutschen Ökostromes dort entsteht, wo er nicht gebraucht wird – an den Küsten, und nicht in den Industrieregionen von Baden-Württemberg und Bayern. Die Windparks in Nord- und Ostsee gehen ans Netz, die Stromtrassen in den Süden fehlen, das hat zur Folge, dass die großen Netzbetreiber immer öfter mit teuren Eingriffen die Stromnetze stabilisieren müssen. Allein bei dem Übertragungsnetzbetreiber Tennet stiegen die Kosten für solche Eingriffe laut „Handelsblatt“ von 660 Millionen Euro im Jahr 2016 auf fast eine Milliarde Euro im vergangenen Jahr. Fachleute schätzen, dass dieser Aufwand in den kommenden Jahren auf bis zu vier Milliarden steigt.

Tragen muss die Kosten der Verbraucher: Die Übertragungsnetzbetreiber legen sowohl die negativen Preise – also den Bonus, den Stromkäufer am Neujahrstag von Deutschland erhalten – als auch die Mittel, die für die Netzstabilisierung aufgewendet werden, nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf die Endkunden um.

Experten wie der Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft, Hubertus Bardt, mahnen einen schnellen Ausbau der Netze an. Zudem streiten die Fachleute, wer in erster Linie Schuld hat, dass immer öfter mehr Strom produziert wird als nötig. So bemängelt Bardt, dass die Betreiber von Windrädern und Solaranlagen kein Interesse daran haben, ihre Stromproduktion am Bedarf auszurichten, weil die Netzbetreiber laut EEG den Ökstrom zu jeder Zeit abnehmen müssen. Felix Mattes vom Ökoinstitut macht dagegen vor allem überaltete Kohlekraftwerke für das Problem verantwortlich, weil diese Anlagen nicht flexibel hoch- und runtergefahren werden können.

Für Thomas Bareiß (CDU), energiepolitischer Sprecher der Unionsfraktion, führt an einem Ausbau der Netze kein Weg vorbei. „Wir brauchen die Stromautobahnen in die Industriezentren von Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen“, sagt der Sigmaringer Bundestagsabgeordnete der „Schwäbischen Zeitung“. Weil schon jetzt ein Großteil des Ökostromes an der Küste und im Osten Deutschlands entstehe, steigen die sogenannten Repatch-Kosten jedes Jahr. Damit ist der Aufwand gemeint, wenn im Süden Kraftwerke hoch- und im Norden runtergefahren werden müssen. „Wir können also in Zukunft nur dort Ökostromanlagen zubauen, wo wirklich Strombedarf herrscht.“

Bareiß: Obergrenze muss bleiben

In der vergangenen Legislaturperiode habe man das durch die Netzausbauregionen gut steuern können. Die Union werde in den Sondierungen dafür kämpfen, dass das Konzept Bestand hat. „Ich glaube, dass wir mit der SPD da zu einem guten Ergebnis kommen werden“, erklärt Bareiß. Ein falscher Weg sei dagegen die Forderung, diese Obergrenze für den Zubau von erneuerbaren Energien aufzugeben, wie das Vertreter der Ökostromindustrie fordern.

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