Darum trat der ZF-Aufsichtsratschef zurück

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Der frühere ZF-Aufsichtsratschef Giorgio Behr: „Ich habe immer und auch im Jahr 2017 die Eigentümerinteressen hochgehalten.“
Der frühere ZF-Aufsichtsratschef Giorgio Behr: „Ich habe immer und auch im Jahr 2017 die Eigentümerinteressen hochgehalten.“ (Foto: Felix Kästle)
Schwäbische Zeitung
Ressortleiter Wirtschaft

Die Gründe für den Rücktritt von ZF-Aufsichtsratschef Giorgio Behr Ende November liegen offenbar weiter in der Vergangenheit als bislang bekannt. Nach Informationen der „Schwäbischen Zeitung“ gab es bereits im Frühjahr ein tiefes Zerwürfnis zwischen dem Schweizer Unternehmer und Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand, der für die städtische Zeppelin-Stiftung im Aufsichtsrat des Autozulieferers ZF sitzt und damit in dem Kontrollgremium den Haupteigentümer des Autozulieferers vertritt.Auch Vorstandschef Stefan Sommer hatte nach Differenzen mit Brand erst vor wenigen Tagen sein Amt bei ZF aufgegeben.

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Zu den Unterstützern von Sommer im Streit mit Friedrichshafens Oberbürgermeister gehörte von Anfang an Aufsichtsratschef Giorgio Behr. Der Schweizer befürwortete die von Sommer geplante Übernahme des belgisch-amerikanischen Bremsenherstellers Wabco und stellte sich Mitte November in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ öffentlich gegen die Eigentümer.

Behr erklärte, dass ZF durchaus die Übernahme eines größeren Unternehmens verkraften könnte. Brand und mit ihm die Mehrheit des Aufsichtsrats, der sich in zwei Abstimmungen gegen den Deal entschied, waren strikt gegen den Kauf von Wabco, der ZF wohl mehr als sieben Milliarden Euro gekostet hätte. Ende November trat Behr von seinem Amt als Aufsichtsratschef zurück.

Im Frühjahr kam der Bruch

Der Bruch mit den Eigentümern erfolgte allerdings bereits im Frühjahr – und zwar in den Tagen, bevor die ZF-Aufsichtsräte das erste Mal über Wabco berieten. „Behr suchte das Gespräch mit Vertretern der Kapitalseite, um sie von Wabco zu überzeugen, ohne die beiden Vertreter der Eigentümer im Aufsichtsrat zu der Telefonkonferenz dazuzubitten“, sagt eine Person aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Danach sei für die Eigentümer die Vertrauensbasis mit Behr zerstört gewesen, und man habe sich auf eine Abberufung verständigt.

Giorgio Behr weist die Anschuldigung im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ scharf zurück. Auf die Frage, ob es Anfang Mai eine Telefonkonferenz der Kapitalseite im Aufsichtsrat gegeben habe, an der Oberbürgermeister Andreas Brand nicht teilgenommen hat, antwortet Behr mit: „Nein“.

69-Jähriger ist irritiert

„Mir ist auch keine von mir einberufene Telefonkonferenz bekannt, an der der aktuelle Vertreter des Hauptaktionärs nicht teilgenommen hat“, erklärt Behr. Er habe immer und auch im Jahr 2017 die Eigentümerinteressen hochgehalten. Von einer Abberufung wisse er nichts.

Der 69-Jährige ist irritiert über den Vorwurf, dass er die Eigentümer hintergangen haben soll. „In der französischen Schweiz gibt es ein Sprichwort: Qui s’excuse s’accuse (deutsch: Wer sich verteidigt, klagt sich selber an)“, sagt Behr. „Was jetzt in der Öffentlichkeit herumerzählt wird, erinnert mich an dieses Sprichwort.“ Er zieht eine sehr positive Bilanz seiner zehnjährigen Amtszeit. „Wir waren sehr gut unterwegs und haben ein gutes Team aufgebaut. Die Mannschaft verjüngt, es sieht gut aus und geht voran“, sagt Behr. „Man kann in der Sache unterschiedlicher Meinung sein, aber warum es jetzt zu einer Trennung von Stefan Sommer kommen musste, verstehe ich nicht.“

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