Daimler zwischen Altlasten und Zukunftssorgen

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 Mercedes-Stern im Werk Sindelfingen. Der Autobauer präsentierte beste Geschäftszahlen.
Mercedes-Stern im Werk Sindelfingen. Der Autobauer präsentierte beste Geschäftszahlen. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Wolfgang Mulke

Draußen vor der Tür des Veranstaltungssaals auf dem Berliner Messegelände demonstrieren Umweltschützer gegen den Diesel und Ingenieure gegen die Verlagerung ihrer Stellen von Ulm nach Stuttgart. Die in anderen Jahren bei Protesten üblichen verbalen Scharmützel zwischen Demonstranten und Aktionären bleiben aus.

Die Besucher der Hauptversammlung wollen sich ihre grundsätzlich gute Laune nicht verderben lassen. Denn das Rekordjahr des Stuttgarter Autobauers zahlt sich für sie in Form einer Spitzendividende aus. 3,65 Euro gibt es für jeden Anteilsschein. Vier Milliarden Euro sind es insgesamt, so viel wie noch nie in der Geschichte des Unternehmens. „Daimler ist heute so erfolgreich wie nie zuvor“, betont Aufsichtsratschef Manfred Bischoff.

Doch der Freude über die aktuell gute Lage folgten schnell kritische Fragen der Aktionärsvertreter zur Zukunft Daimlers und zu den unbewältigten Altlasten. Wie schaffen die Schwaben zum Beispiel den Einstieg ins Elektrozeitalter. „Wir haben bei der E-Mobilität den Schalter umgelegt“, versichert Vorstandschef Dieter Zetsche. Bis 2022 soll es bei Mercedes in jedem Segment wenigstens eine elektrische Modellvariante geben. Auch Transporter, Busse und LKW will Daimler elektrifizieren. Die Kehrseite der Medaille wird den Aktionären weniger gefallen. „Mehr Elektroautos sind gut für die CO-Bilanz“, sagt Zetsche, „aber nicht so gut für unsere Konzern-Bilanz.“ So stimmt er seine Anteilseigener wohl auf eine Zeit mit geringeren Gewinnen ein. Denn es drohen hohe Investitionen bei geringeren Margen.

Unkonkret beim Konzernumbau

Daimler steckt mitten im Wandel. Zetsche spricht gar vom „größten Transformationsprozess seiner Geschichte“. Dazu gehört der Plan für einen Umbau der Konzernstruktur. Einzelne Geschäftsfelder sollen eigenständig werden und so schneller auf Marktentwicklungen reagieren können. Konkreter wollte der Vorstand Fragen dazu aber nicht beantworten.

Auf jeden Fall muss der Konzern daneben noch reichlich viele Altlasten bewältigen. Die Aktionäre machten aus der Unsicherheit darüber keinen Hehl. „LKW-Kartell, Abgasaffäre, Affenskandal – was läuft hier eigentlich falsch“, fragt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Damit sind die größten Baustellen auch schon benannt. Er fordert Transparenz, mehr Offenheit als Konkurrent Volkswagen an den Tag legt. „Egal was noch kommt: Machen Sie es besser als VW“, fordert Tüngler.

Diesel soll Teil der Lösung sein

Auf Daimler rollen Milliardenforderungen von LKW-Kunden zu, die durch das Kartell geschädigt wurden, an dem der Konzern beteiligt war. Allein die Deutsche Bahn fordert Schadenersatz für 35 000 Fahrzeuge. Wie hoch die Forderungen am Ende sein werden, könne man noch nicht abschätzen, räumt der Vorstand ein. Auch beim mittlerweile umstrittenen Diesel bleibt Zetsche zurückhaltend. Von einem Ende der Technologie will er nichts wissen. „Der Hightech-Diesel ist im Antriebsmix der Zukunft nicht das Problem, sondern ein wichtiger Teil der Lösung“, versichert er. Ob diese Rechnung angesichts der aktuellen Kaufflaute bei Dieselmodellen aufgehen kann, lässt Zetsche offen.

Auf Skepsis stößt schließlich auch der neue chinesische Großaktionär Li Shufu. „Er will sich langfristig bei Daimler engagieren“, betont Zetsche nach den bisherigen Gesprächen mit dem Industriellen, der ebenfalls Autos bauen lässt und knapp zehn Prozent der Daimler-Aktien besitzt. Andere Aktionäre beäugen den Neuen argwöhnisch, etwa Ingo Speich von Union Investment. Ihn treibt die Sorge, dass der Großaktionär Technologie von Daimler abziehen will. „Li Shufu könnte ein Wolf im Schafspelz sein“, warnt Speich.

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